Klettern: Herausforderung am roten Fels

Auf dem Rochlitzer Berg hat der Sächsische Bergsteigerbund ein neues Areal für Sportkletterer geschaffen. Routen unterschiedlicher Schwierigkeitsstufen führen an den Felswänden nach oben. Ein Selbstversuch.

Rochlitz.

In etwa sieben Metern Höhe stehe ich mit dem linken Fuß auf einer Felskante und halte mich mit der rechten Hand an einem kleinen Griff, der in den roten Porphyrfels geschlagen wurde, fest. Mein rechter Fuß hängt in der Luft. "Zieh deinen Fuß schräg rechts nach oben und verlagere dein Gewicht. Du musst dich mehr auf deine Beine konzentrieren und die Arme entlasten", ruft mir mein Kollege Christian Mathea zu, der einige Meter über mir auf einem Felsvorsprung steht und mich über ein Seil sichert, das vorn an meinen Klettergurt geknotet ist.

Zwei Dutzend Routen im neuen Klettergarten auf dem Rochlitzer Berg führen auf den Bruchwächter, einen etwa 17 Meter hohen freistehenden Felsen. Dort, wo früher Porphyrstein abgebaut wurde, hat der Sächsische Bergsteigerbund ein Eldorado für Sportkletterer geschaffen. Eine einfache Route mit vielen Griffen und Tritten an einer anderen Stelle hatte ich ohne große Mühe geschafft. "Das hier schaffst du auch", sagt mein Kollege, seit vielen Jahren leidenschaftlicher Kletterer. Mit ihm zusammen will ich das Angebot für Klettersportler in Mittelsachsen ausprobieren.

Torsten Kleditzsch

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Die Rochlitzer Porphyrbrüche werden seit den 1990er-Jahren von Kletterern genutzt, Haken wurden in den Fels eingesetzt, künstliche Griffe und Tritte geschlagen. Die Routen existierten viele Jahre lang aber nur inoffiziell, die rechtliche Situation war unklar. Der Sächsische Bergsteigerbund ist nun seit 2016 Pächter der Felsflächen im Gleisberg- und Seidelbruch und hat die notwendigen naturschutzrechtlichen Genehmigungen eingeholt, um das Areal neu zu erschließen. Sämtliche Kletterrouten wurden deshalb über mehrere Monate hinweg saniert, Klebebohrhaken, Umlenkringe und Abseilösen in den Fels eingesetzt. Außerdem wurden die Kletterrouten markiert.

Stufe IV steht an der Route, die ich nach oben will. Die "Union Internationale des Associations d'Alpinisme", eine internationale Vereinigung verschiedener Alpinistenverbände, hat eine Skala entwickelt, mit der der Schwierigkeitsgrad von Kletterrouten nach einem einheitlichen System angegeben werden kann. Sie beginnt bei I und ist nach oben hin offen, wobei der Schwierigkeitsgrad steigt, je höher der Grad wird. Im Rochlitzer Klettergarten gibt es Routen der Kategorie II bis IX. Jede einzelne hat vom Sächsischen Bergsteigerbund einen Namen bekommen, darunter "Muschelspur", "Mondrakete" oder - warum auch immer - "Gestohlene Kaffeemühle". Auch von der Umgebung inspirierte Namen wie "Land des roten Porphyr", "Freiberger Weg" und "Porphyrlehrpfad" sind auf Schildern zu lesen, die jeweils am Einstiegspunkt am Felsen kleben. Die, die Christian für meinen Versuch ausgesucht hat, heißt "Kasperl". Die Ausrüstung, die wir zum Klettern brauchen, hat er mitgebracht. Denn ausleihen kann man in Rochlitz und Umgebung nichts. Auch ein Paar Kletterschuhe hat er für mich. Die sitzen eng am Fuß, und die rutschfeste Gummisohle ist an der Fußspitze hart und stabil. Damit können Kletterer gut auf Zehenspitzen auf schmalen Kanten stehen und sich mit der Kraft aus den Beinen abdrücken.

Genau das versuche ich jetzt. Ich nehme beide Hände an die einzige Kante, die ich in der Nähe finde, wechsle von einem Fuß auf den anderen und schaffe es schließlich ein Stück weiter hoch. Der nächste Abschnitt geht ein wenig leichter, über mehrere kleine Kanten in der nun leicht schrägen Felswand steige ich nach oben. "Weiter schaff ich es aber wirklich nicht", rufe ich Christian entgegen. "Doch, noch ein Stück. Du musst das wollen. Klettern ist Kopfsache", sagt er mit Nachdruck. "Und guck nicht nach unten, schaue dir die Griffe und Tritte über dir an und mach dir einen Plan im Kopf!" Zu spät. Auf einem schmalen Felsvorsprung stehend habe ich längst nach unten geguckt und mir wird mulmig. Aber vielleicht schaffe ich es doch noch höher. An der schrägen Felswand kann ich einen Schritt nach oben machen. "Siehst du, wieder 30 Zentimeter geschafft", lobt mein Kollege, der in der Onlineredaktion der "Freien Presse" arbeitet.

Mittlerweile sind noch andere Kletterer auf dem Rochlitzer Berg angekommen. Sie haben sich für Routen an der großen Hauptwand im Seidelbruch entschieden. Vor allem am Wochenende ist in dem Klettergarten auf dem Rochlitzer Berg viel los. Die Autokennzeichen verraten, dass die Kletterer aus Chemnitz und Leipzig, mitunter auch aus Dresden kommen. Denn vor allem der Gleisbergbruch hat es in sich: Die Kletterrouten, die sich größtenteils entlang markanter Risse orientieren, gelten in der Szene als bedeutendes Kletterziel. Vergleichbare Risse findet man deutschland- beziehungsweise europaweit außerhalb der sächsischen und böhmischen Sandsteinklettergebiete kaum, wirbt der Bergsteigerbund.

Mich hat inzwischen die Kraft verlassen. "Ich will runter", sage ich zu Christian. Runter bedeutet ablassen. Das haben wir vorher knapp über dem Boden geübt: Hände ans Seil und in den Gurt setzen. Klingt einfach, kostet beim ersten Mal hoch oben aber Überwindung. Stück für Stück komme ich wieder auf dem Boden an. "Du hättest es bis hoch schaffen können", sagt Christian zu mir und ist enttäuscht, dass ich zwei Meter vorm Gipfel aufgegeben habe. "Beim nächsten Mal", verspreche ich. (mit mathe)


"Rochlitzer Berg bekannter"

Lutz Zybell vom Sächsischen Bergsteigerbund betreut den Klettergarten in Rochlitz mit. Redakteurin Franziska Pester hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Im Oktober ist der Klettergarten in Rochlitz freigegeben worden. Sind Sie mit der bisherigen Resonanz zufrieden?

Lutz Zybell: Wir sind überwältigt von der Resonanz. An schönen Tagen am Wochenende ist der Seidelbruch sehr gut gefüllt, ich schätze 60 bis 80 Kletterer. Auch an schönen Nachmittagen unter der Woche nutzen viele die Möglichkeit.

Welches Feedback haben Sie von Kletterern erhalten?

Aus persönlichen Kontakten aus dem Raum Chemnitz und Dresden wird klar, dass der Klettergarten eine große Bereicherung für die Kletterer ist. Auch die Familienfreundlichkeit mit dem kurzen ebenerdigen Zustieg und der großen Wiese führt zu einer großen Beliebtheit bei Familien und Gruppen mit Kindern. Aber auch für Wanderer und Tagesausflügler stellt das Klettern eine Attraktion dar, bei der gern zugeschaut wird.

Wie ist der Klettersport in Mittelsachsen generell aufgestellt?

In Freiberg gibt es einen Kletterverein, den Sächs'schen Mauntn'verein Freiberg, der mehr als 300 Mitglieder hat und gleichzeitig eine Ortsgruppe der DAV-Sektion Sächsischer Bergsteigerbund (SBB) in Dresden ist. Und in Döbeln gibt es eine Abteilung Klettersport beim ESV Lok Döbeln. Der VfA Rochlitz versucht gerade, ein Kletterangebot innerhalb des Vereins zu initiieren, was wir mit unseren Kontakten unterstützen.

Gibt es Pläne, den Klettergarten in Rochlitz zu erweitern?

Hinsichtlich der bekletterten Felsfläche sind durch die Naturschutzbehörde klare Vorgaben gemacht, wo geklettert werden darf und wo nicht. Dabei wird in sensiblen naturschutzfachlich wertvollen Bereichen, wie den Haberkornschen Brüchen, auf das Klettern verzichtet. Auf der Rückseite des Bruchwächters im Seidelbruch gibt es noch Möglichkeiten für weitere Routen, die zum Klettern genehmigt, aber noch von Felsblöcken versperrt sind, die mit schwerer Technik entfernt werden müssten.

Die Stadtverwaltung hofft, dass der Klettergarten sich positiv auf den Tourismus auswirkt und dass Kletterer auch Gaststätten und Sehenswürdigkeiten in der Stadt besuchen. Sehen Sie das Potenzial?

Aus meiner Sicht haben die Kletteraktivitäten auf dem Rochlitzer Berg auf jeden Fall dazu beigetragen, dass der Rochlitzer Berg in Klettererkreisen, aber auch darüber hinaus bekannter geworden ist. Es kommen, denke ich, mehr Besucher dorthin, seit es die neuen Klettermöglichkeiten gibt. Ob man das in Gästezahlen der Turmgaststätte oder auch Übernachtungszahlen in Rochlitz messen kann, da bin ich mir nicht sicher. Der Rochlitzer Berg ist ein Tagesziel, das vom Großteil der kletternden Besucher wahrscheinlich direkt über die Autobahn erreicht wird. fpe

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