Menschlichkeit besiegt die Mordlust

Der 9. November prägt die deutsche Geschichte wie kein anderer Tag. Vor 80 Jahren begann mit den Pogromen die systematische Judenvernichtung. Doch es gab Menschen, die sich gegen Hass und Verfolgung stellten. Lothar Kreyssig und seine Frau zum Beispiel, die jetzt eine hohe Ehrung erhielten.

Flöha/Berlin.

Er hat sich mit dem Staat angelegt. Mit einem Regime, das seine Gegner erbarmungslos verfolgte, einsperrte, quälte und auslöschte. Lothar Kreyssig, 1898 in Flöha geboren und aufgewachsen, zeigte 1940 den Reichsleiter Philipp Bouhler wegen Mordes an. Bouhler war ein strammer SS-Mann und leitete Hitlers Privatkanzlei. Er plante und beauftragte die massenhafte Tötung von behinderten und psychisch kranken Menschen unter der Nazidiktatur.

Mehr als 200.000 Menschen fielen dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Bouhler war ein Kopf dieses Massenmordes; und als der Vormundschaftsrichter Dr. Lothar Kreyssig merkte, dass immer öfter seine behinderten Mündel für tot erklärt wurden, und ihm auf Nachfrage ausgerichtet wurde, dass Hitler persönlich diese Morde veranlasst habe - als Lothar Kreyssig also klar wurde, dass Deutschland von einer Mörderbande regiert wird, die auf Gesetze und Menschenrechte pfeift, erstattete er Strafanzeige gegen den Nazi-Reichsleiter.

Wer war der Mann, der sich im Angesicht von Barbarei und Mordlust so etwas traute? Lothar Kreyssig war weder tollkühn noch naiv. "Er hatte ein tief verwurzeltes Vertrauen in Recht und Gesetz und in die Menschlichkeit", sagt Konrad Weiß. Der Filmregisseur und Bürgerrechtler kannte Kreyssig persönlich, er hat 1998 eine Biografie über den Gründer der Aktion Sühnezeichen veröffentlicht. "Für uns war damals beeindruckend, dass er als einer der wenigen auch über sein Versagen gesprochen hat", erinnert sich Konrad Weiß und erzählt eine Geschichte, die sich im Buch findet: 1942, also ein Jahr bevor Lothar und Johanna Kreyssig auf ihrem Hof in Hohenferchesar in Brandenburg zwei jüdische Frauen versteckten - 1942 wurde Lothar Kreyssig aus der Bekennenden Kirche heraus schon einmal gebeten, einen jüdischen Mann zu verstecken. Er fuhr nach Berlin und half dem Mann beim Packen, als der plötzlich abgeholt wurde. Kreyssig, so erzählt Konrad Weiß, versprach, dem Mann zu helfen und ihn aus dem Sammellager rauszuholen. Er tat es aber nicht, weil er Angst hatte und Freunde ihn davor warnten. "Er hat sich das sein restliches Leben lang vorgeworfen und war deshalb sehr dankbar, 1943 die Chance bekommen zu haben, den beiden jüdischen Frauen zu helfen", sagt Weiß.

Bis zum Kriegsende versteckten Lothar und Johanna Kreyssig Gertrud Prochownik und zeitweise eine zweite Frau auf ihrem Hof in Hohenferchesar und retteten damit vermutlich deren Leben - nachweislich vor allem das Leben von Gertrud Prochownik, deren Schwester und Schwager in Auschwitz ermordet wurden. Für seinen Einsatz wurde das Ehepaar vergangene Woche mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Das ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden vergibt. "Als Lothar und Johanna Kreyssig Gertrud Prochownik versteckten, retteten sie nicht nur ein Menschenleben, sie retteten ein Universum an Werten", sagte der Botschafter des Staates Israel, Jeremy Issacharoff, bei der Feierstunde im Centrum Judaicum in Berlin.

Martin Kreyssig sagte, seine Großeltern seien Vorbilder für mitmenschliches Handeln und eine ungehorsame Zivilgesellschaft der bürgerlichen Mitte gewesen. Der Widerstand aus der allgemein schweigenden bürgerlichen Mitte sei das Besondere gewesen, so der Enkelsohn. "Der Begriff Schutzbefohlene war für meine Großeltern sehr wichtig. Menschen Schutz zu gewähren, wurde in unserer Familie wörtlich genommen", sagt Kreyssig. Der Hochschulprofessor beschreibt seine Großeltern als sehr konservative Menschen mit unerschütterlichem christlichen Glauben und einer an traditionellen menschlichen Werten verankerten Haltung.

Das Wohnhaus der Familie Kreyssig an der Augustusburger Straße in Flöha gibt es nicht mehr. Es wurde 2016 abgerissen, wich einer Bankfiliale. Es gibt seit 1998 eine Dr.-Lothar-Kreyssig-Straße, die ein neues Wohngebiet erschließt. 1987 war Konrad Weiß mit dem Vorschlag, eine Straße nach Kreyssig zu benennen, beim damaligen Rat der Stadt Flöha abgeblitzt, erinnert er sich. Antifaschistischer Widerstand aus kirchlich-bürgerlichen Kreisen wurde in der DDR nur leise gewürdigt.

Die Förderschule für geistig behinderte Kinder in Flöha trägt seit 1999 den Namen Lothar Kreyssigs. Den Schulleiter Hans Fischer hatte die Benennung der Straße neugierig gemacht. Er besorgte sich die Biografie, begann zu lesen und zu staunen und sagte sich schließlich: "Es gibt keinen Namen, der besser zu unserer Schule passt."


Lothar und Johanna Kreyssig: Selbstverständlicher Widerstand rettet Menschenleben

Lothar Kreyssig wurde 1898 als Sohn eines Getreidegroßhändlers in Flöha geboren. Nach Abitur und freiwilligem Kriegsdienst studierte er in Leipzig Rechtswissenschaften, promovierte und arbeitete ab 1926 am Landgericht Chemnitz. Er war Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Juristen, weigerte sich aber mit Verweis auf seine richterliche Unabhängigkeit, in die NSDAP einzutreten. Nach seinem Widerstand gegen das Euthanasie-Programm der Nazis und der Strafanzeige gegen den Reichsleiter verlor er sein Richteramt und wurde schließlich 1942 in den Ruhestand versetzt. Lothar und Johanna Kreyssig zogen sich mit ihren drei Söhnen auf den Bruderhof in Hohenferchesar zurück. Die Familie widmete sich dem ökologischen Landbau und engagierte sich in der Bekennenden Kirche. Nach Kriegsende wurde Lothar Kreyssig als Widerstandskämpfer gewürdigt, aber als angeblicher Junker verlor er in der DDR große Teile seines Grundbesitzes. Lothar Kreyssig hatte Kirchenämter inne und gehörte 1958 zu den Gründern der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, mit der eine Schuld für die nationalsozialistischen Verbrechen anerkannt wird und die mit internationalen Freiwilligendiensten praktisch die Versöhnung unter den Völkern fördert. Lothar Kreyssig starb 1986 in Bergisch-Gladbach.

Gertrud Prochownik, deren Schwester und Schwager in Auschwitz ermordet wurden, floh mit Unterstützung der Bekennenden Kirche 1943 aus Berlin und fand zusammen mit Frau Behr Unterschlupf auf dem Bruderhof der Kreyssigs in Hohenferchesar. Anfangs wechselten beide jüdischen Frauen alle vier Wochen zwischen dem Marienhof in Päwesin und dem Bruderhof als Besucherinnen, um keinen Verdacht zu erregen. Vom 8. November 1944 an blieb Gertrud Prochownik ganz auf dem Bruderhof bei Lothar und Johanna Kreyssig. Sie lebte und arbeitete auf dem Hof mit vielen anderen Menschen - Kriegsgefangenen, Ausgebombten und Flüchtlingen, die hier Unterschlupf gefunden hatten. Am 16. August 1945 verließ Gertrud Prochownik den Bruderhof, kehrte nach Berlin zurück und wanderte 1946 nach England aus.

Die Familien Kreyssig und Prochownik blieben in Kontakt. Martin Kreyssig, der Enkel von Lothar Kreyssig, reiste 1974 mit 14 Jahren erstmals nach London, um die Familie zu besuchen. Er traf auch Gertrud Prochownik. "Das Geschenk, unsere beiden Familien bis heute in Freundschaft verbunden zu sehen, haben Johanna, Lothar und Gertrud gemeinsam vollbracht", sagte er zur Ehrung.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Menschen, die während der Nazi-Diktatur ihr Leben riskierten, um Juden zu retten, mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern". Es ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden vergibt. Sie gilt auch als Nobelpreis für Menschlichkeit und umfasst Urkunde, Medaille sowie die Verewigung des Namens im "Garten der Gerechten" in Jerusalem. Bis heute haben 26.973 Männer und Frauen diesen Titel erhalten, darunter 616 Deutsche. (mbe)

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