Der Mann, der am 9.11.1989 fliehen wollte

Mauerfall 89: Heute vor 30 Jahren brach Wolfgang Freisleben aus Brand-Erbisdorf auf, um über die Botschaft in Prag in den Westen zu ziehen. Dann hörte er kurz hinter Frauenstein im Radio: die Grenze ist offen.

Brand-Erbisdorf.

Stell dir vor, du sitzt im Gefängnis, planst deinen abenteuerlichen wie gefährlichen Ausbruch, hast alles vorbereitet - und plötzlich steht die Tür offen. Dieses Bild zeichnet Wolfgang Freisleben (67) aus Freiberg von seinem persönlichen 9. November 1989. An dem Tag nimmt er die kleine Reisetasche, in die er nur das Nötigste gepackt hat. Es ist schon dunkel draußen. Er verabschiedet sich von seiner Mutter und steigt in seinen Polski Fiat. Freisleben will zur bundesdeutschen Botschaft nach Prag - und so rüber in den Westen.

Seit den Sommerferien besetzen DDR-Bürger die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin und die Botschaften in Warschau, Prag und Budapest, um ihre Ausreise zu erzwingen. Tausende Menschen fahren nach Ungarn mit dem Ziel, über Österreich in die Bundesrepublik auszureisen. Während Ungarn am 10. September die Grenze zu Österreich auch für DDR-Bürger öffnet, findet die SED weiter Unterstützung in Prag. Der Grenzübertritt von der Tschechoslowakei nach Ungarn ist verwehrt.

Ende September besetzen mehr als 10.000 DDR-Bürger die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Am 30. September gibt Erich Honecker nach und lässt die Flüchtlinge ziehen. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet die Nachricht vom Balkon der Prager Botschaft aus. Die DDR-Regierung bleibt stur und lässt die Grenze zur Tschechoslowakei schließen. Am 17. Oktober wird Erich Honecker im SED-Politbüro gestürzt. Sein Nachfolger Egon Krenz kündigt Veränderungen an, doch die Rufe nach freien Wahlen und Reisefreiheit werden immer lauter.

In dieser aufgewühlten Zeit fasst auch Freisleben seinen Entschluss. "Mir ging es in der DDR nicht schlecht. Ich hatte nichts auszustehen. Es war Neugier und der Wunsch nach ein bisschen mehr Freiheit", erklärt er seinen Aufbruch. Bei der Stadt Brand-Erbisdorf war er zuständig für die Fernwärmeversorgung; er kümmerte sich um die Heizungen in hunderten kommunalen Wohnungen. Privat hing er in der Luft; die Scheidung von seiner Frau hinterließ Spuren. "Ich wollte Abstand gewinnen. Und dafür gab es nur zwei Möglichkeiten: Brutal neu anfangen oder in ein tiefes Loch fallen", sagt er dann doch.

Er fährt los in Richtung Grenzübergang Zinnwald. Zwischen Frauenstein und Hermsdorf hält er auf einem Parkplatz. Eine letzte Zigarette - und ein letztes Mal die Frage: Ist das der richtige Weg? Schaffe ich es über die Grenze?

Sein Bild vom Westen, wie es dort ist, wie es sein wird, hat er von Kurt. Kurt, ein Westdeutscher aus der Fränkischen Schweiz, hat er im Ungarn-Urlaub 1987 kennengelernt. "Wir haben die ganze Nacht geredet und erzählt. Das hat mich neugierig gemacht", erinnert sich Freisleben. Auch sein Vater stammt aus Bayern, seine Großcousins leben in Selb, direkt hinter dem Eisernen Vorhang. Dort will er hin. "Und dann hör ich zufällig im Autoradio: Die Grenze ist auf."

SED-Funktionär Günter Schabowski verkündet am Abend des 9. November 1989 am Ende einer Pressekonferenz das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR. 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage hatte die Mauer die DDR-Bürger vom Westen Deutschlands abgeschirmt. Ab dem 9. November 1989 können sie erstmals Privatreisen auch ohne Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragen. Tausende Menschen, vor allem in Berlin, strömen daraufhin an die innerdeutschen Grenzübergänge. Freisleben steht mit seinem Fiat Polski mitten im Erzgebirge, versteht die Welt nicht mehr. "Ich hab an Ort und Stelle noch fünf Zigaretten geraucht. Ich hab gezittert und hatte null Ahnung, was ich machen soll", erzählt er heute. Dann steigt er ins Auto und fährt wieder nach Hause.

Am nächsten Tag nimmt er erneut Anlauf, holt sich auf der Polizeiwache in Brand-Erbisdorf einen Ausreisestempel und fährt gen Hof - und irgendwo im Vogtland, so genau weiß er es nicht mehr, ganz legal über die Grenze. In Selb fährt er zu seinen Verwandten; die Freude sei groß gewesen, erzählt Freisleben. Er bleibt ein Wochenende, fährt wieder heim in den Osten, packt sein Auto voll. Als er am 16. November an der Grenze von einem Beamten des Bundesgrenzschutzes gefragt wird: "Auf Besuch oder bleiben?" hält er noch einmal inne und sagt: "Bleiben." Freisleben zieht bei seinen Verwandten ein. Die hatten ihm schon einen Job als Heizungsmonteur bei einer Selber Firma besorgt, die heute Stübiger Haustechnik heißt. "Ich dachte, ich muss erst mal mit dem Laufzettel durch alle Institutionen. Aber nein, nach zehn Minuten beim Chef hieß es: Ab nach Weißenstadt zur Montage." Seine Eltern in der Heimat bittet er, ihm Arbeitskleidung zu schicken - quasi als Ostpäckchen in den Westen.

Zur Registrierung muss er dann doch noch ins Aufnahmelager nach Weiden. "So wie ich wusste, haben die damals 800 Leute pro Tag da durchgeschleust. Menschen über Menschen, die meisten wollten nach Bayern", erzählt der Rentner. Er bekam sein Begrüßungsgeld von 100 Mark und einen Verpflegungsbeutel ausgehändigt.

In Selb hatte der Sachse im Januar 1990 eine eigene Wohnung zugewiesen bekommen. Sein Freund Kurt unterstützte ihn. Wochentags war er auf Montage. In seiner Freizeit spielte er Fußball. Dass er gut im Federball war, kam ihm zugute, als die Volkshochschule einen Badminton-Übungsleiter suchte. "Was ich gelernt habe: Wenn du nicht unters Volk gehst, kommst du nicht vorwärts." Mit dieser Devise stürzte er sich in sein neues Leben, lernte Leute und eine neue, etwas andere Lebensart kennen. Dabei montierte der Neu-Bayer zunehmend Heizungsanlagen in Sachsen: Monatelang war er auf einer Baustelle in Dresden. Ab und an besuchte er Heimat, Familie und Freunde.

Vom Bau 1961 bis zum Fall der Mauer 1989 hatten knapp eine Million Menschen die DDR verlassen. Knapp 500.000 siedelten mit Genehmigung über, 460.000 flüchteten, 15.287 wurden von der Bundesregierung "freigekauft". Allein im November 1989 siedelten 133.429 DDR-Bürger in die BRD über.

Dann die überraschende Wende: Knapp zwei Jahre nach seinem Fortzug traf Wolfgang Freisleben bei einer Feier in Brand-Erbisdorf die Frau, für die er sein Leben erneut umkrempelte. Anfang 1993 zog er zu ihr, zurück in die Heimat, fand Arbeit in Freiberg. "89 bis 93, das waren die wildesten Jahre meines Lebens", sagt er heute. Mit Kurt, seinem Westfreund, ist er noch immer befreundet. Ab und an besuchen sie sich; reden über alte Zeiten. "Wenn ich Kurt nicht gehabt hätte, wäre ich abgestürzt", sagt er. Bereut habe er nichts.

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