Der sich durchboxt

MITTEN IN SACHSEN: Was Mittelsachen über ihren Landkreis sagen, der vor zehn Jahren gegründet worden ist. Heute: Landrat Matthias Damm (CDU)

Mittweida/Freiberg.

Wenn im heißen Sommer 2018 über eine Wiedereinführung des Wehrdienstes und eine Dienstpflicht debattiert wird, dann hat Matthias Damm schon vor Monaten einen eigenen Vorschlag gehabt, wie Dienst an der Gemeinschaft aussehen könnte: "Günstiges Bauland zu erhalten, könnte an die Bedingung geknüpft werden, dass der Bauherr Mitglied in einer freiwilligen Feuerwehr ist."

Die Feuerwehr als Ort bürgerschaftlichen Engagements, das liege auf der Hand: "Feuerwehren retten nicht nur Leben, sie kümmern sich auch um ehemalige, ältere Kameraden, sie organisieren und sichern auch Veranstaltungen ab. Ohne sie würde sich manches Rad nicht drehen. So etwas wie sie bräuchten wir in vielen Bereichen, darunter für die Pflege unserer älter werdenden Bevölkerung."

Zur aktuellen Debatte um Dienstpflicht will Damm sich nicht äußern. Über bürgerschaftliches Engagement als ein Grundpfeiler des Lebens in ländlich geprägten Orten hingegen spricht er gern: Wenn sich Menschen auf dem Land ansiedeln und engagieren, dann sollten sie auch die Ortsgemeinschaft und das Gemeindeleben fördern helfen, sagt er und wirbt: "Solche Denkmodelle dürfen nicht tabu sein." Für Matthias Damm ist das ebenso klar, wie sein diskutierter Denkanstoß zu Beginn seiner Amtszeit als mittelsächsischer Landrat im Jahre 2015, Hartz-IV-Empfänger zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten.

Damm steht zu seinen Grundsätzen: Fleißig, zielstrebig, strukturiert leitet er die Verwaltungsbehörde im Riesen-Flächenlandkreis. "Der Freistaat hat die Grundsätze festgelegt, dass bestehende Landkreise nicht zerpflückt werden. So ist der Landkreis Mittelsachsen entstanden."

Damm stellt klar, er verteidige Strukturen nicht um der Strukturen Willen, sondern weil er sie für notwendig halte. Die Schwierigkeiten eines am grünen Tisch erdachten Kreises, der weniger als beispielsweise das benachbarte Erzgebirge auf das Identitätsgefühl seiner Bewohner bauen kann, lassen ihn nicht aus den Augen verlieren, worum es geht: "Eine sinnvolle Verwaltungseinheit mit Leben zu erfüllen. Dank meines Vorgängers Volker Uhlig konnte ich auf einem guten Fundament aufbauen", sagt er und fügt hinzu: "Von Döbeln bis zum Erzgebirge - wenn es darauf ankommt, halten die Mittelsachsen zusammen." Und bei aller Gemeinsamkeit, die angestrebt wird, so behalte doch jede Region ihre eigene Tradition und ihre Eigenheiten.

Der 64-jährige Matthias Damm hat seinen Dienst im Landkreis im Wissen angetreten, dass es nur eine Amtszeit sein würde, weil der Gesetzgeber eine zweite Amtszeit aus Altersgründen nicht zulässt. Seither hat er die Straffung einer Behörde vorangetrieben, die mit einst rund 1700 Mitarbeitern zu groß geworden war für die sinkenden Bevölkerungszahlen im Landkreis. Der Mittweidaer steht zu seinen Grundsätzen, er überlässt nichts dem Zufall. Hat er eine Situation analysiert, dann setzt er zielstrebig seine Lösung um: Zur Zeit der Flüchtlingskrise hat er einen Stab aus Vertretern der zuständigen Kreis-Ämter um sich versammelt, der jeden Morgen im Landratsamt beraten hat, wie die bis zu 300 neu zugewiesenen Flüchtlinge je Woche untergebracht werden können. Einmal nur hat er mit dem Land eine einwöchige Aussetzung einer Neuaufnahme ausgehandelt, weil selbst die Gemeinschaftsunterkünfte ausgelastet waren.

Damm setzte um, was er für seine Pflicht hielt: Er sorgte für Unterkünfte, richtete mit der Kreis-Erstaufnahme in Rossau so etwas wie einen Vorläufer der geplanten Ankerzentren im Landkreis ein, holte mit Dieter Steinert einen Fachmann für Soziales und Organisation als Asyl-Stabschef, schob ein Integrationsprogramm an, während er zu einem Null-Toleranz-Kurs stand und steht: Rund 60 Asylbewerbern sind zwischen Januar und Ende Juli die Leistungen gekürzt worden, weil sie nicht zur Identitätsfindung und damit dem Abwickeln von Asylverfahren beigetragen haben.

Unbeirrt geht er Notwendigkeiten an: In Damms Amtszeit fallen schwierige Verhandlungen, die Schließung eines der Standorte der in finanzielle Bedrängnis geratene Kreis-Krankenhausgesellschaft, der Rückzug aus der Chemnitzer Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein Tarifvertrag mit Lohnverzicht für Krankenhausmitarbeiter in Mittweida. Der Mittweidaer Damm zog die Sanierungsbemühungen um die Krankenhausgesellschaft durch, deren Bestand er zuvor als Chef der größten Kreistagsfraktion mit verantwortet hatte.

Den Landkreis festigen und stärken, das ist es, was Matthias Damm im Jahre Zehn nach der Kreisreform als seine Aufgabe empfindet. Visionen? Auf die Frage antwortet er mit einer Riesenaufgabe, mit der Sorge um den demografischen Wandel, die ihn am meisten umtreibe, wie er einräumt. Damm zeigt Diagramme auf seinem Tablet: "Wie halten wir den Bevölkerungsrückgang auf? In Mittelsachsen leben heute noch halb soviele junge Menschen unter 16 Jahren im Verhältnis zu 1990 - Zuzüge und Wegzüge halten sich in etwa die Waage. Die Zahl der Sterbefälle ist aber größer als die der Geburten - das ist kritisch." Ein Trend, der sich nach Prognosen der Demografieforscher fortsetzt: "Bis 2025 verlieren wir weitere 35.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in Mittelsachsen, also im arbeitsfähigen Alter. Das wirkt sich auf die Fachkräftesituation aus." Seit den 1990er-Jahren ist die Bevölkerungszahl von 400.000 auf 310.000 gesunken. Gegen den drohenden Fachkräftemangel haben Landkreisverwaltung, Arbeitsagentur und Kammern ein Bündel von Maßnahmen geschnürt - von Ausbildungsmessen in allen Kreisteilen bis hin zu speziellen Beratungen. "Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft in 10 bis 15 Jahren noch Arbeitskräfte hat. Denn so gut, wie es unserer Wirtschaft geht, geht es uns allen."

Damm bringt erneut seine Forderung für bürgerschaftliches Engagement ins Spiel. Denn so gehe es um einen Weg, Menschen in der Region zu halten: "Wie können sie in der Region verwurzelt bleiben?", beschreibt er den Anspruch. Dabei seien Konzepte für den ländlichen Raum die große Aufgabe der nächsten Jahre: "Wir müssen die Entwicklung jenseits der sächsischen Großstädte fördern, müssen erhalten und aufmerksam machen auf das, was uns ausmacht: niedrige Lebenshaltungskosten, bezahlbarer Wohnraum, Zuschüsse für Bauen im ländlichen Raum, aktive, gut funktionierende Vereine." Die Suche nach Ärzten für das Land und der Erhalt des öffentlichen Nahverkehrs bezeichnet er als Herausforderungen, für die Lösungen gefunden werden müssen.

Wie gut die Lösungen sind, das wird sich auch auswirken auf das Ergebnis der Kommunal- und Landtagswahlen im nächsten Jahr und ob Damm die kommenden zwei Jahre weiter auf eine starke CDU-/Regionalbauern-Fraktion im Kreistag wird bauen können.

Auf die Frage, ob der AfD-Erfolg in Mittelsachsen zur Bundestagswahl 2017 ein Schlaglicht werfen könnte auf die anstehenden Entscheidungen, reagiert er gelassen: "Ich führe eine Dienstleistungsbehörde, schaue mir Probleme vor Ort an, lerne die 486 mittelsächsischen Ortsteile kennen, habe inzwischen 21 Kommunaltage vor Ort mit Besuchen in Unternehmen, Gesprächen mit Bürgermeistern, Gemeindevertretern und Bürgern abgehalten - das und vieles mehr sind meine Aufgaben als Landrat." Prognosen zur politischen Zukunft abzugeben, hingegen nicht.


Von Mittweida nach Freiberg

Im Juni 2015 gewann Matthias Damm, damals noch Mittweidaer Oberbürgermeister, das Rennen um das Amt des Landrates im Kreis Mittelsachsen gegen Marika Tändler-Walenta von den Linken mit knapp 66Prozent der abgegebenen Stimmen.

Der Mittweidaer, Jahrgang 1954, ist diplomierter Elektrotechnik-Ingenieur und Diplom-Jurist. Von 1972 bis 1976 studierte er Elektroniktechnologie und Feingerätetechnik an der Technischen Universität Dresden. 1976 bis 1990 arbeitete er im VEB Elfema Mittweida, war dort zuletzt Justitiar. Von 1984 bis 1990 absolvierte er ein Jura-Fernstudium an der Humboldt-Universität Berlin, das er als Diplomjurist beendete. Ab 1990 arbeitete er als Rechtsanwalt in Mittweida.

CDU-Parteimitglied wurde Matthias Damm im Jahre 1994. Von 1990 bis 2001 war er Ratsmitglied im Stadtrat Mittweida (1990 bis 1994 Vorsitzender des Stadtrates, 1994 bis 2001 ehrenamtlicher erster Stellvertreter des Bürgermeisters). Im August 2001 wurde er Bürgermeister, ab 2008 OB. Von 2004 bis 2008 war er Mitglied des Kreistages Mittweida. Nach der Kreisreform führte er sieben Jahre die CDU/RBV-Fraktion im Kreistag Mittelsachsen.

Matthias Damm ist verheiratet, erhat zwei Kinder und drei Enkelkinder. (grit)

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