"Die kantigen Typen werden weniger"

Tim Pröse liest in Mittweida aus seinem Buch über Fernsehstars - Im Interview erzählt er, welche Begegnung ihn besonders berührt hat

Mittweida.

Treffen mit Udo Lindenberg, Thomas Gottschalk und Loriot schildert der Autor Tim Pröse in seinem Buch "Samstagabendhelden", aus dem er am heutigen Mittwoch in Mittweida liest. Im Gespräch mit Lea Becker schildert er, wie das Buch entstanden ist.

Freie Presse: Herr Pröse, wie haben Sie die in Ihrem Buch por-trätierten Stars ausgewählt?


Tim Pröse: Das sollten Helden sein, mit denen meine Generation und deren Eltern und Großeltern etwas anfangen können. Ich habe darauf geachtet, dass es besonders charaktervolle, kantige Typen waren und sind - generationsübergreifende Stars, die die Menschen vor dem Fernseher versammelt haben.

Warum Fernsehhelden?

Weil ich mich schon als Jugendlicher von denen begeistern ließ und den Wunsch verspürte, ihnen nahezukommen. Ich dachte: Wenn du Journalist wirst, dann musst du zumindest Pierre Brice, den Winnetou-Darsteller, interviewt haben - das war ein Lebenstraum.

Einige der Porträtierten sind inzwischen gestorben. Haben Sie alle noch zu Lebzeiten getroffen?

Ja, mit einer Ausnahme: Klaus Kinski. Der ist zu früh gestorben. Die meisten habe ich über viele Jahre beobachtet und auch sprechen dürfen. Das war mir wichtig. Ich wollte gern eine besonders persönliche Sicht aufschreiben, um den Lesern etwas atmosphärisch nahezubringen, was ich ganz subjektiv erlebt habe. Über die Prominenten kann ja sonst jeder irgendwas schreiben.

Gab es eine Begegnung, die Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Udo Lindenberg ist einer meiner Lebensbegleiter, die schönsten Begegnungen habe ich mit ihm erlebt. Allerdings auch kritische und traurige Momente, in denen er ganz unten war, in denen man Sorge und Angst um ihn hatte. Ich habe ihn ein dutzendmal getroffen. Es ist schön, wenn man einen Menschen über so lange Zeit auch in seinen Extremen erlebt. So rundet sich ein Bild ab und wird besonders komplex.

Haben Sie die anderen Prominenten auch so häufig getroffen?

Nein, meist nur zwei-, dreimal. Manchmal war es sogar nur einmal. Meine Interviews mit Götz George und Pierre Brice waren die letzten vor ihrem Tod. Da gab es jeweils nur eine wirklich große Begegnung.

Klaus Kinski sind Sie nicht begegnet. Wie sind sie trotzdem an ein Porträt über ihn gekommen?

Genauso, wie ich es am Anfang zum Beispiel bei Hape Kerkeling oder auch Thomas Gottschalk gemacht habe, die selten private Interviews geben. Da habe ich eine Spurensuche unternommen. Ich habe also Weggefährten, Klassenkameraden, Ex-Partner, alte Freunde gefragt: Wer ist Gottschalk? Wer ist Kerkeling? Und vor allen Dingen: Wer ist Kinski? Anscheinend habe ich die richtigen Weggefährten gefunden, weil Gottschalk und Kerkeling diese Spurensuchen dann lasen, und damit sehr einverstanden waren. Nachdem sie gelesen hatten, was andere sagten, haben sie mir dann auch selbst Interviews gegeben.

Gehen Sie anders an Lesungen heran, je nachdem, ob Sie in Ost- oder Westdeutschland sind?

Es ist tatsächlich so, dass mir mal jemand gesagt hat: Da fehlen meine ostdeutschen Stars. Aber viele ostdeutsche Zuschauer haben ja die Stars, die sie im Westfernsehen gesehen haben, auch ins Herz geschlossen. Ich muss zugeben, bei den Ost-Stars kenne ich mich nicht so gut aus, die habe ich im Westen tatsächlich nicht gesehen. In Mittweida werde ich wahrscheinlich das Loriot-Kapitel lesen, weil Loriot ja im Grunde genommen ein Ossi ist. Der ist ja aus Brandenburg. Er war schon zu geteilten Zeiten ein gesamtdeutscher Star, würde ich behaupten.

Gibt es heute noch vergleichbare "Samstagabendhelden"?

Das verbindende Element des Fernsehens verschwindet immer mehr. Jeder stellt sich sein Programm im Internet selbst zusammen. Das ist sehr schick und individuell. Aber für mich ist etwas verloren gegangen. Ich würde mich am Montagmorgen gern wieder mit Leuten über eine Sendung unterhalten, die alle gesehen haben. Und ich wage zu behaupten, dass auch diese kantigen, originellen Fernseh-Typen langsam weniger werden.

Vor Mittweidaer Schülern werden sie aus Ihrem Buch "Jahrhundertzeugen" lesen. Was können sie daraus mitnehmen?

Ich bringe ihnen Personen, von denen sie schon einmal gehört haben, auf einer emotionalen Ebene ganz nah. Ich bin an 70 bis 80 Schulen gewesen und kann sagen: Das ist etwas, das die junge Generation heute noch anspricht. Es macht mir sehr viel Hoffnung, dass die Schüler sich begeistern können für die letzten Stunden im Leben von Sophie Scholl, für das, was die Witwe von Oskar Schindler über ihren Mann sagt, dafür, wie der Sohn von Claus Schenk Graf von Stauffenberg bis heute an seinem hingerichteten Vater hängt. Ich hoffe, dass ich so einen kleinen Beitrag für Zivilcourage und gegen das Vergessen leisten kann.

Zur Person Tim Pröse , geboren 1970 in Essen, arbeitet als Autor und Journalist in München. Er war Chefreporter der "Münchner Abendzeitung" und vierzehn Jahre Redakteur der Zeitschrift "Focus". Am heutigen Mittwoch liest er ab 19.30 Uhr im Ratssaal im Rathaus Mittweida, Markt 32, aus seinem Buch "Samstagabendhelden". Eintritt: 7 Euro. lkb

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