Pandemie bringt Fahrt ins Ungewisse

Eine Herausforderung ist die Corona-Krise auch für die 76 Reisebüros in Mittelsachsen. Bei den Urlaubsvermittlern geht es teils um die Existenz.

Geringswalde/Frankenberg.

"Albtraum", "katastrophal" - diese und weitere Wörter fallen, wenn man sich mit den Inhabern von Reisebüros über ihre wirtschaftliche Lage unterhält. Das Corona-Virus legt die Reisebranche lahm. Auch Betreiber von Reisebüros in Mittelsachsen blicken mit Sorge in die Zukunft.

Monate umsonst gearbeitet: Katja Kaufmann hat bis vor kurzem das Sonnenklar-TV-Reisebüro in Frankenberg und einen zweiten Standort in Hainichen betrieben - das Büro in Hainichen musste sie nun kündigen. "Wir gehen mit unserer Arbeit in Vorleistung. Von November bis Januar ist die Hauptbuchungszeit. Seitdem haben wir quasi umsonst gearbeitet. An manchen Tagen denke ich an Insolvenz", sagt sie ernüchternd. Die Provisionen der einzelnen Reiseveranstalter würden erst bei Antritt der Reise gezahlt, so ist das gängige Prozedere. Nun konnten alle Reisen, die bis 30. April beginnen, kostenlos storniert werden. Damit erhalten auch die Reisebüros nichts. Zwei Beschäftigte habe Katja Kaufmann in Kurzarbeit geschickt, ein Darlehen vom Freistaat Sachsen über 50.000 Euro sowie eine Soforthilfe vom Bund über 9000 Euro beantragt. "Damit kommen wir bis Dezember hin", plant sie. Die Kunden würden aber erst nächstes Jahr wieder größere Reisen buchen, ist sie überzeugt.

Hoffnung auf Inlandreisen: Für Undine Weise, Inhaberin von Heinrichs Reisebüro in Neuhausen, waren die vergangenen Wochen die "schlimmsten meines Lebens". Schon im Herbst 2019, durch die Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook, habe sie Federn lassen müssen und sich davon finanziell noch gar nicht richtig erholt. Aufgrund der aktuellen Lage habe sie ihre Mitarbeiterin nun erst einmal entlassen. "Ich hoffe, dass zumindest die Deutschlandreisen zu machen sind", so Weise. Unterschiedliche Reaktionen hat sie von ihrer Kundschaft erhalten: "Einige sind relativ entspannt, aber ich habe auch Kunden, die innerhalb kürzester Zeit ihr Geld zurückfordern."

Kurzarbeit angemeldet: "Wir stehen mittendrin als Vermittler, können nur versuchen, zu glätten", sagt Romy Hofmann vom Reisebüro Holiday & Fun in Flöha. Viele Kunden würden versichern, dass sie gern wiederkommen, wenn die Krise vorbei ist. Anfragen zu gebuchten Urlauben reichten bis zum Februar 2021. Wegbrechen würden nun vor allem auch Fernreisen, die von März bis Mai gern anstehen - und mit ihnen die Einnahmen. Folge: "Meine Kollegin musste ich auf Kurzarbeit setzen."

Schlimmer als Cook-Pleite: "Ich habe im zurückliegenden halben Jahr quasi umsonst gearbeitet", konstatiert Stefanie Knoch. Wie bei so vielen ihrer Branche sind die Geschäfte des "Reisebüros am Markt" in Geringswalde seit Mitte März komplett zum Erliegen gekommen. Sie sei grundsätzlich ein positiv denkender Mensch, sagt die Reiseverkehrskauffrau und Mutter eines Sohnes. "Doch das, was meine Mitarbeiterin Annett Schlegel und ich aktuell aushalten müssen, ist noch schlimmer als die Pleite von Reiseveranstalter Thomas Cook im vergangenen Jahr." Immerhin seien in der letzten März-Woche noch rund 20 Gäste aus Spanien, Portugal und der Karibik in die Heimat geholt worden. Normalerweise liefen jetzt die Buchungen für Herbst und Winter an. "Die Nachfrage nach neuen Buchungen liegt verständlicherweise bei Null", bemerkt die 37-Jährige. Und wer für die Sommerreisezeit gebucht habe, den müsse sie derzeit beruhigen und vertrösten.

Problem laufende Kosten: 76 Reisebüros und Reiseveranstalter sind bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz, Regionalkammer Mittelsachsen, im Landkreis registriert, sagt Cindy Krause, zuständig für Handel und Dienstleistungen. "Die Reisebüros waren Mitte März mit die ersten, die uns kontaktiert haben." Die Zuschüsse vom Staat seien nur dazu da, laufende Kosten zu decken, die Einnahmen könnten damit nicht kompensiert werden. Vor allem auch viele Senioren würden aus Vorsicht nun Reisen stornieren, ergänzt Cindy Krause.


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