Landesgartenschau Sachsen: Frankenberg blüht auf

Möbel, Teppiche, Autos, Zigarren: Von der Industrie in Frankenberg blieben nach der Wende vor allem Brachen. Die Kleinstadt vor den Toren von Chemnitz wurde zur grauen Maus. Am Karsamstag eröffnet hier an der Zschopau die 8. Sächsische Landesgartenschau. Sie ist ein hocheffizientes Stadtentwicklungsprogramm.

Ingrid Schirach war mal Lehrerin, das spürt man sofort. Ihre anpackende Art, ihre Freude daran, Wissen zu vermitteln. "Wir befinden uns hier in der Zschopauaue", so beginnt sie. Die rüstige 71-Jährige ist Urfrankenbergerin und eine von 40 Frauen und Männern, die an der Volkshochschule zu Gästeführern für die Landesgartenschau ausgebildet wurden. Kurz vor der Eröffnung ist sie zu einem Testlauf unterwegs. Akribisch hat sie den Stoff auf bunten Karteikarten notiert. "Früher war dieses Gelände eine Industriebrache des VEB Lisema Frankenberg."

Lisema steht für "Liegen, Sessel, Matratzen". Die wurden hier einst gefertigt. Lisema war zu DDR-Zeiten einer der großen Betriebe in Frankenberg, "1847 als Textilbetrieb zur Verwertung von Woll- und Baumwollfäden gegründet", wie Ingrid Schirach weiter doziert. Um 1900 wurden "Steiners Paradiesbetten" bis nach Zürich und Basel verkauft. Doch knapp 100 Jahre später, nach der Wende, war Schluss. Ein Investor aus dem Sultanat Oman baute noch eine neue Produktionshalle, 1995 kam dann die Gesamtvollstreckung.


Jahrzehntelang rang die Stadt um eine Zukunft für die Industriebrache. Jetzt sind alle historischen Fabrikgebäude abgerissen und aus der letzten Produktionshalle ist eine begehbare Vitrine geworden. 16 verschiedene Blumenschauen werden hier bis Anfang Oktober zu erleben sein. Am Karsamstag, zur Eröffnung der Landesgartenschau, geht es mit den "Frankenberger Blütenträumen" los.

Rings um die Blumenhalle stehen tausende Frühblüher: Narzissen, Tulpen, Hyazinthen. 500 Bäume wurden für die Gartenschau gepflanzt, 15.000 Sträucher, 10.000 Stauden, 3000 Rosen. Und im "Naturerlebnisraum Zschopauaue", wo die Gästeführerin jetzt zum Spaziergang einlädt, wird bis zuletzt gewerkelt. Es gibt einen pharmazeutischen Garten mit Kräutern im Hochbeet, einen Rhododendrongarten, einen Nutzpflanzenbereich, einen Naturgarten mit Insektenhotel, eine Abteilung für Grabgestaltung, schließlich die Themengärten, wo Garten- und Landschaftsbaubetriebe ihre Ideen für Hausgärten präsentieren. Dazwischen Sport- und Spielplätze. "Für Kinder wurde hier viel getan", sagt Ingrid Schirach. "Das geht schon bei den Eintrittspreisen los. Wenn sie mit Eltern oder Großeltern kommen, bezahlen sie gar nichts."

In einem langen Streifen erstreckt sich der erste Teil der Gartenschau an der Zschopau entlang, wo Betonmauern nun vor einem hundertjährigen Hochwasser schützen. Das Gelände endet an einer 262 Meter langen Brücke für Fußgänger und Radfahrer, die sich in hohem Bogen über einen Seitenarm der Zschopau und die Bundesstraße windet. "Die Schlange" wird sie genannt. "Sie ist das neue Wahrzeichen Frankenbergs", sagt Ingrid Schirach.

Das alte Wahrzeichen ist die St. Aegidienkirche, die über den Dächern der Altstadt hervorguckt. Durch die Gassen geht es nun zu Fuß hinüber zum Mühlbachtal. Auch hier in der Unterstadt sind alte Fabriken verschwunden und neue Wohnungen entstanden. Am Baderberg, wo die Paradiesgärten beginnen, stand einst ein Kaufhaus der jüdischen Familie Schocken, es war nicht mehr zu retten. Dafür ist der Weg ins Mühlbachtal nun breit, und das sanierte Nachbarhaus kommt zur Geltung. Im Erdgeschoss mit Gewölbedecke hat ein Buchladen eröffnet. Obendrüber, in eine der Wohnungen, ist eine Bekannte von Ingrid Schirach aus dem Tischtennisverein eingezogen. "Sie schwärmt, wie schön das hier jetzt ist."
Das Mühlbachtal war früher ein verbauter und verwilderter Winkel mitten in der Stadt. Von einer Schrebergartensiedlung blieben nach dem Hochwasser 2002 viele zerstörte und verlassene Lauben übrig. "Als Kind war ich hier rodeln", erzählt Ingrid Schirach. Jetzt schauen die Bewohner der Eigenheime und Mehrfamilienhäuser von beiden Rändern des Tals hinunter in eine grüne Oase mit Wiesen und Beeten; an den Hängen wurden Rosen gepflanzt. Die Paradiesgärten fügen sich auf sehr natürliche Weise in das Tal des Mühlbachs ein, anders als das doch recht willkürlich mit Zäunen abgegrenzte Areal zwischen Zschopau und Bundesstraße. Am Mühlbach dürfte es zur Gartenschau beschaulicher zugehen. Es gibt einen Färbergarten, der an Naturfarben aus Pflanzen und an eine Färberei erinnert, die einst hier stand. Ein Paradiestreff der Kirche lädt ein, und im Grünen Klassenzimmer werden sich Schüler mit nachhaltiger Landwirtschaft ebenso befassen wie mit Honigbienen, Heimatgeschichte und kreativem Gestalten.

Von all dem will Ingrid Schirach in den nächsten Monaten möglichst vielen Besuchern erzählen. Drei Stunden mit Pause wird die Kombiführung über beide Areale dauern. Die pensionierte Lehrerin sagt: "Ich find's fantastisch, was hier entstanden ist. Ich bin da sogar gerührt." Frankenberg sei ihre Heimatstadt, da habe sie noch nie weggewollt. Und jetzt erst recht nicht.


"Natürlich mittendrin": Anfahrt - Öffnungszeiten - Preise

Die 8. Sächsische Landesgartenschau in Frankenberg im Landkreis Mittelsachsen steht unter dem Motto "Natürlich mittendrin" und ist vom 20. April bis 6. Oktober 2019 geöffnet.

Für die Anreise mit dem Auto steht ein Großparkplatz am Stadtrand zur Verfügung (Entfernung von der Autobahn: 2,4 Kilometer). Ein Leitsystem wird den Weg weisen. Die Adresse für Navigationsgeräte: 09669 Frankenberg/Sa., Am Damm. Parkplatz-Gebühr: 2 Euro pro Tag. Vom Parkplatz verkehrt ein kostenloser Shuttle-Bus zum Gartenschaugelände.

Mit Bahn und Bus ist Frankenberg am besten von Chemnitz aus zu erreichen. Stündlich verkehrt die Chemnitz-Bahn Linie C15 ab Hauptbahnhof. Es gibt auch Busverbindungen von Chemnitz, Flöha und Mittweida. Vom Bahnhof Frankenberg fährt ebenfalls ein kostenloser Shuttle-Bus zum Gartenschaugelände. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, erhält 2 Euro Rabatt auf die Tageskarte.

Mit dem Fahrrad und zu Fuß: Frankenberg liegt am Zschopautalradweg. Von Chemnitz aus erreicht man die Stadt über den Radweg Chemnitz-Zschopautal, der in Niederwiesa an den Zschopautalradweg anschließt und der bis zum Haupteingang der Landesgartenschau führt. Fahrradständer gibt es am Haupteingang und am Eingang Hammertal. Auch auf einer Tour über den Zschopautal- Wanderweg kann man das Gartenschaugelände erreichen, etwa von Augustusburg/Erdmannsdorf oder von Braunsdorf.

Geöffnet ist die Gartenschau täglich ab 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, letzter Einlass 19 Uhr (Ausnahme Abendveranstaltungen). Die Kassen sind bis 17 Uhr, von Juni bis August bis 18 Uhr geöffnet.

Eintrittskarten: Erwachsene zahlen für eine Tageskarte 16 Euro, mit Pressekarte der "Freien Presse" 15 Euro. Eine Dauerkarte kostet 80 Euro, für eine halbe Saison 40 Euro. Ermäßigte Tickets u. a. für Studenten gibt es für 12 Euro (Dauerkarte 60 Euro), Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre zahlen 2 Euro (Dauerkarte 15 Euro), in Begleitung von Eltern oder Großeltern ist für sie der Eintritt frei. Tickets erhalten Sie in den "Freie Presse"-Shops und bei Shop-Partnern.

Mehr zur Landesgartenschau unter www.freiepresse.de/laga2019


Interaktiver Lageplan


Bürgermeister Firmenich träumt vom Tourismus

Blumenhalle wird nach der Gartenschau zum Mitmach-Museum

Als Thomas Firmenich im Jahr 2002 Bürgermeister in Frankenberg wurde, war die Stadt gerade aus dem Hochwasser aufgetaucht. Viele Wohnhäuser und Betriebe hatten in dem Sommer unter Wasser gestanden; auch das Hotel, in dem Firmenich jetzt beim Italiener sitzt. Neben dem "Ristorante Amici" führt nun eine nagelneue Fußgänger- und Radbrücke in kühnem Bogen über die Bundesstraße und einen Seitenarm der Zschopau aufs Gartenschaugelände. Hier werden am Samstag viele Besucher erwartet, und Firmenich ist bester Laune. "Die Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen", sagt er.

Die Landesgartenschau hat Frankenberg einen kräftigen Entwicklungsschub gegeben. Sechs alte Fabrikgebäude wurden von der Stadt aufgekauft und abgerissen, über acht Kilometer Straßen wurden saniert - von der Autobahnausfahrt über innerstädtische Abschnitte von Staats- und Bundesstraßen bis zu kleinen Gassen in der Altstadt. Anfangs, so berichtet Firmenich, seien manche skeptisch gewesen wegen der Kosten. "Aber die Gartenschau hat immer mehr an Sympathie gewonnen." Bürger hätten sich bei ihm gemeldet, um mitzutun. Wie Heiko Ohrtmann mit seiner Alltagskunst: Ob überdimensionale Kaffeemühle, Farbtube oder eine bepflanzte Jeans an einem Modegeschäft - auf die Blumen-Werke des jungen Mannes stößt man in vielen Ecken der Stadt. Trafo-Stationen wurden mit Graffiti-Kunstwerken versehen, es gibt einen neuen Skulpturenpfad, und im Mai eröffnet eine Stadtgalerie mit Werken des Malers Leo Lessig. 18 Hauseigentümer unterstützte die Stadt finanziell bei der Erneuerung von Fassaden. "Leute ziehen wieder in die Stadt", sagt der Bürgermeister. "Es ist eine Aufbruchstimmung da."

Größtes bleibendes Objekt der Landesgartenschau wird die Blumenhalle, in deren Bau neben dem Landesgartenschau-Budget von rund 25 Millionen Euro weitere 12 Millionen Euro flossen. In einem Jahr soll dort das Erlebnismuseum "Zeit-Werk-Stadt" eröffnen, in dem Frankenberg seine Industriegeschichte zeigt: die Teppichproduktion, Framo und Barkas, die Zigarrenfabriken und schließlich die Druckerei Roßberg, wo die erste Zeitung der Welt auf Holzschliffpapier gedruckt wurde. Dazu dient auch ein Würfel mit einer Kantenlänge von sechs Metern, in dem 100 Bildschirme stecken: der "Time Cube". "Der Besucher soll etwas erleben und auch selbst tätig werden", kündigt Firmenich an.

Das Museumskonzept stammt vom Auswanderermuseum in Hamburg, das als privat geführtes Haus schwarze Zahlen schreibt. Damit, so blickt der Bürgermeister hoffnungsvoll voraus, werde Frankenberg erstmals auch eine Stadt mit Tourismus. "Früher hatten wir ja nicht viel zu bieten", sagt er. Nun sei die Eröffnung einer Tourist-Info geplant.

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