"Mich stören Pauschalurteile"

Autor Pascal Cziborra erinnert in seinem Buch an das Schicksal 500 jüdischer Frauen im ehemaligen KZ Hainichen

Hainichen.

In 13 wissenschaftlich aufbereiteten Büchern widmet sich Pascal Cziborra der fast vergessenen Geschichte von Außenlagern des KZ Flossenbürg. Über sein neuestes Werk sprach der 34-Jährige mit Verena Toth.

Freie Presse: Herr Cziborra, seit 2007 widmen Sie sich dem Thema Konzentrationslager Flossenbürg und seinen Außenlagern, vor allem in Sachsen. Das jüngste Werk dieser Reihe beschäftigt sich mit dem KZ Hainichen. Warum widmen Sie sich so intensiv diesem Thema?

Pascal Cziborra: Auslöser für mein Forschungsinteresse war die eigene Familiengeschichte. Meine Großmutter arbeitete zu Kriegszeiten bei der Auto Union AG in Zschopau, wo 1944 ebenfalls ein Außenlager des KZ Flossenbürg eingerichtet wurde. Sie hatte dort Jüdinnen zu beaufsichtigen und begleitete später den Evakuierungstransport nach Theresienstadt. Um ihre Erzählungen zu bestätigen und zu prüfen, begann ich mit meinen Recherchen. Ich hatte zuvor noch nie bewusst vom KZ Flossenbürg gehört. Als ich 2003 und dann 2005/2006 erneut zu dem Lagerstandort recherchierte, merkte ich, dass nur wenig Fakten bekannt waren und entschied mich, die Lagergeschichte in einer wissenschaftlichen Edition aufzuarbeiten. Erschreckend war für mich festzustellen, dass das Unwissen und die Leerstellen der Geschichtsschreibung nicht nur das Außenlager Zschopau betraf, sondern fast alle etwa 100 dem KZ Flossenbürg unterstellten Außenlager der Rüstungsindustrie.

Waren Sie selbst in Hainichen an den Originalstandorten?

Die Gebäude der Framo-Werke und die Häftlingsunterkunft in der Frankenberger Straße existieren nicht mehr. Eine Annäherung an die historischen Orte musste also über Fotos, Karten und Pläne erfolgen. Ich plane, Hainichen im Herbst für eine Lesung - und gerne auch zum Zeitzeugengespräch - zu besuchen. Auch wenn Erinnerungen diversen Einflüssen und Überlagerungen ausgesetzt sind, bin ich für Hinweise von Zeitzeugen immer dankbar.

Gibt es Schicksale der Hainichener Häftlingsfrauen, die Sie besonders bewegt haben?

Ja, besonders bewegen mich die Schicksale der Budapester Jüdin Olga Reizmann und der Polin Edzia Fajn aus Lodz, das fünfte und sechste Todesopfer des Lagers, die in Hainichen bestattet wurden, deren Grabstelle aber (bis) heute nicht bekannt ist. Olga Reizmann, die Tochter eines Rechtsanwaltes, wurde in Hainichen aufgrund von Misshandlung und Freiheitsentzug depressiv. Eine Freundin berichtet: "Nach den Schlägen war Olga ständig deprimiert. Sie konnte nicht mehr essen und nicht mehr arbeiten. Sie wurde ins Revier (Krankenstation) gebracht. Dort lag sie ein bis zwei Wochen. Sie magerte zu einem Skelett ab und starb wie ein Hund." Ähnlich schlimm erging es der nierenkranken, polnischen Jüdin Fajnowa. Sie wurde für eine Simulantin gehalten und starb nach den Misshandlungen des Wachpersonals.

Sie haben sich in der Hainichener Edition auch ausführlich mit dem Wachpersonal beschäftigt. Warum?

Die Lagergeschehnisse sind ohne Betrachtungen des Wachpersonals nicht zu verstehen. Vor allem stören mich Pauschalurteile und Klischees, denn auch unter dem Wachpersonal gab es verschiedene Charaktere. Nicht alle Aufseherinnen und Wachposten waren brutale und schlechte Menschen. Auch hat es angesichts juristischer Schnellverfahren der Siegermächte sicherlich einzelne Justizirrtümer und Fehlurteile gegeben. Die involvierten Personen müssen daher soweit möglich einzeln betrachtet werden. Mein Anliegen ist es auch, über die Rekrutierung von Aufseherinnen in der letzten Kriegsphase aufzuklären, die in der Regel aus der eigenen Arbeiterschaft der Rüstungsbetriebe dienstverpflichtet wurden, aber ganz unterschiedliche Haltungen gegenüber den Häftlingen entwickeln konnten. Mein Buch trägt damit zur Täterforschung bei. Die namentliche Nennung soll dabei auch der familiären Geschichtsaufarbeitung dienen. Oftmals wissen Nachkommen von Tätern nur sehr wenig über das Verhalten und konkrete Lagerereignisse. Die Teil-Eingeständnisse des Wachpersonals und die Schilderungen der überlebenden Häftlinge verdeutlichen aber, wie alltäglich schwerwiegende Misshandlungen waren, von denen nur ein Bruchteil tatsächlich juristisch verfolgt und geahndet werden konnten. Es darf also nicht der generelle Eindruck entstehen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit ungesühnt blieben beziehungsweise bleiben. Täter beim Namen zu nennen, ist daher auch ein Signal an zukünftige Generationen.

Warum ist Ihre akribische Aufarbeitung und Dokumentation mit lokalem Bezug so wichtig?

Als in Ostwestfalen lebender, gebürtiger Sachse nehme ich seit Jahren besorgniserregende ausländerfeindliche und neonazistische Tendenzen in Sachsen wahr. In diesem politischen Umfeld werden zivile Kriegsopfer, wie bei der Bombardierung Dresdens, propagandistisch funktionalisiert, ohne die historischen Wahrheiten anzuerkennen. So hat es in allen sächsischen Großstädten und vielen Kleinstädten KZ-Lager der Rüstungsindustrie und damit auch deutsche Profiteure gegeben. Der lokale Bezug ist daher wichtig, um auf das Unrecht in der Nachbarschaft hinzuweisen.

Sie sind nicht nur Historiker, sondern auch Lyriker. Ist die Lyrik ihr kreativer Kontrapunkt zur sachlichen Auseinandersetzung mit der KZ-Geschichte?

Über die Gedichte bin ich überhaupt erst zum Schreiben gekommen. Gedichte sind eher Spontanerzeugnisse, die sich einem emotional aufdrängen oder zufliegen. Die Lyrik kann schon zu meinem persönlichen Ausgleichsventil werden und einen kreativen Gegenpart darstellen. In der Regel bevorzuge ich aber Sport, um von der Gedankenarbeit zu entspannen und mich von der schwer verdaulichen Thematik eines Völkermords abzulenken.


Buch im Handel bestellbar

Das Buch "KZ Hainichen" von Pascal Cziborra ist in jeder Buchhandlung unter der ISBN 978-3-938969-46-5 zu bestellen und im Onlinebuchhandel für 19,95 Euro zu kaufen.

Der Hainichener Thomas Kretschmann hat sich auch mit der jüngeren Geschichte (1930 bis 1950) seiner Heimatstadt in einem Buch - erschienen 2008 - beschäftigt. Er sammelte darin unter anderem Zeitzeugeninterviews, Dokumente und historische Fotos. Das Buch ist vergriffen. (vt)

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