Mietschuldenfalle: Wie man ihr entkommt

Viele Menschen mit Geldproblemen suchen erst Hilfe, wenn die Wohnung geräumt werden soll. Ein zunehmendes Problem, dem sich die Aktionswoche "Albtraum Miete" der Schuldnerberatungsstellen widmet - aber eines mit Ausweg.

Frankenberg/Flöha.

Der Großvater verschweigt, dass seine Rente nicht mehr zum Leben reicht. Er macht Schulden, um Kindern und Enkeln Geschenke kaufen zu können. In Finanznot steckende Familien wechseln den Energieanbieter und fallen auf unseriöse Unternehmen herein. Kinder sind von der Überschuldung ihrer Eltern betroffen und werden ausgegrenzt - solche Fälle schildert Jana Martin von der Schuldnerberatung der Diakonie Marienberg.

In den Beratungsstellen in Mittelsachsen haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Ähnliches zu erzählen. Und wenn das Geld knapp wird, geschieht das oft zu Lasten der Miete. Immer öfter, berichtet Claudia Herberger aus ihrem Alltag in der Flöhaer Schuldnerberatung, kommen Menschen mit Mietschulden zu ihr, denen bereits die Kündigung droht. "Diese Menschen sind in ihrer Existenz bedroht. Ängste und Sorgen bestimmen zunehmend ihren gesamten Tagesablauf und das Gedankenkarussell in der Nacht", sagt Dirk Beyer, Schuldnerberater der Diakonie in Rochlitz. Wie es soweit kommen kann und wie man aus dieser Schuldenfalle auch wieder herauskommt, hat ein junger Mann erlebt, der seit einem Jahr von Schuldnerberaterin Jana Martin betreut wird und anonym bleiben will.


Für den 31-Jährigen begann der Weg in die Schulden wie für viele andere: Der Erzgebirger kam mit der Trennung von seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Sohn nicht klar. Dann wurde er arbeitslos. Schließlich hatte er sein Arbeitslosengeld restlos aufgebraucht. Das frustrierte ihn so sehr, dass er sich gar nicht mehr um Unterstützung vom Staat bemühte. Auch nicht, als er das hätte tun können. Laufende Kosten wie die Miete bediente der Mann nicht mehr, Mahnbriefe ließ er ungelesen - Vogel-Strauß-Mentalität: Den Kopf in den Sand stecken.

"Der Vermieter hat mir dann 2016 gekündigt. Eine Woche vor der Zwangsräumung habe ich ein paar Klamotten und Dokumente in einen Rucksack gepackt und bin raus", erzählt der 31-Jährige, der ab diesem Moment obdachlos war. "Unter der sprichwörtlichen Brücke habe ich aber nie geschlafen, sondern habe immer einen Unterschlupf bei Freunden, Bekannten oder jemandem aus der Familie gefunden", erzählt er. Die Familie war es dann auch, die ihn dazu bewegte, sich professionell helfen zu lassen. Da waren mittlerweile schon anderthalb Jahre vergangen.

Die Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Marienberg halfen ihm zunächst dabei, Hartz IV zu beziehen und damit seine Grundversorgung sicherzustellen. Auch eine Wohnung fand sich. "Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich nach anderthalb Jahren wieder die eigene Tür hinter mir zumachen konnte", erinnert sich der junge Mann. Aber damit war es nicht vorbei: In der Zwischenzeit hatten sich seine Schulden beim ehemaligen Vermieter, beim Stromanbieter und einer Krankenkasse auf insgesamt rund 32.000 Euro hochgeschaukelt. In dieser Situation suchte er Mitte 2018 den Kontakt zur Schuldnerberatung unter dem Dach der Diakonie und kam mit Jana Martin in Kontakt, die ihn seither betreut.

Heiko Schwarz erklärt, wie sich die Konfliktsituation aus Sicht von Vermietern darstellt. "Das Thema Mietschuldner ist leider auch bei uns relevant", sagt der Geschäftsführer der WGF Wohnungsgesellschaft Frankenberg. Dabei sei der Umfang der Rückstände an sich aus Sicht der Geschäftsleitung immer zu hoch. "Und zwar unabhängig vom ausstehenden Betrag", so Schwarz.

Die Erfahrungen mit dem betreffenden Personenkreis seien sehr unterschiedlich. Sie reiche von Einsichtigkeit bei Erstschuldnern bis hin zu kompletter Ignoranz der Forderung bei Menschen, die die Kontrolle über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse verloren haben. "Entsprechend unterschiedlich ist unser Umgang mit den Betroffenen", erklärt der Geschäftsführer des Frankenberger Großvermieters. Die Maßnahmen reichten vom Mietergespräch über Mahnschreiben, Einschaltung der Schuldnerberatung bis hin zur anwaltlichen Forderungseintreibung. "Wir arbeiten bei Fällen, die wir nicht selbst klären können, mit einer Chemnitzer Anwaltskanzlei zusammen", berichtet Schwarz. Das Vorgehen werde mit der Kanzlei auf jeden einzelnen Fall bezogen abgestimmt. Mit Inkassobüros arbeite die WGF jedoch nicht zusammen.

Die drei Berater in der sozialen Schuldnerberatung und der Insolvenzberatung in Marienberg bearbeiten jährlich rund 240 Fälle. Martin schätzt, dass der Bedarf in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist. "Allerdings werden die Fälle komplexer, und es kommen mehr Menschen zu uns, die erwerbstätig sind", sagt sie. Die Beraterin weiß, dass Schulden oft nur die Spitze des Eisberges sind: "Oft liegen viele Probleme im Verborgenen." Ihre erste und wichtigste Maßnahme sei es, Vertrauen zu den Klienten aufzubauen. "Es wird niemand verurteilt, denn es kann wirklich jeden treffen", stellt sie fest.

Für den 31-Jährigen sieht sie Licht am Ende des Schuldentunnels, auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist. "Mit ihm bereiten wir gerade ein Verbraucherinsolvenzverfahren vor", blickt sie voraus. Der Mann hat mittlerweile wieder Arbeit gefunden und absolviert in einem Betrieb der Metallbranche eine Ausbildung, die er voraussichtlich im Juli kommenden Jahres abschließen wird. Die Zusage, dass er im Betrieb bleiben darf, hat er schon. "Wenn er weiter so zuverlässig ist und sich an die Regeln und Pflichten im Verbraucherinsolvenzverfahren hält, kann er 2025 schuldenfrei sein", blickt Jana Martin voraus. (mit dahl)


Anonyme Hilfe in der Region

Die 20. bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatungen vom 3. bis 7. Juni dreht sich um den "Albtraum Miete". Dazu bieten am Donnerstag alle Beratungsstellen der Diakonie von 9 bis 11 Uhr Sondersprechstunden an, in Mittelsachsen in Rochlitz und Döbeln.

Flöha: Sozialwerk, Augustusburger Straße 71, Telefon 03726-6494, Email schuldnerberatung@sozialwerk-erz.de, Sprechzeiten dienstags 9 bis 12 und 12 bis 18 Uhr sowie donnerstags 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr

Rochlitz: Diakonie, Bismarckstraße 39, Telefon 03737-493120, Sprechzeiten dienstags und mittwochs 8 bis 12 sowie donnerstags 14 bis 18 Uhr

Freiberg: Arbeiterwohlfahrt, Forstweg 65, Telefon 03731-795-721 sowie -722 und -724, Sprechzeiten dienstags und donnerstags 13 bis 18 Uhr

Mittweida: Awo, Poststraße 29, Telefon 03727-955744 und -955756, Sprechzeiten montags bis donnerstags 9 bis 12, montags und donnerstags 13 bis 15, dienstags 13 bis 17 Uhr

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