Kontroverser Dialog zur Wende erwartet

Herbst 89: Das Jubiläum 30 Jahre Mauerfall ist Anlass für Zeitzeugen und Sozialwissenschaftler, an der Hochschule Mittweida Zwischenbilanz zu ziehen.

Mittweida.

Eine rege Debatte erwarten die Veranstalter der Hochschule Mittweida zur Neuauflage des öffentlichen Diskussionsforums "Dialog Kontrovers Extra" am Mittwoch. Ab 19 Uhr wollen im Studio B, Am Schwanenteich 4b, Zeitzeugen und Wissenschaftler im Podium eine Zwischenbilanz zur Wende in Ostdeutschland ziehen. "Freie Presse" hat die Diskussionsteilnehmer vorab mit der Frage konfrontiert: Ist die Wende schon zu Ende? Woran machen Sie Ihre Einschätzung fest?


Eine Frage unbeantwortet

Prof. Beate Mitzscherlich, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin der Westsächsischen Hochschule Zwickau: Als wir im Herbst 1989 auf die Straße gegangen sind, haben wir Freiheitsrechte erkämpft, die uns in der DDR vorenthalten wurden. Das führte zu einer intensiven und kritischen Diskussion vieler Lebensbereiche: Bildung, Wirtschaft, Wohnen, Umwelt, Recht... Im gewissen Sinn ist diese gesellschaftliche Diskussion mit dem Anschluss an die Bundesrepublik aufgegeben worden. Der Preis für die Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse für die meisten Menschen war hoch: De-Industrialisierung, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Entwertung von Biographien. Bis heute ist die Frage nicht beantwortet, wie Freiheitsrechte, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit verbunden werden können. Darauf eine Antwort zu finden, sollte man nicht nur der Politik überlassen.


Wende noch nicht verdaut

Prof. Stefan Busse, Direktor des Instituts für Kompetenz, Kommunikation und Sprachen an der Hochschule Mittweida: Man muss es rückblickend als Wunder bezeichnen, dass die Wende stattgefunden hat und dazu noch friedlich, dass die gesamtdeutsche Anstrengung seither im Osten zu erstaunlichen Entwicklungen geführt haben. Das wird zu Recht gefeiert. Es bleibt aber ein erheblicher Rest. Die DDR ist noch nicht verdaut, die Wende auch nicht, und was danach kam, erst recht nicht. Womit wir es heute zu tun haben, sind so gesehen immer noch Verdauungsprobleme. Dazu gehört die Idee, die Wende sei noch nicht zu Ende. Ja, wenn gemeint ist, dass wir noch deutsch-deutsche Schieflagen, ein Gerechtigkeitsproblem und Defizite gelebter Demokratie haben. Nein, wenn im Namen der Wende nationalistische, populistische und fremdenfeindliche Affekte legitimiert werden sollen.


Prozess noch unvollendet

Dr. theol. Christoph Körner aus Erlau, bis 2001 Pfarrer (jetzt in Rente) in Mittweida, auch ehem. Studentenpfarrer, Theologe: Die Wende ist ein Prozess, der noch nicht zu Ende ist. Denn mit der Wende wurden die Menschen im Osten in eine kapitalistische Freiheit entlassen, die für viele ehemalige DDR-Bürger eine Überforderung war, weil Sicherheiten wegbrachen (Arbeitsstellenverlust), die sie nicht durch Selbstverwirklichung kompensieren konnten. Sie kamen aus einer gesellschaftlichen Unmündigkeit und fanden sich wieder in einer metaphysischen Obdachlosigkeit, die viele zu einer Lethargie und Selbstverunsicherung führte, weil auf einmal das Kapital zum Gott und der Konsum zur praktizierten Religion wurde. Eine Umkehr aus diesem Dilemma ist nur durch eine Vision von einer gerechten Gesellschaft von unten möglich, die einen Aufbruch von neuer Bürgerbewegung bedeutet.


Sehnsucht nach Wandel

Dr. phil. Thomas Ahbe (Jahrgang 1958), freischaffender Sozialwissenschaftler und Publizist, Studium der Philosophie, Ökonomie und Soziologie in Leipzig: Nach der Wende wollten Reformer eine demokratische und nachhaltiger wirtschaftende DDR als Alternative zur Bundesrepublik aufbauen. Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung wählte das aber ab. Seitdem leben die Ostdeutschen in einer erweiterten BRD. Aus Schlangestehern wurden Verbraucher, aus Wohnungssuchenden Mieter oder Häuslebauer. Aus einer Arbeiterklasse mit passiver Macht wurde der Kostenfaktor Personal. Es herrscht Freiheit. War der Staat früher Unterdrücker, scheint er sich heute in manchen Regionen eher zu verstecken. Persönlich sind viele Ostdeutsche zufrieden, aber als Ossis fühlen sie sich schlechter gestellt. Die Wende ist längst zu Ende, die Sehnsucht nach Wandel aber nicht.

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