Gründer aus Mittweida helfen beim Bau einer Wüstenstadt in den USA

Der US-Amerikaner Jeffrey Berns will in Nevada eine Smart City bauen. Dabei soll ihm die Firma Slock.it, die auf Blockchain-Technologie spezialisiert ist, helfen. Zu diesem Zweck hat Berns' Firma das Unternehmen aus Mittweida nun gekauft.

Mittweida.

Eine technisch fortschrittliche, intelligent vernetzte Stadt im Wüstenstaat Nevada - das ist die Vision des US-Amerikaners Jeffrey Berns. Seit wenigen Monaten arbeiten auch die 42 Mitarbeiter des Mittweidaer Technologie-Startups Slock.it an diesem Ziel. Denn Ende Mai hat Berns' Firma Blockchains LLC das Unternehmen aus Mittelsachsen übernommen.

"Für den Standort Mittweida ist das eigentlich nur positiv", sagt Slock.it-Geschäftsführer Christoph Jentzsch, der das Unternehmen vor vier Jahren mit seinem Bruder Simon gegründet hat. "Denn letztlich fließt jetzt sehr viel Geld von Nevada nach Mittweida." Die Anzahl der Mitarbeiter solle in den kommenden Monaten auf 50 aufgestockt werden, fünf neue Arbeitsverträge seien bereits unterschrieben. Auch ein neues Büro will Slock.it beziehen. In einem Altbau direkt am Mittweidaer Marktplatz hat sich das Unternehmen bereits auf mehreren Etagen ausgebreitet - dennoch werde der Platz langsam knapp.

Erstmals von Berns erfahren habe Jentzsch, als der US-Unternehmer seine Vision von der smarten Stadt vor gut einem Jahr bei einer Konferenz in Prag vorstellte. "Damals habe ich eigentlich gedacht, dass er ein guter Kunde für uns sein könnte", erinnert sich der Slock.it-Chef. Denn die Stadt, die Berns auf gut 270 Quadratkilometern Fläche bauen will, soll auf Blockchain-Technologiebasieren, auf die das junge Unternehmen spezialisiert ist. Blockchain-Systeme sind dezentrale Netzwerke, das es ermöglichen, Geld, Unterschriften und Verträge sicher digital zu verschicken. Es gibt verschiedene Arten von Blockchain-Systemen - Slock.it verwendet das System Ethereum. "Wir arbeiten vor allem an der Anbindung von digitalen Geräten an die Blockchain", erklärt Jentzsch. Das passe genau zu Berns' Idee einer intelligent vernetzten Stadt, in der Geräte auch untereinander kommunizieren und handeln können.

Anfang dieses Jahres habe ein erstes Gespräch mit dem US-Unternehmer in Las Vegas stattgefunden, so Jentzsch. Berns' Projekt allerdings sei so groß, dass es Slock.it über Jahre voll beschäftigt hätte, erläutert er. Eine externe Firma für so lange Zeit das eigene Kernprodukt entwickeln zu lassen, sei eher ungewöhnlich. "Das will man lieber selber machen. Deswegen sind wir letztlich darauf gekommen, dass es sinnvoll wäre, richtig zusammenzugehen."

Schon einen Monat später habe er Berns seine Konditionen für den Verkauf vorgelegt. Eine Kanzlei habe das Startup daraufhin auf Herz und Nieren geprüft. "Sie haben hier jeden Vertrag dreimal umgedreht, geschaut, ob unsere Finanzen gut sind und ob wir noch irgendwelche Leichen im Keller haben", berichtet der Firmengründer. Nachdem die Kanzlei Mitte Mai ihr Okay gegeben habe, sei schließlich Ende Mai der Übernahmevertrag unterzeichnet worden. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden.

Theoretisch könne Berns als Eigentümer des Mutterkonzerns mit der Mittweidaer Firma nun zwar machen, was er wolle. "Aber da habe ich aktuell keine Bedenken, weil unsere Zukunftsvisionen so ähnlich sind", sagt Jentzsch. Seine lautet in etwa so: Mit dem Anschluss an die Blockchain-Technologie erhalten Geräte eine Art eigenes Bankkonto. Sie können dann Verträge mit anderen Gegenständen, Menschen und Firmen eingehen und sich gegenseitig bezahlen. "Ein Elektroauto kann selbst die Ladesäule bezahlen. Ich kann das Auto - wenn es mir nicht selbst gehört - bezahlen, damit es mich von A nach B bringt. Das Auto kann dieses Geld später selbstständig seinem Besitzer überweisen", erklärt Jentzsch.In einer intelligenten Stadt könnten so vom Kühlschrank über den Elektrozähler bis zum Türschloss alle Gegenstände miteinander ins Geschäft kommen - auch ohne menschliches Zutun. Bis die Smart City real wird, dauere es allerdings noch Jahrzehnte, prognostiziert Jentzsch.

Mittweida bleibe das Hauptquartier von Slock.it, verspricht er. Die Brüder hätten in der Region viele Geschwister und auch eigene Kinder. "Wir sind hier familiär sehr gebunden, daher haben wir nicht vor, wegzuziehen." Der aktuelle Plan sei, am Standort zu wachsen. Derzeit suche das Unternehmen daher weltweit nach geeigneten Softwareentwicklern. "Allerdings kann ich die Zukunft nicht vorhersehen. Wenn es unserer Mutterfirma schlecht geht - worauf wir nur bedingt Einfluss haben - wird das natürlich auch Konsequenzen bei uns haben", ist sich der Geschäftsführer bewusst.


Was macht Slock.it?

Das Technologie-Startup Slock.it wurde Ende 2015 von den Brüdern Christoph und Simon Jentzsch in Mittweida gegründet. Weltweite Bekanntheit erreichte das Unternehmen Mitte 2016 mit "Dao", einer Art Risikokapitalfonds, der auf dem Blockchain-System Etherium basierte. Blockchains sind auf viele verschiedene Computer verteilte Datenbanken, die digitale Transaktionen mittels Verschlüsselung sicher dokumentieren. Im Juni 2016 wurde "Dao" gehackt. Dabei wurde Kryptowährung in Höhe von über 50 Millionen US-Dollar entwendet, die jedoch später wieder zurückgeholt werden konnte.

Das Unternehmen legte sein Hauptaugenmerk danach zunächst auf Beratungstätigkeiten. Anfang 2017 erhielt Slock.it von Investoren rund 2 Millionen Dollar, um damit ein neues Produkt aufzubauen: eine App, mit der Nutzer einander alles mögliche sicher vermieten und verleihen können - etwa Fahrräder, Autos oder Wohnungen. Weil der Preis für die Kryptowährung Ether stieg, war die Firma nicht mehr auf Investoren angewiesen. Slock.it fokussierte sich daher auf die Entwicklung von Incubed, einem Blockchain-Client, mit dem digitale Geräte an die Blockchain-Technologie angeschlossen werden können.

Der amerikanische Journalist Matthew Leising arbeitet derzeit an einem Buch über die Blockchain Ethereum, in dem auch Slock.it und "Dao" eine wichtige Rolle spielen sollen. (lkb)

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