"Niemand muss Schikanen hinnehmen"

Die neue Fachstelle für Mobbing- und Gewaltprävention in Frankenberg will Ansprechpartner für Opfer aber auch Täter sein

Frankenberg.

Seit Januar gibt es in Frankenberg eine Fachstelle für Mobbing- und Gewaltprävention. Träger ist der Verein Landesverband AD(H)S Sachsen. Drei Mitarbeiter wollen aufklären und Betroffenen helfen. "Freie Presse" fasst zusammen, was die neue Fachberatung leisten soll.

Weshalb baut ein Verein, der sich mit der AD(H)S-Problematik, also Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störungen, befasst, in Frankenberg eine Fachstelle für Mobbing- und Gewaltprävention auf?

Für Peggy Behring-Mothes, Leiterin der neuen Fachstelle, gibt es zu der Frage eine einfache Antwort: "Der Bedarf ist da." Kinder und Jugendliche mit AD(H)S seien überdurchschnittlich häufig betroffen, aber nicht nur sie. "In der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern haben wir festgestellt, dass rund 80 Prozent von ihnen gemobbt werden. Das ist erschreckend", sagte Behring-Mothes, die auch Geschäftsführerin des Vereins ist. Heranwachsende, die ihre Aggressionen nicht im Griff haben, würden zudem in manchen Fällen zu Tätern. Fast jeder Mensch ist laut der Leiterin mindestens einmal in seinem Leben mit Mobbing oder einer anderen Form von Gewalt konfrontiert. Die Probleme beginnen im Kindergarten und setzten sich bis in die Altenpflegeheime fort.

Wie kann die neue Fachstelle bei solchen Problemen helfen?

Es geht darum, Menschen zu sensibilisieren und Wissen zu vermitteln. Birgit Bergelt, Maria-Luisa Behring und Peggy Behring-Mothes sind Fachkräfte aus dem sozialpädagogischen Bereich mit der Zusatzqualifikation Fachcoach für Mobbing. "Wir sind als Ansprechpartner da und bieten Opfern, aber auch Tätern, Hilfe an", so die Chefin der Fachstelle. Deren Weiterbildungsangebote könnten Kindertagesstätten, Schulen oder Betriebe nutzen, um Kenntnisse an eigene Mitarbeiter zu vermitteln. Diese könnten dann Gefahren früher erkennen und besser reagieren.

Wie erreicht die Fachstelle ihre Zielgruppen und wie werden die Angebote angenommen?

Beratung und Unterstützung suchen vor allem Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen, aber auch erwachsene Gewalt- und Mobbingopfer. "Wir entscheiden mit ihnen zusammen, ob wir uns einschalten und intervenieren. Wir vermitteln auch zu Rechtsanwälten. Vorträge und Veranstaltungen zur Prävention werden hauptsächlich von Schulklassen nachgefragt", so Peggy Behring-Mothes. Der Zeitrahmen dafür sei meist eine Doppelstunde innerhalb eines Projekttages. Im Ergebnis seien die Teilnehmer offener für die Thematik. Nachhaltiger wären ganze Projektwochen, an denen sich Schüler und Lehrer beteiligen. Doch es gebe immer noch die Tendenz, Mobbing totzuschweigen. Manche Leiter von Kitas, Schulen und Vereinen sowie viele Arbeitgeber neigen laut der Geschäftsführerin überdies dazu, hauptsächlich nur offene Gewalt zu sehen. Weiterbildung, die auf Mobbingprävention abziele, finde weniger Beachtung.

Warum soll dem Thema mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden?

Eine Studie hat laut Peggy Behring-Mothes ergeben, dass jährlich rund 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer von Mobbing und Gewalt werden, 600 verüben deswegen pro Jahr Selbstmord. Erwachsene sind ebenfalls betroffen, beispielsweise am Arbeitsplatz oder durch Cyber-Mobbing. Es könne jeden treffen. Die Opfer leiden und mit ihnen das Umfeld, Angehörige und Freunde. Sie werden krank oder wechseln den Arbeitsplatz, schilderte sie. Konfliktmanagement sollte dort ansetzen, wo die Probleme entstehen, also in den Gruppen.

Wenn das nicht funktioniert, bietet die Fachstelle Hilfe an. Wie kann ein professioneller Begleiter erfolgreich gegen Mobbing vorgehen?

Die Leiterin der Fachstelle erläuterte das an einem Beispiel: "Wir hatten einen Fall, in denen Eltern eines Schülers von Lehrern gemobbt wurden. Statt mit ihnen im Interesse des Kindes zusammenzuarbeiten, konfrontierte der Klassenlehrer sie wiederholt mit Vorwürfen und negativen Äußerungen." Dabei wurde unter anderem behauptet, die Eltern seien vermutlich überfordert, kümmerten sich nicht genug um ihr Kind und seien nicht verantwortungsvoll. Diese Meinung übernahmen andere Lehrer. Die Eltern kamen alleine nicht aus der Situation heraus. Die Belastung für das Kind, das der Schulpflicht unterlag, wuchs. "Wir haben die Situation mit den Betroffenen besprochen und gemeinsam Schritte festgelegt", so Peggy Behring-Mothes. Dazu gehörte, dass sich Eltern, Lehrer und Schulleiter an einen Tisch gesetzt haben. Wichtig war, dass die Eltern nicht wehrlose Opfer waren. Es wurde klar zwischen kleinen Ärgernissen und Differenzen sowie mangelnder Wertschätzung und Mobbing unterschieden. Selbst wenn keine Handlungen nachweisbar sind, die strafrechtlich verfolgt werden können, müsse die Leitungsebene eingreifen. Der Chef sei verantwortlich für die Intervention in konkreten Mobbing-Fällen. "Niemand muss Schikanen hinnehmen."

Was sind die nächsten Ziele der Fachstelle?

"Neben der Begleitung und Unterstützung von Opfern und der Intervention in aktuellen Krisen bieten wir Weiterbildung an", so Peggy Behring-Mothes. Der Schwerpunkt liege auf Prävention. Das schließe die Täter ein, die beispielsweise durch aggressives und respektloses Verhalten Vorgänge auslösen, die für einzelne und das gesamte Umfeld negative Folgen haben. "Außerdem wollen wir die Netzwerkarbeit ausbauen. Die Hemmschwellen, Hilfe anzunehmen oder bewusst hinzusehen und einzugreifen, müssen gesenkt werden."

Wie finanziert der Verein die Arbeit der Fachstelle?

Der Verein erhält laut deren Chefin für drei Jahre eine Projektförderung vom Freistaat Sachsen für den Aufbau der Fachstelle. Das Sozialministerium habe das Konzept geprüft und 80 Prozent Zuschuss zu den Kosten bewilligt. 20 Prozent muss der Verein aus eigenen Mitteln beisteuern.

Wie sind die Mitarbeiter der Fachstelle erreichbar?

Für den Erstkontakt bieten sich Telefon oder E-Mail an. Die Fachkräfte sind unter den Rufnummern 037206 881726 und 0173 8220411 sowie per E-Mail: info@adhs-sachsen.de erreichbar. Die Geschäftsräume befinden sich in Frankenberg, Händelstraße 16.

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6Kommentare
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  • 2
    4
    Blackadder
    21.03.2019

    @Hinterfragt: Es gibt bei uns Gesetze beim Arbeitsrecht. Wer der Meinung ist, den Job unrechtmäßig wegen seiner politischen Meinung verloren zu haben, kann dagegen klagen. Wer hat denn seinen Job genau verloren?

  • 4
    4
    Malleo
    21.03.2019

    black...
    na dann versuchen Sie sich mal bei einem ortsansässigen Autokonzern politisch zu äußern (natürlich abseits der AM Filterblase) oder als jüngstes Beispiel der Fragenkatalog an das Gericht in Dresden ob der Gesinnung jener, die zu urteilen haben.
    Sie wollen gar nicht verstehen, trotz Ihrer vorgegebenen, nach außen getragenen kogniviten Kompetenz.

  • 1
    4
    Hinterfragt
    21.03.2019

    @Blackadder;
    Z.B. der Verlust des Arbeitsplatzes ist für Sie ein Gegenargument ...

  • 4
    4
    Blackadder
    21.03.2019

    @hinterfragt: Verwechseln Sie da eventuell Schikane mit Gegenargumenten?

  • 4
    4
    Hinterfragt
    21.03.2019

    "Niemand muss Schikanen hinnehmen"

    Es sein denn:
    Er schwimmt nicht im politischen Mainstream ...

  • 4
    1
    Mike1969
    21.03.2019

    Grundsätzlich ein guter Gedanke, der aber am Ende nur ein gut gemeiner Wunsch bleibt! Sorry, da haben wir alles anders erlebt und erleben es am Ende auch noch anders. Leider passen Realität mit dem Wunsch/Ziel nicht mehr in unserem Land zusammen!



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