"Es wird Zeit für etwas Neues"

Der Sänger Guido Kunze verlässt das Mittelsächsische Theater - Jetzt arbeitet er als Musiklehrer an einer Berliner Brennpunkt-Schule

FreiberG.

Guido Kunze sang am Freiberger Theater die Titelrollen in der Mozartoper "Don Giovanni" und in Lortzings "Zar und Zimmermann" - jetzt ist er an eine Berliner Schule gewechselt. Dort unterrichtet er als Musiklehrer. Über die Gründe für seine Entscheidung und seine Zeit in Mittelsachsen sprach Heike Hubricht mit dem Baritonsänger.

Freie Presse: Herr Kunze, Sie haben das Mittelsächsische Theater zum Spielzeitende verlassen, um als Lehrer nach Berlin zu gehen. Wie kam es dazu?

Guido Kunze: Es gab unterschiedliche innere und äußere Einflüsse, die mich zu diesem Schritt bewogen haben. All diese Einflüsse haben mir eingeflüstert: Kunze, es wird Zeit für etwas Neues in deinem Leben. Es gibt Dinge, die ich nicht ändern kann, also ändere ich das, was ich ändern kann. Die Konsequenzen waren eine neue berufliche Herausforderung und ein Ortswechsel für meine Familie und mich. Und so bin ich seit Februar dieses Jahres Musiklehrer an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin.

Welche Schule ist das?

Die Andersen-Grundschule in Berlin-Wedding.

Wie kommen Sie zurecht?

Ich muss sagen, ich komme gut zurecht. Ich mag die Arbeit mit den Kindern, ihre direkte, unvoreingenommene Art, die herrlich erfrischend und fürchterlich anstrengend sein kann. Was mich gefreut hat, ist ihre Lust auf Musik.

Was reizt Sie am Lehrerberuf?

Man kann eigenverantwortlich arbeiten, das gefällt mir. Ich habe einfach Lust zu unterrichten und finde es zudem wichtig, Kinder für Musik und Kultur zu begeistern und zu öffnen. Ich hoffe, dass mir das als praktizierender Musiker gelingt. Mit Kindern arbeiten ist etwas sehr Direktes, man spürt sofort, ob man sie erreicht hat oder nicht.

Sie sind in der Nähe von Mönchengladbach groß geworden und haben an der Dresdner Musikhochschule "Carl Maria von Weber" studiert. 2004 wurden Sie am Freiberger Theater engagiert. Es war Ihr erstes Engagement. Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeit?

Gute Erinnerungen. Ich kam frisch von der Hochschule. Mark Schönwasser-Goerke war gerade Intendant geworden und Jan-Michael Horstmann Generalmusikdirektor. Sie haben beide ein neues Ensemble zusammengesucht, und ich denke gerne an diese Zeit zurück. Es war ja das erste Mal, dass ich an einem Theater arbeitete. Alles war neu, aufregend, intensiv, viele Partien, Vorstellungen, Konzerte, Liederabende. Es gab interessante Begegnungen mit Sängern und Regisseuren, zu einigen von ihnen pflege ich bis heute freundschaftliche Verbindungen.

Die hiesigen Zuschauer konnten Ihre Entwicklung vom Anfänger, der zwar schön sang, aber kaum schauspielerische Erfahrung hatte, bis zum sehr guten Charakterdarsteller erleben. Welche Rollen haben bei Ihnen große Eindrücke hinterlassen? Worauf sind Sie besonders stolz? Woran denken Sie gern zurück?

Stolz ist eine Eigenschaft, die mir in Bezug auf meine Arbeit fremd ist. Ich habe jede Partie mit der gleichen Ernsthaftigkeit einstudiert und versucht, mich auf jeden Regisseur einzulassen. Oft ist es mir gelungen, manchmal nicht. Sängerisch waren bestimmt die Strauss-Partien die größte Herausforderung. Ich persönlich habe am liebsten Mozart gesungen, da war mir alles Drumherum egal. Manchmal freut man sich auf die Partie und die Musik, aber die Regie packt einen nicht. Manchmal denkt man, die Partie ist nicht die interessanteste und der Regisseur ist dermaßen befruchtend, dass man selbst einen stummen Auftritt spannend findet. Sie können erahnen, was ich mit dieser Übertreibung ausdrücken möchte. Am tiefsten bleiben also die Stücke in Erinnerung, wo es ganz einfach künstlerisch und menschlich passte - und davon gab es Gott sei Dank viele. In schönster Erinnerung bleibt ganz persönlich sicher die Zeit, in der ich mit meiner Frau, der Mezzosopranistin Zsuzsanna Kakuk, gemeinsam am Theater engagiert war.

Gab es eine Episode am Theater, über die Sie heute noch schmunzeln?

Nein, so eine richtige Theatergeschichte, über die man auch nach dem 50. Mal Erzählen noch herzhaft lacht, ist mir leider nie passiert. Insgesamt gab es auf und hinter der Bühne immer wieder witzige Momente, aufgeplatzte Hosen, falsche Auftritte, Lachanfälle, Textausfälle.

Das mittelsächsische Publikum hat Ihnen viel Beifall gegeben. Was hätte anders sein müssen, damit Sie bleiben würden?

Ich freue mich sehr, dass das Publikum immer applaudiert hat, von daher könnten die Zuschauer auch gar nichts ändern. Ich habe gerne hier gesungen, aber jetzt brauche ich ganz einfach Bewegung. Und eine solche Veränderung verantwortet immer nur einer und das ist man selbst.

Sie ziehen in dieser Woche mit Ihrer Familie nach Berlin. Wie kommen Ihre Frau und Ihre Kinder, die zu Premieren und Vorstellungen in Freiberg oft präsent waren, damit zurecht?

Da die Entscheidung natürlich in Absprache mit meiner Frau gefallen ist, freut sie sich ebenso auf das Neue. Die Kinder gehen selbstverständlich mit gemischten Gefühlen nach Berlin. Sie sind hier aufgewachsen und sind nicht mit derselben Begeisterung und demselben Elan dabei wie wir Eltern.

Was gefällt Ihnen am Leben in der Hauptstadt?

Mir persönlich gefällt das Leben in der Großstadt. Die Unterschiede zwischen Land, Kleinstadt und Großstadt liegen auf der Hand und im Moment freue ich mich einfach sehr auf eine Großstadtphase.

Was wird Ihnen aus heutiger Sicht am meisten fehlen?

Es gibt natürlich einige Menschen, die wir vermissen werden, Freunde, Bekannte, Kollegen. Bestimmt wird es die ein oder andere sentimentale Erinnerung an die Bühne geben, aber ich höre ja nicht auf, Sänger zu sein, auch wenn ich Lehrer werde.

In welchen Rollen werden Sie weiterhin auf den Bühnen in Freiberg und Döbeln stehen?

In der kommenden Spielzeit werde ich in "Anatevka" noch einmal als Metzger Lazar Wolf mitmachen.

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Halten Sie ein Wiedersehen mit den Freiberger Zuschauern für möglich?

Ich werde Freiberg bestimmt das ein oder andere Mal mit meiner Familie besuchen. Ein Wiedersehen auf der Bühne ist ja aus organisatorischen Gründen eher schwierig, wegen der Probezeiten und so weiter. Ansonsten spräche, glaube ich, weder für die Theaterleitung noch für mich etwas dagegen.


Zur Person

Guido Kunze ist in der Nähe von Mönchengladbach groß geworden. Er studierte an der Dresdner Musikhochschule "Carl Maria von Weber". 2004 wurde er am Freiberger Theater engagiert. Er war in allen drei Monteverdi-Opern, also der ersten, die es in der Operngeschichte überhaupt gab, dabei: mit einer kleinen Rolle im "Orfeo", mit einer mittleren Rolle im "Ulisse" und mit einer Hauptrolle in "Poppea". Er sang auch in den drei Richard-Strauss-Inszenierungen: als Kapellmeister Storch in "Intermezzo", Mandryka in "Arabella" und als Faninal im "Rosenkavalier". Hinzu kamen beispielsweise die Titelrolle in Mozarts "Don Giovanni", der Graf im "Figaro", der Papageno in der "Zauberflöte"sowie die Titelrolle in Lortzings "Zar und Zimmermann". Weitere Rollen: Wolfram in Wagners "Tannhäuser", Marcello in Puccinis "Bohème", Titelrolle in Tschaikowskis "Eugen Onegin", Zahlkellner Leopold im "Weißen Rössl" und Baron Weps im "Vogelhändler" auf der Seebühne. (hh)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...