Jugendliche wagen "Spiel des Grauens"

Eine außergewöhnliche Inszenierung steht in diesem Monat auf dem Spielplan des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg. Es geht um "Musik im System der Vernichtung" - fast ein reines Schülerprojekt.

Annaberg-Buchholz.

Am 27. Januar vor 75 Jahren ist mit Auschwitz-Birkenau auch das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus befreit worden. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind in dem Komplex ermordet worden. Dass an einem solchen Ort auch Kunst in Form von Musik ihren Platz hatte - pervertiert von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke -, ist schwer vorstellbar. Ein Thema, dass auch Emma Schröer aus Geyer bewegt. Die angehende Abiturientin der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge hat sich lange intensiv mit "Musik im System der Vernichtung" beschäftigt. Entstanden ist daraus nicht nur eine 100 Seiten umfassende Facharbeit, sondern auch ein eigenes Theaterstück: das "Spiel des Grauens".

Im Mittelpunkt der Inszenierung steht das Frauenorchester von Auschwitz: ein eigens gebildeter Klangkörper, der zu den verschiedensten Anlässen im Lager spielen musste - Privatkonzerte für den Lagerkommandanten ebenso wie Begleitmusik für die Märsche der Häftlinge. Sie mussten sogar üben und spielen, wenn andere Häftlinge in die Gaskammern geführt wurden, sagt Daniel Zwiener. Der Musiklehrer und Chorleiter der Bildungseinrichtung betreut Emma Schröer und ihr Projekt. Wie sein Schützling kennt auch er die Brisanz. Denn für die Frauen und Mädchen war es oft ihr ganz persönlicher Kampf ums Überleben unter extremen Bedingungen. Oft wurden die Musikerinnen - auch angesichts weniger Vergünstigungen - argwöhnisch beäugt, sogar angefeindet. Ganz unterschiedlich fallen deshalb die Erinnerungen der Überlebenden aus, sagt Emma Schröer mit Blick auf ihre umfangreichen Materialstudien. So kennt sie auch das bereits vorhandene Theaterstück über das Frauenorchester, dass auf Erinnerungen einer Überlebenden beruht. Bei anderen überlebenden Frauen habe das aber viel Kritik hervorgerufen. So ist sich die angehende Abiturientin auch bewusst: "Eine klare Wahrheit zu finden, ist nicht möglich." Vielmehr sei es ihr darum gegangen aufzuzeigen, wie die Frauen und Mädchen unter extremen Bedingungen überleben konnten, welche Bedeutung dabei auch die Gruppe hatte.

Dabei stehe das Frauenorchester von Auschwitz-Birkenau nur als ein Beispiel. "Auch in anderen Konzentrationslagern hat es Chöre und Kapellen gegeben", sagt Emma Schröer. Doch nicht nur für sie war die Beschäftigung mit dem Thema eine sehr emotionale Angelegenheit. Denn ein Großteil des Chores und der für die Aufführungen gebildeten Theatergruppe waren mit am Ort des Geschehens in der heutigen Gedenkstätte - noch einmal eine ganz andere Annäherung an die Schicksale der Opfer, aber auch an die der Täter. Auch wenn dort alles nur schwer zu realisieren gewesen ist, wie Schröer sagt. "Der Besuch war emotional sehr bewegend." Und er habe auch ihren Blick auf die Inszenierung noch einmal verändert, vor allem bei den Details. Umso gespannter blickt sie nach fast einjähriger intensiver Probenzeit nun auf die Premiere am Samstag im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz. Von dort haben die insgesamt 120 Akteure viel Unterstützung erfahren - etwa von Theaterpädagogin Asia Schreiter. Vier Vorstellungen sind bislang geplant - zwei davon im Theater, die nach Angaben von Theatersprecher Chris Brinkel schon so gut wie ausverkauft sind. Ende Januar sind zudem zwei Schulvorstellungen geplant. Danach bleibt auch für Schröer erst einmal Zeit zum Durchatmen, auch wenn dann bald die Abiturprüfungen anstehen. Denn den schriftlichen Teil ihrer Arbeit hat sie bereits abgegeben. So steht lediglich noch das Gespräch zur Verteidigung der Arbeit aus. Das findet im Rahmen der anderen Abiturprüfungen mit statt. Nach dem Abi würde sie gern Lehramt studieren - Geschichte auf alle Fälle. Und wie es danach mit ihrem Stück weitergeht? Das vermag sie noch nicht zu sagen. Aber wichtig ist es ihr, etwas für das Erinnern und gegen das Vergessen zu tun. Denn derzeit könne keiner sagen, dass so etwas nicht wieder passieren wird. Aber sie ist überzeugt: "Es liegt in unseren Händen."

Premiere ist am Samstag im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz. Vier Vorstellungen sind angesetzt - zwei im Theater, zudem zwei Schulvorstellungen. www.winterstein-theater.de

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