Lehrermangel: 74-jährige steigt wieder ein

Heidi Hinkel unterrichtet ab dem heutigen Dienstag wieder an der Grundschule Hilbersdorf. Die Gewerkschaft würdigt ihren Einsatz, spricht aber von einer Bankrotterklärung des Bildungssystems.

Hilbersdorf/Freiberg.

Eigentlich würde sie eine Zuckertüte verdienen: Mit 74Jahren hat Heidi Hinkel am heutigen Dienstag ihren ersten Schultag an der Grundschule Hilbersdorf - als Wiedereinsteigerin. Denn die Seniorin übernimmt für eine seit längerem erkrankte Lehrerin den Musikunterricht. Damit gehört die Freibergerin zu den ältesten Pädagogen in ganz Sachsen. Auch andere Senior-Lehrer sind im Freistaat wieder eingestiegen. Offizielle Zahlen dazu hat das Landesamt für Schule und Bildung nicht. Aber Sprecher Lutz Steinert bestätigt, dass Alt-Lehrerin Hinkel kein Einzelfall ist. "Wir freuen uns über die Bereitschaft ausgebildeter Leute, aus dem wohlverdienten Ruhestand noch einmal an die Schule zurückzukehren. Denn wir brauchen diese Kollegen dringend", sagt Steinert.

Deutlichere Worte findet Jens Risse, Vize-Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen: "Der Einsatz der Frau ist aller Ehren wert, aber es ist eine Bankrotterklärung des Bildungssystems." Er habe von mehreren befristeten Einstellungen als kurzfristige Krankheitsvertretung in der Altersgruppe der über 70-Jährigen gehört. Risse: "Der Lehrermarkt ist so leer gefegt, dass Senioren, die sich ihren Ruhestand wohlverdient haben, jetzt wieder einspringen." Auch noch nicht fertig ausgebildete junge Kollegen würden eingestellt. Wenigstens falle kein Unterricht aus.


In Mittelsachsen waren im Oktober 2018 (das sind die neuesten verfügbaren Zahlen) 34,2 Vollzeit-Lehrerstellen unbesetzt - davon 10,3 an Grundschulen, 9,8 an Oberschulen, 1,8 an Gymnasien und 12,3 an Förderschulen. Das geht aus der Antwort von Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf eine Kleine Anfrage der AfD-Landtagsabgeordneten Karin Wilke hervor. Demnach fehlen sachsenweit 419,5vollbeschäftigte Lehrer.

Die Gewerkschaft allerdings geht von einem deutlich höheren Bedarf aus. GEW-Mann Risse rechnet landesweit mit "locker 2000 offenen Stellen", wenn Inklusion und Integration mit betrachtet werden. Für Mittelsachsen sieht er eine "deutliche Unterversorgung". Das flache Land sei bei Pädagogen in spe unbeliebt. Risse erinnert sich an einen jungen Mann, der sagte: "Lieber fahre ich in Leipzig Taxi, als in Grimma als Lehrer zu arbeiten." Ob die am 1.Januar eingeführte Verbeamtung der Lehrer das Problem löse, bleibe abzuwarten. "Im nächsten Schuljahr wissen wir mehr", so Risse.

Landesamtssprecher Steinert verweist auf "noch unbesetzte Stellen mit Blick auf das nächste Schuljahr". Zum 1. August laufe das neue Einstellungsverfahren. Steinert: "Wir freuen uns über die älteren Wieder-Einsteiger genau so wie über Seiteneinsteiger." Grundschulleiterin Catrin Fischer ist erleichtert, dass Heidi Hinkel einspringt, die schon 16 Jahre lang an ihrer Schule unterrichtet hat. Nach Hilbersdorf waren in diesem Schuljahr zwei Musiklehrerinnen aus Oberbobritzsch abgeordnet. Doch als eine von ihnen für längere Zeit erkrankte, wurde ihre Kollegin in Oberbobritzsch gebraucht, um dort den Unterricht mit abzusichern. Folge: Seit 1. April gab es in Hilbersdorf keinen Musikunterricht mehr, die Dritt- und Viertklässler haben im zweiten Schulhalbjahr noch keine Zensuren bekommen.

Manuela Kaden und ihr Lebensgefährte Daniel Viertel bedauerten es sehr, dass der Musikunterricht bei ihrem Sohn Oskar ausfiel. Im April sahen sie beim 25. Präsidententreffen des Verbandes Sächsischer Carneval in Schkeuditz Heidi Hinkel - und fragten sie, ob sie als Lehrerin zurückkehren würde. Hinkel lacht, als sie davon erzählt: "Ich habe ein Sprachproblem: Ich kann nicht Nein sagen." Sie habe zugesagt. Auch Schule und Landesamt stimmten zu. Und Oscar, der in seiner Freizeit Akkordeon lernt, sagt: "Cool, dass wir wieder Musik haben."

Heidi Hinkels Einsatz ist bis Anfang Juli vorgesehen. Sie freue sich auf den Unterricht, sagt sie. "Denn ich liebe Musik und arbeite gern mit Kindern." Ihre erste Stunde ist am Dienstag, 8.40 Uhr in der zweiten Klasse. Zum Warmwerden wird "Oh heppo di taja he" gesungen - mit Schenkelklopfen und Klatschen. Dabei will Hinkel, die auch Stadträtin (Freie Wähler) ist und den Chor Hinkelsingers leitet, die Haltung der Kinder beim Singen korrigieren: gerade stehen, Bauchatmung. "Auch Musiktheorie kommt dran." Dann ergänzt die Freibergerin, die eigentlich sehr selbstbewusst wirkt: "Etwas Bammel habe ich, dass sich die Kinder über mein Alter wundern." Doch Schulleiterin Fischer zerstreut die Bedenken: "Die Kinder sind nicht voreingenommen. Denn wir im Kollegium sind - außer der Lehrerin in Elternzeit und der Seiteneinsteigerin - alle 50 plus." (mit mer/kok)

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