Die Überraschte

Seit vier Jahren sitzt Andrea Kersten im Landtag - zunächst für die AfD, jetzt ist sie in der Blauen Partei. Der Einzug kam für die Ottendorferin genauso unerwartet wie Frauke Petrys Partei- und Fraktionsaustritt. Doch sie tat es ihr gleich. Ob der 52-Jährigen 2019 abermals Verblüffendes gelingt, ist offen.

Mittweida/Dresden.

Für Andrea Kersten ist es in den vergangenen vier Jahren mehrfach anders gekommen als erwartet. 2014 zog die heute 52-Jährige von Platz 13 der AfD-Liste in den Landtag in Dresden ein. 14Kandidaten schafften es. "Ich war nicht davon ausgegangen, dass es klappt", sagt sie in der Rückschau.

Dem Parlament gehört die verheiratete Mutter zweier Kinder nach wie vor an. Aus der AfD-Fraktion trat die gebürtige Karl-Marx-Städterin im September aus. Zwei Monate später kehrte sie der Partei den Rücken, tat es deren einstiger Frontfrau Frauke Petry gleich und folgte ihr wie drei weitere Abgeordnete in die Fraktionslosigkeit.

Petrys Schachzug kam auch für Kersten überraschend. Auf die Namensgebung der neugegründeten Blauen Partei sowie des Bürgerforums Blaue Wende scheint die Ottendorferin keinen Einfluss gehabt zu haben, äußert daran vielmehr behutsame Kritik. Wissend, dass eine Debatte derzeit nichts brächte. "Es kommt nicht auf den Namen, sondern auf Inhalte und Personal an", sagt sie. Um jedes Missverständnis auszuschließen: "Frau Petrys Linie war meine - und ich wollte nicht mehr mittragen, dass sich zur Ahndung von Entgleisungen bestimmter AfD-Mitglieder keine wirksamen Mehrheiten fanden." Damit meint Kersten Äußerungen wie die von Rechtsausleger Björn Höcke. Intern habe sie etwa die Rede des Thüringer Landtagsfraktionschefs vom Januar 2017 kritisiert, bei der er in Dresden die Berliner Holocaustgedenkstätte ein "Denkmal der Schande" nannte: "Wer mich konkret angesprochen hat, hat eine klare Antwort bekommen." Verwandte etwa oder Freunde. Nur: Genügt das für eine Land- und Kreistagsmandatsträgerin? "Ich habe immer die Augen verdreht, wenn derartige Themen in der bekannten Art bespielt wurden", sagt Kersten. Sie gehöre aber nicht zu jenen, "die Parteikollegen öffentlich kritisieren". Überdies sei sie in sozialen Netzwerken, in denen oft besonders straff vom Leder gezogen wird, "nicht so aktiv". Anders als andere einstige Mitstreiter - die damit wahrgenommen werden wollen und wahrgenommen werden.

Auch Frauke Petry war selten um derbe Sprüche verlegen, schafft es nun aber selbst kaum noch auf die Mattscheibe, seit zu Talkshows eher andere eingeladen sind. "Ohne Hass", titelte im April die Zeitung "Welt am Sonntag" über einem Petry-Porträt, "wird's schwieriger" - schwieriger, im medialen Überbietungswettbewerb aufzufallen. Doch man will sich abgrenzen, seriöser auftreten, sagt Kersten, die das für sich seit jeher in Anspruch nimmt.

Für Hass mochte sie nie stehen. Der bis zum Ruhestand an der TUChemnitz lehrende Politologe Eckhard Jesse hält Kersten für seriös, die Blaue Partei hingegen "wahrscheinlich für eine 'Totgeburt'".

Das Feld ist bestellt von Union, FDP, AfD. Braucht es da die Blauen? "Blau steht für konservativ-liberale Werte", sagt Kersten - die farbliche Nähe zur Alternative für Deutschland ist kein Zufall und Beleg dafür, dass es rechts der Mitte enger wird. Kersten wirbt dort für einen Staat, der "nur tut, was nötig ist und den Menschen mehr zutraut". Von Haus aus Schulpolitikerin, tritt sie ein gegen Lehrerverbeamtung und für bessere Rahmenbedingungen an Schulen. Vom sächsischen Kultusminister wünscht sie sich eine Werbekampagne in anderen Bundesländern, um Lehrer anzulocken, deren Pflichtstundenmaß gesenkt werden sollte, sagt sie.

Das Bild aber, das Kersten beim Gespräch im Bürgerbüro an der Rochlitzer Straße in Mittweida von Blauer Wende und Blauer Partei zeichnet, hat viele weiße Flecken. Weil das der Politikerin klar ist, hofft sie auf "unverbrauchte Kräfte", Leute auch, die früher CDU oder AfD angehört haben. Entscheidend sei aber die Frage: "Wer steht für einen Neuanfang mit Sachkompetenz?"

Wie viele Mitglieder die Blaue Partei hat, sagt sie nicht. Es spricht viel dafür, dass es wenige sind, um die Kontrolle zu behalten über Kurs und Personal als Lehre aus der Entwicklung der AfD - da hatten Petry und ihre Anhänger sie verloren. Dass es neben dem Forum auch die Partei gibt, begründet Kersten damit, dass Parteien bei Wahlen auf Bundes- und Landesebene Voraussetzung sind, um die für die Zweitstimme entscheidenden Landeslisten aufstellen zu können. Politik gemacht werden soll mit dem Bürgerforum, das eine lose Bindung von Sympathisanten ermöglicht. Rund 500 Mitglieder seien sachsenweit dafür registriert. "Eine Aufschlüsselung nach Kreisen erfolgt derzeit nicht", sagt sie. Zum Vergleich: Ende 2016 hatte die im Februar 2013 gegründete AfD mehr als dreimal so viele Parteimitglieder.

Während Kersten für die im kommenden Jahr ebenfalls anstehende Kreistagswahl in Mittelsachsen derzeit offenlässt, ob sie kandidiert, wirft sie ihren Hut für einen Parlamentssitz in Dresden schon in den Ring, will für Direktmandat und Landeslistenplatz antreten. Dafür muss sie bekannter werden und räumt ein, zu AfD-Zeiten zu wenig in Mittelsachsen präsent gewesen zu sein - auch wegen vieler Gremiensitzungen der damals im Aufbau begriffenen Partei. Die Alternative zur Alternative muss diesen Aufbau nun ebenfalls schultern.

"Wenn ich auf meine Karriere geschaut hätte, wäre ich bei der AfD geblieben", so Andrea Kersten, die vor ihrer Abgeordnetentätigkeit als Sachverständige für Immobilienbewertung arbeitete. Die Entwicklung in ihrer früheren Branche habe sie zwar verfolgt. Da sei aber viel in Bewegung. Wie es beruflich weitergeht, sollte 2019 die Überraschung ausbleiben und die studierte Textiltechnologin nicht wiedergewählt werden, "bleibt abzuwarten", sagt sie. "Ich habe viele berufliche Erfahrungen."

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