Ein Riss durchs Paradies

Neuerliche Erdbeben in Indonesien: Lombok findet keine Ruhe. Ebenso wenig zwei Freiberger. Erst fürchteten sie um ihr Leben, dann kümmerten sie sich um Hilfe für ihre Gastgeber. Nun verloren sie den Kontakt dorthin.

Freiberg.

Es war die schlimmste Nacht ihres Lebens, sagen Jonas Benkert und Kristin Kaden aus Freiberg. Die Nacht auf Lomboks kleiner Nachbarinsel Gili Air, als die Erde zum zweiten Mal in diesem Sommer in Indonesiens Urlaubsparadies gebebt hatte. Als der Strom ausfiel und niemand in der stockdunklen Nacht wusste, ob im nächsten Moment ein Tsunami über das kleine Eiland hinwegfegen würde. Als sie mit dem Handy daheim in Freiberg anriefen, um den Familien einen womöglich letzten Gruß auszurichten. Als sie dann über Stunden in der Leitung blieben, um sich gegenseitig Mut zu machen.

Am Wochenende wurden wieder zwei größere Beben registriert, die Anzahl der Nachbeben geht in die Hunderte. Ebenso die Anzahl der registrierten Todesopfer. Die Anzahl der Obdachlosen wird mit 400.000 angegeben. Jonas Benkert und Kristin Kaden sind dem zur Hölle gewordenen Paradies entflohen. In einer Hatz konnten die beiden nach Stunden ein Schiff ergattern, das sie - mit einer Leiche - nach Lombok brachte. Dann schlugen sie sich zum total überlasteten Flughafen durch. Nach zwei Tagen bestiegen sie ein Flugzeug nach Singapur. Dort fanden sie bei einer aus Freiberg stammenden Familie Unterschlupf, die ihnen bis dahin vollkommen fremd war.

Von Singapur aus hatten die Freiberger eine kleine Hilfsaktion ins Leben gerufen. Sie kontaktierten ihren früheren Gastgeber auf Lombok, Ketut mit Namen. "Er hatte uns gezeigt, was Gastfreundschaft wirklich bedeutet", sagt Jonas Benkert. Nun erkundigte er sich übers Smartphone, ob Ketut Hilfe brauchte. Er brauchte. Das Haus hatte den Erdstößen nicht standgehalten. Zaghaft fragte der Indonesier nach Geld für ein Zelt, in dem er und seine Familie erst einmal unterkommen könnten.

Die beiden teilten den Aufruf in den sozialen Netzwerken. Was Hilfe zu leisten vermag, das weiß Jonas Benkert. Eigentlich. Ein Jahr hatte er die Schülerfirma Namasté Nepal des Schollgymnasiums geleitet. Doch die Resonanz auf den kleinen privaten Aufruf überraschte ihn doch. Binnen kurzer Zeit spendeten Familienmitglieder, Freunde, flüchtige Bekannte und wildfremde Menschen mehrere hundert Euro. Geld, das die Freiberger direkt nach Indonesien weitergaben und geben, zu den Menschen, von denen sie aus erster Hand wissen, dass sie Hilfe brauchen. Jeder Cent kommt an.

Keine große Organisation steht dahinter, nur ein junges Paar, sie eine angehende Lehrerin, er ein frisch ausgebildeter Fotograf, der durch die Welt reist, um Bilder für eine Bewerbungsmappe zu schießen, denn er möchte später freiberuflich arbeiten. Auf dieser Reise machten sie auch eine andere Erfahrung. Auch wenn sie auf das Gefühl von Todesangst, von tagelanger Panik gern verzichtet hätten. "Das Erlebnis hat uns gezeigt, wie froh wir sein können, dass es uns gut geht", übermittelten sie nach Deutschland. "Dass es im Leben auf ganz andere Dinge ankommt als diese kleinen Alltagsprobleme. Dass wir jeden Moment nutzen sollten, glücklich zu sein. Es hat uns gezeigt, dass man zusammen alles schaffen kann, auch mit Menschen, die man erst kennengelernt hat. Und dass alles gut werden kann."

Nach den jüngsten Beben ist es ihnen noch nicht gelungen, Kontakt zu ihren indonesischen Freunden herzustellen.

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