Lehrer am Lenkrad suchen Nachfolger

Die Nachfrage nach Anfängerkursen scheint auch in Mittelsachsen ungebrochen zu sein. Doch in den Fahrschulen mangelt es an Ausbildern. Gestandene Fahrlehrer wissen, warum.

Mittweida.

Wer den Führerschein machen möchte, muss womöglich längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Entsprechende Signale hat der Verein "International Road Safety Association" ausgesandt. Die Interessenvereinigung von Firmen, die im Bereich der Fahrerlaubnisausbildung tätig sind, stützt sich auf eine Befragung von 400 Fahrschulen in ganz Deutschland. Demnach sucht fast jede zweite Fahrschule in Sachsen einen Fahrschullehrer. Dieser Aussage widerspricht der Landesverband Sächsischer Fahrlehrer. "Wir verzeichnen aber einen Bedarf an Fahrlehrern", erklärt der Chef des 350 Mitglieder zählenden Landesverbandes, Andreas Grünewald. Eine stichprobenartige Umfrage der "Freien Presse" unter Fahrschulen in Mittelsachsen bestätigt zumindest, dass Fahrlehrer gebraucht werden.

"Das Firmensterben hat bereits begonnen", sagt Silvio Seidler. Vor allem kleine, oft nur als Ein-Mann-Betrieb geführte Unternehmen, würden verschwinden, wenn die Inhaber in den Ruhestand gehen. Seidler ist Chef der Gebietsverkehrswacht Mittweida und arbeitet seit 32 Jahren als Fahrlehrer. Mit zwei festangestellten Mitarbeitern und mehreren Honorarkräften betreibt er Fahrschulen in Mittweida, Frankenberg und Altmittweida.


Er will zusätzlich Jungfahrlehrer einstellen. Einen Mann und eine Frau, die in den Beruf einsteigen wollen, hat er gefunden. Doch der Weg dahin verlangt viel ab. Nach Angaben des Verbandes Sächsischer Fahrlehrer dauert die Ausbildung zum Fahrlehrer etwa 12 Monate und kostet rund 16.000 Euro. Der überwiegende Teil der künftigen Fahrlehrer finanziert laut Seidler die Ausbildung selbst. Andrew Meixner (28) hat sich dennoch dazu entschlossen, den Job als Fernfahrer an den Nagel zu hängen und bei Seidler als Fahrlehrer zu arbeiten.

Mit der Arbeit "verdient man sich keine goldene Nase", sagt Werner Helfen aus Freiberg. Der 62-Jährige ist auch Chef der Gebietsverkehrswacht Freiberg. Für einige junge Leute erscheint der Beruf unattraktiv, berichtet er. Auch weil dazu familienunfreundliche Arbeitszeiten am Abend gehören. Zugleich sind die Erwartungen der Kunden hoch, die Theorie, Praxis und Nachtfahrt in kürzester Zeit absolvieren wollen, wie Helfen schildert.

Das bestätigt der Rochlitzer Fahrlehrer Gerd Osterland. Der 70-Jährige hat seine Fahrschule vor fünf Jahren einem ehemaligen Angestellten übergeben. Da er weiter mithelfe, betrage die Wartezeit meist nur ein bis zwei Monate. "Wir haben derzeit einen Schüler aus Freiberg, der den Führerschein bis zum Ausbildungsbeginn im Herbst schaffen will. Am Wohnort hätte er bis dahin wohl nicht beginnen können", bemerkt Osterland. Falls der Zugang zum Beruf nicht erleichtert und die Arbeitsbedingungen für den Nachwuchs wenig attraktiv bleiben, rechnet der Rochlitzer künftig überall mit längeren Wartelisten.

"Die Tendenz geht klar in diese Richtung", so der Burgstädter Fahrlehrer Matthias Brückner. Schon jetzt gebe es enttäuschte Gesichter, wenn er abends Schluss mache, obwohl Schüler noch eine Stunde ranhängen möchten. Doch: "495 Minuten praktischer Unterricht pro Tag, also elf Fahrstunden, sind für den Lehrer das Limit." Brückner verweist auf Behörden, die dies streng überwachen. Ebenso konsequent müsse auf das Problem des fehlenden Nachwuchses reagiert werden. Der Landesverband Sächsischer Fahrlehrer, dem er angehört, weise darauf seit Jahren hin.

Verbandschef Grünewald bewertet die Aussagen der Moving-Umfrage "kritisch, weil einige dort enthaltene Passagen von uns als fehlerhaft angesehen werden". Er verweist zudem darauf, dass es in Deutschland mehr als 13.000 Fahrschulen gebe, die den Fahrlehrerverbänden angehören. Grünewald will auch nicht von einem in allen Regionen herrschenden Mangel an Fahrlehrern sprechen.

Einen gestiegenen Bedarf in dem Berufszweig gebe es allerdings, den Andreas Grünewald unter anderem mit der gestiegenen Anzahl an Interessenten begründet, die eine Fahrerlaubnis erwerben möchten. Zugleich macht der Verbandschef aber Hoffnung: "Es befinden sich viele neue Fahrlehrer in der Ausbildung. Deshalb werden wir wohl mittelfristig diesen Bedarf decken können." In Thüringen und Sachsen gibt es seinen Aussagen zufolge seit November 2018 etwa 120 neue Fahrlehreranwärter.


Umfrage: Fahrschüler mussten weiter vermittelt werden

Es gibt einige Fahrschulen, die Fahrschüler an die Konkurrenz weitervermitteln müssen, weil Fahrlehrer im eigenen Haus fehlen. Das geht aus dem Moving-Branchenreport von der International Road Safety Association, einem Verein mit Sitz in Berlin, vom Januar 2019 hervor. Demnach gaben 47,6 Prozent der befragten Fahrschulen in Sachsen an, dass sie potenziellen Fahrschülern keine Ausbildung anbieten konnten. Das durchschnittliche Alter der Fahrlehrer in Sachsen liegt laut dem Report bei 53,8 Jahren. Etwa acht Prozent der Fahrlehrer seien Frauen. Diese Altersangaben hält der Verband Sächsischer Fahrlehrer für glaubwürdig. Die niedrige Frauenquote führt dessen Vorsitzender auf die "nicht kinderfreundlichen" und unregelmäßigen Arbeitszeiten zurück. Aber: Die Lohn bzw. Einnahmesituation habe sich in den letzten Jahren verbessert.

Aktuell sind 4 offene Stellen für Fahrlehrer in Mittelsachsen bei der Arbeitsagentur gemeldet. Bewerber dafür gebe es derzeit keine. (jl)

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