Kaum ein Bus rollt auf mittelsächsischen Straßen

Dem Aufruf zum Warnstreik folgten bei Regiobus fast alle zum Dienst eingeteilten Fahrer. In Mittweida warteten Fahrgäste oft vergebens.

Mittweida/Freiberg.

Von einem Streik der Busfahrer hatten Linda und Johnny nichts mitbekommen. Bei 23 Grad harrten die beiden Teenager am Donnerstag geduldig am ansonsten menschenleeren Busbahnhof in Mittweida aus. Sie warte bereits seit anderthalb Stunden, berichtete die 19-jährige Linda aus Altmittweida. "Ich gehe jetzt zu einer Freundin, meine Mama holt mich am Abend ab." Der 14-jährige Johnny erklärte, er werde statt mit dem Bus nun mit der Bahn über Chemnitz an sein Ziel Burgstädt fahren.

Der sachsenweite Warnstreik im regionalen Linienverkehr, den die Gewerkschaft Verdi am Donnerstag ausgerufen hatte, traf den Nahverkehr in Mittelsachsen hart. "Es war eine hohe Anzahl unserer Mitarbeiter beteiligt", sagte Regiobus-Geschäftsführer Michael Tanne. Wie viele der Angestellten genau die Arbeit niederlegten, konnte er zwar nicht sagen. Jedoch seien nur vereinzelt Busse des Unternehmens gefahren. "Es kam fast zum Totalausfall unserer Dienste", so Tanne. Jürgen Becker, der für Verdi die Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband führt, sprach sogar von einer kompletten Beteiligung aller zum Dienst eingeteilten Fahrer. Nicht am Streik beteiligt waren die Subunternehmer, die im Auftrag von Regiobus fahren. Sie sind landkreisweit auf Linien im Einsatz und decken rund ein Viertel aller Fahrten ab.


Nicht nur der 14-jährige Johnny aus Mittweida war sauer über die Fahrtausfälle. Fahrgäste, die umsonst auf den Bus warteten, hätten auch gegenüber Regiobus ihr Unverständnis geäußert, so Michael Tanne. Kein Glück hatte beispielsweise auch Heidi Grunzke, die mit Bekannten am Mittweidaer Markt auf den Bus wartete. Von dem Streik habe sie schon erfahren, als sie in Ottendorf losfahren wollte. Eine Passantin habe sie an der Haltestelle darauf hingewiesen. "Wir sind dann mit dem Taxi hierher gefahren, wahrscheinlich werden wir nun wieder eins rufen."

Verdi habe bereits am Montag damit begonnen, Fahrgäste mit Aushängen und Zetteln in Bussen über den Streik zu informieren, sagte Jürgen Becker. "Dass Dritte betroffen sind, die nichts dafürkönnen, tut uns leid. Aber die Arbeitgeber nehmen das mit ihrem Verhalten in Kauf", meinte er. Die hohe Streikbeteiligung wertete er als Erfolg: "Die Arbeitnehmer haben damit deutlich gemacht, dass sie hinter den Forderungen stehen. Das war ein starkes Signal an die Arbeitgeber."

Mit mehreren Kundgebungen hatten die Busfahrer und andere Angestellte der Verkehrsgesellschaften sachsenweit auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht - am Donnerstagmorgen zum Beispiel an den drei größten Regiobus-Betriebshöfen in Freiberg, Mittweida und Döbeln. Auch am Nachmittag hielten dort noch vereinzelte Regiobus-Angestellte die Stellung. Sie fordern eine Lohnerhöhung von derzeit 12,30 Euro auf 15,66 Euro für Facharbeiter und eine Erhöhung der Auszubildendenvergütung um 250 Euro im Monat. An dem Streik in Freiberg beteiligte sich ein 19-jähriger, der bei Regiobus eine Ausbildung zum Busfahrer absolviert. "Mit 660 Euro netto im Monat kann ich keine großen Sprünge machen", sagte der Auszubildende, der sich im dritten Lehrjahr befindet. Die Forderungen der Gewerkschaft halte er daher für berechtigt. Laut Jürgen Becker wird in Sachsen-Anhalt schon jetzt der geforderte Stundenlohn von 15,66 Euro gezahlt. "Wir wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Was dort geht, muss auch hier möglich sein", sagte er.

Regiobus-Chef Tanne hält eine Umsetzung der Forderungen in nur einem Schritt jedoch für unmöglich. "Unsere Lohnkosten würden um mehr als ein Viertel steigen, dieses Geld muss reingeholt werden." Dies sei nur über eine Erhöhung der Tarife oder höhere Zuwendungen vom Landkreis machbar. Die Verhandlungen zwischen Arbeitnehmerverband und Gewerkschaft gehen am Dienstag in die nächste Runde. "Ich hoffe, dass sich beide Seiten verhandelnd aufeinanderzubewegen", sagte Tanne. "Bisher hält Verdi zu dogmatisch an den Forderungen fest." Er sei jedoch optimistisch, dass es zu einer Einigung kommt.

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