Felder statt Werkstatt

Seit Anfang 2018 können Behinderte auch außerhalb der klassischen Werkstätten arbeiten. Die Hochschule Mittweida will Landwirten helfen, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Mittweida.

Es war ein persönlicher Schicksalsschlag, der Sonja Hoyer auf die Idee brachte, Menschen mit Behinderung in ihrem Betrieb zu beschäftigen. "In unserer Familie gab es eine Erkrankung, die auf eine völlige Erblindung hinausläuft", erklärt die Landwirtin, die im Muldental das Biogut Wagelwitz leitet. Herzstück des Betriebes ist eine Holzofenbäckerei, die bald erweitert werden soll. "Dabei wollen wir gern mit Sehbehinderten arbeiten."

Das Biogut Wagelwitz ist der erste von planmäßig acht Pilotbetrieben, mit denen die Hochschule Mittweida ein neues Konzept erproben will: In der sächsischen Landwirtschaft sollen Menschen mit Handicap eine Alternative zur Arbeit in der Behindertenwerkstatt finden. Die rechtliche Grundlage dafür ist eine Änderung des Bundesteilhabegesetzes, die Anfang 2018 in Kraft getreten ist. Seither ist es auch anderen Betrieben erlaubt, die Leistungen zu erbringen, die zuvor Behindertenwerkstätten vorbehalten waren. Auch sie können nun Menschen beschäftigen, die wegen körperlicher und geistiger Einschränkungen auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Die Kosten dafür trägt in Sachsen der Kommunale Sozialverband (KSV).

"Ich hatte schon vor dem Projekt versucht, mit dem Kostenträger Kontakt aufzunehmen", erinnert sich Sonja Hoyer. "Aber mir allein waren die Türen verschlossen." In ganz Sachsen gebe es nach ihrer Kenntnis erst zwei Anbieter, die als Alternative zur Behindertenwerkstatt fungieren. Auf der Suche nach Unterstützung sei sie mit Partnern des Hochschulprojekts in Kontakt gekommen, seit September unterstützt die Diplom-Agraringenieurin das Vorhaben mit dem Namen "InnoLawi" als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fakultät für Soziale Arbeit. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hat sie seitdem Landwirte in ganz Sachsen besucht, die als Pilotbetriebe in Frage kommen. Bei einem Auftakttreffen kamen diese am Montag erstmals zusammen, um das Projekt besser kennenzulernen und offene Fragen zu klären.

Im Laufe des Februars sollen laut Hoyer die teilnehmenden Betriebe ausgewählt werden. Sie sollen die Vielfalt der sächsischen Landwirtschaft widerspiegeln - von kleinen bis großen, spezialisierten bis breit aufgestellten Unternehmen. Im weiteren Verlauf werden diese unter anderem individuelle inhaltliche und betriebswirtschaftliche Konzepte entwickeln. Zudem steht die Weiterbildung einzelner Mitarbeiter zur geprüften Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung an, ohne deren Anwesenheit vor Ort es keine KSV-Finanzierung gibt. Unterstützung erhalten die Landwirte dabei bis August 2021 nicht nur von der Hochschule, sondern auch von mehreren Projektpartnern aus Bayern und Niedersachsen, die im sozialen Bereich tätig sind.

Zu den interessierten Landwirten gehört Manuela Solti, Inhaberin eines Obst- und Gemüsehofes in Crimmitschau. Seit einem Jahr beschäftigt sie einen Praktikanten, der psychisch krank ist. In der Einrichtung, in der er lebt, sei ihm die Decke auf den Kopf gefallen. Er habe daher einen Ort gesucht, an dem er ohne Leistungsdruck ein paar Stunden am Tag arbeiten kann. "Er fühlt sich bei uns wohl, das hat von Anfang an hingehauen", erzählt Solti. Doch nun neige sich das Praktikum dem Ende zu. Beide Seiten würden auch in Zukunft gern zusammenarbeiten. "Aber dafür muss ein Träger her", sagt sie. "Es wäre schade, wenn er wieder in alte Muster verfiele, weil wir ihn nicht halten können."

Weitere Informationen erteilt die Hochschule Mittweida: 03727 581763.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...