"Freie Presse"-Sommertour: Ein Schloss für alle

Schloss nennen die Ringethaler liebevoll das Herrenhaus, Herz des ehemaligen Rittergutes. Über Jahrhunderte war das Gut Arbeitgeber und Identitätsstifter. Geblieben sind Erinnerungen. Doch dabei soll es nicht bleiben. Von einem, der auszog, einen schlafenden Ort aufzuwecken.

Ringethal.

Vor Zeiten war ein Prinz, der auszog, eine schlafende Schönheit zu wecken. Als er sie fand, bekam er einen Schreck. Die Schlafende ähnelte nur entfernt der Schönheit, von der alle Welt geredet hatte. Schön verstaubt war sie, und voller Spinnen. Der Prinz zuckte mit den Schultern - und küsste sie. Die Staubige schlug die Augen auf und blickte ihn ganz freundlich an. Sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

So märchenhaft hat sich die Geschichte nicht zugetragen. Keine 100, aber 20 Jahre lang moderte das Rittergut Ringethal vor sich hin. Der Prinz heißt Detlev Müller. Er steht stellvertretend für mehrere Engagierte, die sich um das alte Herz des Dorfes Ringethal bemühen.

Detlev Müller mag Geschichten. Sie rühren Herz und Verstand, bringen Menschen zusammen. Die Geschichte des geretteten Schlosses ist auch seine eigene. Sie geht so: Vor neun Jahren zieht Müller aus seiner Geburtsstadt Mittweida nach Ringethal. Morgens setzt er sich ins Auto und fährt nach Mittweida - in seine Firma für Elektronikbaugruppen. Dem Dorf schenkt er kaum einen Blick. Vor einem Jahr dann feiert der Ort 800. Geburtstag. Ralf Schreiber, Oberbürgermeister von Mittweida, fragt seinen alten Freund Müller, ob er einen Förderverein für das leerstehende Schloss mitgründen will. Müller ist 59 und plant die Übergabe der Firma an die nächste Generation. Das Projekt Schloss-Rettung als Start-Up für den Ruhestand? Detlev Müller sagt ja, wird Vize-Vorsitzender des Vereins.

Das Rittergut war einst Herz des Dorfgefüges. Arbeitgeber, Identitätsstifter. Schmiede und Friseur gab es, Tischlerei und Gärtnerei, Gasthaus und Schänke, Post, Schule und Bahnhof. Das ist lange vorbei. Ringethal, 320 Einwohner, ist heute Ortsteil von Mittweida. Ein Schlafdorf.

Es ist schwer, Menschen in einem Ort zusammen zu bringen, der kein verbindendes Element mehr hat. Vergangenheit ist eine Hülle, die reißt, wenn sie nicht mitwächst. Doch Erinnerungen können ein Nährboden sein. "Nostalgie funktioniert immer als Einstieg in die Kommunikation", sagt Christopher Brinkmann. An der Hochschule Mittweida erforscht er, wie Erinnerungen weiterleben, welche Rolle Netzwerke im Internet spielen und wie sich das für die Stadtentwicklung nutzen lässt. Mit seinen Medien-Studenten hat Brinkmann verlassene Orte in der Region besucht, sogenannte Lost Places, in Fotos dokumentiert und überlegt, was aus ihnen werden könnte. Einer davon ist Schloss Ringethal.Die Zeit als Lost Place ist nur ein Kapitel in der Geschichte des Barockschlösschens. Ein anderes ist die seiner Glanzzeit, als Herrenhaus des Rittergutes: 1742 durch Johann Georg von Poigk erbaut, modernisiert um 1800 durch Joseph Friedrich von Racknitz, der nicht viel hielt von barockem Schnörkel. Oft wechselten die Besitzer, zuletzt herrschte Familie von Schröter. Die Erben wirtschafteten das Gut herunter, verkauften 1935 - und retteten es damit wohl. Das Land wurde aufgeteilt und entging der Bodenreform nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Schloss blieb unversehrt, wurde in den 1950ern Oberschule. Der Saal wurde Turnhalle. Im Kamin lagerten die Medizinbälle, die Linien auf dem Parkett sind noch zu sehen. Nach der Wende blieben die Schüler aus. Seitdem steht das Haus leer. 2016 drohte der Abriss: Durchs Dach regnete es herein, der Schwamm hatte die Balken aufgeweicht. Quasi in letzter Minute ergattert die Stadt Mittweida, Besitzerin der Immobile, Fördergeld, kann den Dachstuhl erneuern.


Das Haus ist gerettet, doch bleibt vorerst eine Hülle. An die Wiederauferstehung glauben längst nicht alle Ringethaler. "Ihr übernehmt euch", sagen die Kritiker. Für den Erhalt braucht es Fördergeld. Das hat der Verein beantragt. Wichtiger aber sind brauchbare Konzepte. Viel hat der Schlossverein bewegt im vergangenen Jahr. Im ersten Stock gibt es ein Jagdzimmer, einem Foto aus dem Album des Freiherrn von Schröter nachempfunden. Im alten Spiegelsaal hängt eine Ikea-Lampe - Kronleuchter der Gegenwart. Die Spinnen haben sich in den Keller zurückgezogen. "Das Schloss ist ein Lost Place im Endstadium", sagt Michael Weidauer, Gemeindepädagoge und Vorsitzender des Vereins.

Müller geht das nicht schnell genug, gibt er zu und lacht. Er ist der rastlose Geist, der alle antreibt. Netzwerker und Stichwortgeber mit tausend Ideen. Auf der Wiese hinter dem Schloss will er einen Weg anlegen, der sich schlängelt wie die Zschopau um das Schloss. In der Orangerie soll ein Café eröffnen. Der Klöppelverein und Ausstellungen könnten Platz finden. Trausaal, Mehrgenerationenhaus - vieles ist möglich. Aber es muss zum Dorf passen, sagt Müller. Sonst bleibt das Haus eine Hülle. "Wir wollen kein introvertiertes Schloss sein", betont er, "sondern ein Ort für alle."

Ein historischer Rundweg ist entstanden: Schilder vor den Häusern zeugen von ihrer einstigen Bestimmung, erinnern an Schmiede, Gasthaus, Tischlerei. Herzstück ist, wie einst, das Herrenhaus des Ritterguts, Schloss Ringethal.Bis das Märchen wahr werden kann, bleibt viel zu tun. Ein mögliches Ende lautet so: ... Und als sie sich den Staub abgeklopft hatte, dankte die Aufgewachte ihrem Retter, und holte ihrerseits das ganze Land aus tiefem Schlaf.


Aus der Geschichte

Das Schloss Ringethalist 276 Jahre alt, zusammen mit der Kirche und den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden bildet es ein Ensemble zwischen Zschopau und Inselteich. Einen Herrschaftssitz gibt es an dieser Stelle schon viel länger.

Bis ins 12. Jahrhundert bedeckt Wald die Gegend um Mittweida. Die Reichsministerialen von Mildenstein beginnen um 1250, die Bäume östlich der Zschopau zu roden.

Im 13. Jahrhundert bildet sich eine selbstständige Grundherrschaft an der Stelle des heutigen Ortes Ringethal heraus. Die Herrscher nennen sich abwechselnd Ringenhagen, Ringenhain und Ringenthal -nach dem "Ringel", den die Zschopau an dieser Stelle schlägt.

Die Reste dreier mittelalterlicher Burganlagen liegen auf der Flur Ringethal. Die älteste ist die Einsiedelei auf einem Felssporn oberhalb des Flusses (13. Jahrhundert). Es folgte eine Turmhügelburg auf dem Inselteich im Tal. Danach zogen die Herrschaften wieder in die Felsen: Die Burg Lewinhain, Ringethaler Raubschloss genannt, ist eine steinerne Burg, die wohl Anfang des 14. Jahrhunderts entstand. Rund 100 Jahre dient sie den Herrschern als Schutz, dann verlegen sie ihren Sitz wieder ins Tal.

1742 lässt Johann Georg von Poigk das heutige Schloss bauen, ursprünglich im Barockstil. Über den Baumeister ist nichts bekannt.

Die Besitzer wechseln mehrmals in der Folgezeit. Um 1800 lässt Joseph Friedrich von Racknitz das Schloss im klassizistischen Stil neu gestalten.

1935 verkauft die Familie von Schröter das Gut an eine gemeinnützige Bauerngemeinschaft, das Land wird aufgeteilt.

Das Schloss dient bis Mitte der 1990er-Jahre als Oberschule.

2016 lässt die Stadt Mittweida, Besitzerin der Immobilie, den maroden Dachstuhl erneuern und rettet das Schloss vor dem Abriss.


Kleiner Ausflug in die Kunsthistorie

Für ein Barockschloss sieht die Fassade des 1742 erbauten Herrenhauses ziemlich nüchtern aus -es fehlt der obligatorische Ziergiebel, stellt der Mittweidaer Historiker Wolfgang Schwabenicky fest. Dass ein solcher tatsächlich mal vorhanden war, hat sich bei der Sanierung des Dachwerks herausgestellt.

Um 1800 hat der damalige Besitzer, Joseph Friedrich von Racknitz, das Haus seinem und dem Zeitgeschmack angepasst. Von Racknitz, geboren 1744, hatte Musik und Kunst studiert, mit Kunsttheorie beschäftigte er sich zeit seines Lebens intensiv. Er bevorzugte gerade Linien, überprägte das gesamte Gebäude im klassizistischen Stil. Der Ziergiebel musste weichen, die verspielten Stuckdecken wurden vereinfacht, die Freitreppe erhielt Geländer aus Eisen.

Als eines der wenigen Landschlösser der Region Mittelsachsen hat Ringethal sowohl die Bodenreform nach 1945 als auch die Zeit der DDR unbeschadet überstanden. Historiker Schwabenicky betont: Das Schloss ist in erstaunlich gutem und originalen Zustand. Für die Umnutzung zur Schule wurden einige Wände eingebaut, an anderer Stelle Durchbrüche geschaffen. Die originalen Fenster mit kleinen Scheiben wurden durch Großscheibige ersetzt. Auch die Türen, die Innenfensterläden und das Treppenhaus sind zum großen Teil im Ursprungszustand erhalten.


Werkbank im Keller und historische Schulstunden

Hinkommen, entdecken, staunen: So wird der Samstag im Rittergut Ringethal

Termin/Ort: Das Rittergut Ringethal, Hauptstraße 8 im Mittweidaer Ortsteil Ringethal, öffnet am Samstag, 28. Juli, von 10 bis 18 Uhr.

Programm: Besichtigung des ehemaligen Herrenhauses, Auch geöffnet ist die Orangerie. Zu sehen sind unter anderem die alten Werkbänke im Keller, eine Toilettenausstellung; im historischen Schulzimmer gibt es eine Schulstunde. Baron von Schröter lädt in seine gute Stube.

Angebote: Erinnerungsfotos (mit Pressekarte kostenlos), Basteln, Lesezelt (analog/digital). Eintritt: Tickets vor Ort für Erwachsene zu 5, Kinder zu 2,50 Euro, mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt - für Besucher ohne Pressekarte in gleicher Höhe nach Registrierung unter www.freiepresse.de/ueo2018.

Parken: Entlang der Hauptstraße im Ort sind Parkplätze ausgewiesen: am Sportplatz, am ehem. Güterbahnhof und an der Dorfkirche.

Informationen zur Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" finden Sie im Internet unter www.freiepresse.de/ueo2018

 

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