Freiberger Gericht erhält Schönheitskur

Früher saßen im Gebäude an der Beethovenstraße Kriminelle auf der Anklagebank, auch die Polizei machte sich von hier aus auf zur Verbrecherjagd. Heute ist das anders; denn das Haus ist eine Großbaustelle und wird es bis Ende 2020 auch bleiben.

Freiberg.

Laut prasselt Schutt in einem Fallrohr in einen Container. Abgeschlagenen Putz, herausgebrochene Ziegel, Mörtelreste und weit mehr schaffen Bauarbeiter unablässig aus dem oberen Geschoss des Gebäudekomplexes, in dem bis zum Herbst des Vorjahres das Amtsgericht und das Polizeirevier von Freiberg zu finden waren. 210 Tonnen sind mittlerweile zusammengekommen, wie Peter Voit als Niederlassungsleiter des zuständigen Sächsischen Immobilien- und Baumanagements (SIB) erklärt.

Auch altes Parkett wurde auf einer Fläche von circa 2500 Quadratmetern herausgerissen, was in etwa der Größe von drei Handballfeldern entspricht. In Summe waren bisher gut 90 Tonnen Holz zu entsorgen, dazu 13 Tonnen alter Dämmung und 328 Türen aus Holz und Stahl; nicht zu vergessen: mehrere Container voller Sperrmüll. Auch die alte Heizungsanlage kam heraus, weshalb rund 300 Heizkörper und Röhrenradiatoren demontiert wurden.

Wie bei der Sanierung von Altbauten üblich, förderten die Handwerker genauso Schadstoffe zutage, darunter laut SIB-Mitarbeiter Jörg Scholich Asbest und längst verbotene Holzschutzmittel. Sogar Putze waren mit Arsen und Cadmium verseucht. Die Folge: Noch bis Jahresende zieht sich die Entkernung des Gebäudes hin. Doch der Zeitplan gerät dadurch, wie Peter Voit durchblicken lässt, nicht ins Wanken. Bis Ende 2020 wird das in den Jahren 1875 und 1876 errichtete Haus saniert - bis dahin ist das Gericht im Interimsquartier in der nahen Heinrich-Heine-Straße zu finden und die Polizei in der Lessingstraße sowie in der Hauptstraße im benachbarten Brand-Erbisdorf. Die Fülle an Schadstoffen, die laut Voit in der Dimension nicht absehbar war, dürfte sich jedoch auf die Kosten auswirken; denn viele dieser Stoffe wurden erst während des Abbruchs entdeckt. Zurzeit kalkuliert das SIB mit Ausgaben von fast 21 Millionen Euro.

Noch lässt sich an diesem kalten und regnerischen Tag nicht erahnen, wie Gericht und Polizei künftig aussehen werden. Scholich und Voit gehen durch das mehrflügelige Gebäude - unter ihren Füßen Beton und Dielenbretter. Einst lagen hier Fliesen, Parkett und Linoleum.

Sie marschieren vorbei an tristen Wänden. Leitungsschlitze sind zu sehen, zugemauerte Löcher, kahle Ziegelmauern und Stahlstützen, die Decken halten. Während des Rundgangs sagt Scholich, nach heutigen Berechnungsmethoden dürfte die Wand nicht mehr stehen. Feine Setzungsrisse unterstreichen die These. "Man spricht von der Schläue des Materials", ergänzt Voit und muss schmunzeln. Es sind Fehler der Vergangenheit, die den Experten heute zu schaffen machen. Holzbalken wurden in den letzten 143 Jahren herausgenommen, zudem tragende Mauern eingerissen. Die Probleme mit der Statik sind erkannt, und eine Lösung ist in Sicht.

Nächstes Jahr soll mit dem Rohbau begonnen werden. Neue Leitungen für Internet und Strom werden gezogen, eine Heizungsanlage und andere Technik installiert. Der Innenausbau geht den Planungen zufolge 2020 über die Bühne. Im selben Jahr werden Fassade und Dach hergerichtet. Erst vor wenigen Jahren war das Dach neu gedeckt und die Fassade saniert worden. Aber der Dachstuhl blieb außen vor. Nun soll morsches Holz ausgetauscht und die Fassade nach dem Einbau neuer Fenster repariert werden.

Nach eineinhalb Stunden Rundgang sind Scholich und Voit im historischen Schwurgerichtssaal angekommen. Gediegene Kassettentüren, die Wände vertäfelt, bequeme braune Lederstühle, im Zuschauerbereich Bänke, die an ein Kirchengestühl erinnern. Ein denkmalgeschützter Raum, den Voit für heutige Ansprüche als "zu überdimensioniert" bezeichnet. Prozesse werden dort künftig nicht mehr stattfinden, nur noch Schulungen. Auch die Heizkosten spielen bei der Entscheidung eine Rolle. Schließlich geht die Tour am Haupteingang zu Ende. Hier erfolgt der augenfälligste Eingriff in den langgestreckten, streng gegliederten, im Stil der Neorenaissance errichteten Bau: Ein barrierefreier Zugang entsteht. Von der Beethovenstraße schlängelt sich eine Rampe zum Gebäude hoch, ein Aufzug bringt die Gäste ins Haus.

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