Eine Zettel-Nachricht löst Emotionen aus

Mauerfall 89: Vor dem Fernseher, bei der Arbeit, in der Kirche - Mittelsachsen berichten in der "Freien Presse", wie und wo sie den 9. November 1989 erlebt haben.

Mittweida.

Die emotionalen Reaktionen auf die Nachricht vom Mauerfall am 9. November 1989 wird der frühere Pfarrer Christoph Körner am heutigen Samstag bei seiner Lesung in der Stadtbibliothek Mittweida (17 Uhr) reflektieren. Den Moment erlebte er vor 30 Jahren gemeinsam mit hunderten Menschen als Moderator eines Bürgerforums in der Stadtkirche. "Mitten in der Veranstaltung wurde mir ein Zettel mit der Nachricht gereicht, dass die Berliner Mauer geöffnet ist und man die Grenze passieren kann." Auch andere Menschen in der Region wissen noch genau, wie sie vom Mauerfall erfuhren.

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"Befreiende Stimmung"

Wolfgang Ahnert, ehemaliger Bürgermeister von Erlau, ist heute Rentner: "Ich war an diesem Donnerstag noch auf der Arbeit. Abends, es muss kurz vor sieben gewesen sein, habe ich die Pressekonferenz mit Günter Schabowski vom Zentralkomitee der SED im Fernsehen verfolgt. Es war eine befreiende, aufregende Stimmung. Wir sind gleich an dem Samstag mit den Kindern im Auto nach Potsdam auf die Glienicker Brücke gefahren und haben dort die Grenze nach Westberlin überquert." (cbo)


Nachricht bei Bürgerforum

Torsten Bachmann, heute Linken-Ortsverbandschef in Mittweida, war damals 16 Jahre alt: "Am Abend des 9. November habe ich ein Bürgerforum zur Vorstellung der neuen Bürgerbewegungen in der Stadtkirche Mittweida besucht. Der Moderator, Pfarrer Christoph Körner, verkündete dort, dass in Berlin die Mauer gefallen ist. Am 11. November bin ich dann mit Freunden über das Wochenende nach Berlin gefahren. Zuvor hatten wir uns noch bei der Polizei ein Visum für die Einreise nach West-Berlin besorgt." (jl)


"Ich konnte es nicht glauben"

Ute Nebe, ehemalige Bürgermeisterin von Mühlbach/Hausdorf: "Was am 9. November 1989 bei uns geschah, weiß ich noch ganz genau. Wir hatten Sitzung des Gemeinderats Mühlbach-Hausdorf, ich war Schriftführerin. Es ging hoch her, die Leute waren aufgebracht. Ich wusste gar nicht, was ich ins Protokoll schreiben sollte. Als ich nach Hause kam, erzählte mein Mann von der Maueröffnung. Ich konnte es nicht glauben und habe mich riesig gefreut. Zwei Tage später sind wir mit den Kindern nach Westberlin zur Tante gefahren." (fa)


"Telefon stand nicht still"

Jürgen Kitzing, langjähriger Stadtrat in Mittweida: "Ich habe in meiner Waschanlage gearbeitet, als ich die Nachricht im Radio hörte. Später am Abend stand das Telefon nicht mehr still. Ich bin damals zu jeder Montagsdemo in Chemnitz gegangen. Man hat dort schon gespürt, was kommt. Aber als die Mauer fiel, konnte ich es erst nicht glauben. Zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich dann das erste Mal in den Westen gefahren, um Verwandte in Kiel zu besuchen - damals noch mit einem Lada." (lkb)


"Es begann unspektakulär"

Iris Firmenich, CDU-Landtagsabgeordnete aus Frankenberg: "Der Tag war erst völlig unspektakulär. Wir haben Abendbrot gegessen. Dann saß ich mit meinen Kindern vor dem Fernseher und habe das Geschehen verfolgt. Die Nachrichten überschlugen sich. Es war unglaublich spannend. Man konnte es nicht realisieren: Findet das jetzt wirklich statt? Die Mauer hat so lange gestanden, wie ich alt war: 28 Jahre. Ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Für das eigene Leben entstand eine neue Perspektive." (dahl)

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