Kampf gegen den Stunden-Ausfall

Die Lehrer-Seiteneinsteiger werden in Mittelsachsen 2019 nicht ausreichen. Die Schulen gehen damit unterschiedlich um und greifen teils auf Alternativen zurück. Wer neue Kollegen hat, weiß sie zu schätzen, auch wenn es zusätzlichen Aufwand bedeutet.

Mittweida.

Falk Döring, Schulleiter der Oberschule Flöha-Plaue, kann derzeit alle Unterrichtsstunden mit den vorhandenen Lehrkräften abdecken. Das liegt auch daran, dass zwei Seiteneinsteiger die Kollegen unterstützen. Aber: "Es reicht gerade so aus, um den Grundbereich abzudecken", sagt er. Für ergänzende Aufgaben, wie für Arbeitsgemeinschaften oder Ausfall-Vertretung, sei nicht genug Personal da. Döring setzt deshalb auf das "Teach First Deutschland"-Programm. Absolventen verschiedener Studieneinrichtungen werden dabei als sogenannte Fellows (Gefährten) in die Schulen geschickt. Döring hofft auf einen jungen Mann, der ab Januar in die Schule kommen soll. Der Schulleiter hat den Hintergedanken, diesen Mann für eine Quereinsteiger-Karriere begeistern zu können.

Die Oberschule Flöha-Plaue ist kein Einzelfall in Mittelsachsen. Laut der Landespersonaldatenbank des Kultusministeriums, die die Landtagsabgeordnete Andrea Kersten (Blaue Partei) als Antwort auf eine Kleine Anfrage erhalten hat, arbeiten derzeit an 25 von 28 Oberschulen in Mittelsachsen Seiteneinsteiger. "Auf die Einstellung von Seiteneinsteigern kann gegenwärtig nicht verzichtet werden, da die Alternative ein noch größerer Unterrichtsausfall wäre", sagt Lutz Steinert, Pressereferent beim Landesamt für Schule und Bildung (Lasub). Doch nur weniger als die Hälfte der für 2019 gebrauchten neuen Lehrer steht zur Verfügung. Laut Steinert wurden am 1. November für den Standort Chemnitz des Lasub (dazu gehören die Stadt Chemnitz sowie der Landkreis Mittelsachsen und der Erzgebirgskreis) 52 Seiteneinsteiger eingestellt, die eine dreimonatige Qualifikation erhalten, um ab 1. Februar 2019 als Lehrkraft eingesetzt zu werden. "Ziel war es, insgesamt 115 einzustellen. Wir hoffen, das Defizit bis zum Februar durch weitere Einstellungen noch etwas reduzieren zu können", erklärt Steinert.

Die Bewerbersituation für die Gymnasien sei hingegen vergleichsweise günstig. "Allerdings macht sich in unserem Zuständigkeitsbereich auch hier ein immer größer werdendes Defizit im Vergleich zum Bedarf bemerkbar. Wir verzeichnen an Gymnasien die wenigsten Seiteneinsteiger", so Steinert. Eingestellt wurde zum 1. November lediglich einer. Aktuell gibt es nur an zwei der 12 Gymnasien in Mittelsachsen Seiteneinsteiger.

Das Frankenberger Luthergymnasium kommt laut Schulleiter Ingo Petzold noch ohne aus. Die Einrichtung greift auf Referendare zurück. Das Lehramtsreferendariat ist die zweite Phase der Lehrerausbildung. "Viele wollen diesen praktischen Teil am Gymnasium absolvieren", weiß Petzold. "Bis jetzt konnten wir alle fehlenden Lehrerstellen mit Referendaren abdecken", so der Schulleiter. Doch perspektivisch gebe es Bedarf in bestimmten Fächern. "Noch mussten wir nicht auf Quereinsteiger zurückgreifen. Das kann aber nächstes Jahr ganz anders aussehen", erklärt Petzold.

Die meisten der 52 neuen Seiteneinsteiger, nämlich 22, sollen ab Februar an Grundschulen unterrichten. Derzeit verfügen von den 74 Grundschulen in Mittelsachsen 44 über Seiteneinsteiger. Die Grundschule Bobritzsch-Hilbersdorf kann auf eine zusätzliche Lehrkraft zurückgreifen. Und sie wird als Schwangerschaftsvertretung gebraucht, sagt Schulleiterin Catrin Fischer. Sie weiß aber auch, dass vor allem in größeren Einrichtungen mit mehr Seiteneinsteigern die Mentoren viel Arbeit zu leisten haben. Die dreimonatige Qualifizierung ersetze nicht die Lehrerausbildung. Diese würden die Neuen berufsbegleitend über mehrere Jahre ablegen. "Eigentlich können sie in dieser Zeit nur eingeschränkt unterrichten", so Fischer.

Je nach individueller Vorqualifikation könne die berufsbegleitende Qualifizierung eine Dauer zwischen ein und fünf Jahren haben, bestätigt Steinert. "Die Belastung für die neuen Kollegen ist vor allem während dieser Qualifizierung an einer der drei sächsischen Hochschulen Leipzig, Dresden, Chemnitz sehr hoch", gibt er zu. Die Schulen würden einen großen Beitrag leisten, um die neuen Lehrer einzuarbeiten sowie den Unterricht während der Qualifizierung zu sichern.

Das sieht auch Susann Schreckenbach, Schulleiterin der Mühlauer Heinrich-Heine-Grundschule, so. Drei Seiteneinsteiger unterrichten in der Einrichtung. "Einer davon ist derzeit in solch einer Qualifizierung und nur drei Tage in der Woche an der Schule", sagt sie. Doch damit habe sie kein Problem. "Man muss sich damit arrangieren, in einer kleinen Schule geht das gut", erklärt sie. Mit Hilfe des Engagements der anderen Lehrer könne der Unterricht abgesichert werden. Mit drei Seiteneinsteigern stellen die neuen Kollegen fast die Hälfte aller Lehrer der Mühlauer Grundschule.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte kürzlich bei einer Versammlung in Chemnitz einen zu hohen Anteil an Quereinsteigern kritisiert. Dadurch könne das derzeitige Bildungsniveau nicht gehalten werden. "Ich brauche sie dringend und wollte sie an meiner Schule. Für mich sind das vollwertige Lehrer", hält Susann Schreckenbach dagegen.

Auf alle Fälle sind die Seiteneinsteiger eine Bereicherung für das Freie Gymnasium Penig, wie Schulleiterin Uta Steffen erklärt. Viele Seiteneinsteiger seien an der Schule ausgebildet worden, einige arbeiten heute noch in Penig. So unterrichtet Kathrin Köllner Rabold Chemie, die promovierte Chemikerin ist das vierte Jahr an der Schule. "Wir haben unsere Fachkräfte selbst ausgebildet. So sind wir vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern gut besetzt und können die Stundentafel erfüllen", sagt Uta Steffen.

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