"Pusteblume"-Kinder dürfen gemeinsam verschieden sein

Wie Inklusion geht, wird in der Frankenberger Kita vorgemacht. Als Vorbild für andere Einrichtungen in Sachsen standen die Mädchen und Jungen sogar schon vor der Filmkamera.

Frankenberg.

Insgesamt 138 Kinder im Alter zwischen null und sieben Jahren werden derzeit in der christlichen Kita "Pusteblume" in Frankenberg betreut. Davon sind laut Leiter Benjamin Hielscher aktuell 18 Integrationskinder, das heißt, sie sind körperlich oder geistig behindert beziehungsweise haben Probleme, ihr Verhalten zu steuern. "Wir haben eine Kapazität von 21 Integrativ-Plätzen", sagt Hielscher. Doch die Integration geht ihm nicht weit genug. Für ihn ist Inklusion nun die konsequente Weiterführung: Die "Pusteblume" ist deshalb einer von zwei Modellstandorten im Landesmodellprojekt "Inklusion in sächsischen Kindertageseinrichtungen", also "Eine Kita für alle".

Doch worin besteht der Unterschied? Während bei der Integration gehandicapte Menschen in ein bestehendes System einbezogen werden, ohne dass sich das System großartig ändert, will die Inklusion von Anfang an ein gemeinsames System für alle Menschen, ohne dass jemand ausgegrenzt oder stigmatisiert wird. "Es gibt stille, ängstliche zurückhaltende Kinder, aber auch laute und dominante", weiß Hielscher. Die Zurückhaltenden müssten lernen, wie sie in einer Gruppe bestehen und ihre Außenseiterposition aufgeben können. Die Dominanten wiederum müssten ein demokratisches Verhalten lernen, wie sie mit Macht, Überlegenheit und ihren eigenen Fähigkeiten umgehen. "Unser Ziel ist es, die Kinder bestmöglichst dabei zu unterstützen", sagt Hielscher.

Unterstützung erhält die Einrichtung dabei vom Institut 3L (Lebenslanges Lernen) aus Dresden. "Die Frankenberger Einrichtung ist aktuell ein Modellstandort für ein Schulungsprojekt", erklärt Projektleiterin Anika Richter. Von Februar bis Mai seien laut Kita-Leiter die Kinder und ihr Verhalten untereinander gefilmt worden. Seit Mai würden die Sequenzen ausgewertet.

Experten aus den Bereichen Soziologie, Entwicklungspsychologie und Pädagogik sollen die gefilmten Situationen auswerten und auf dieser Basis Schulungsmaterial für andere Kindereinrichtungen erstellen. "Wir sind aktuell mit den Wissenschaftlern im Gespräch, die Analysen laufen", bestätigt Anika Richter. Geeinigt habe man sich auf fünf Szenen aus dem Kinderalltag, etwa eine halbe Stunde Filmmaterial sei so entstanden. "Wir werden umfangreiches Schulungsmaterial zusammenstellen", sagt die Projektleiterin. Dazu sollen nicht nur die Filmszenen mit den Kindern, sondern auch die Auswertung durch die Experten und ein einführender Artikel gehören. 2019 soll das Material zur Verfügung stehen.

"Wir bekommen diese Auswertung aus erster Hand", erklärt Hielscher. Doch das sei nicht der einzige Vorteil, den die Einrichtung als Modellstandort habe. Das Land finanziere zudem die halbe Stelle einer Mitarbeiterin, die sich konkret dem Thema Inklusion widme. "Sie kann dadurch an Fachtagungen teilnehmen und ihr Wissen in die Einrichtung mitbringen", sagt Hielscher. Später soll sie die Erzieherinnen schulen. Zudem gebe es innerhalb des Projekts regelmäßig Treffen des Arbeitskreises am Institut 3 L in anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel der Kita "Regenbogen" in Chemnitz oder der Kita "Altstadtinsel" in Dresden.

Wenn im Dezember 2019 das Projekt beendet wird, will Hielscher längst keinen Haken dahinter setzen. Denn die "Pusteblume" hatte sich bereits an der ersten Phase des Modellprojekts von Februar 2013 bis Juli 2016 beteiligt. Das Kultusministerium hatte dafür 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. "Danach ergaben sich viele positive Veränderungen im Denken und der Haltung der Mitarbeiter, Eltern und Kinder", erklärt er. Deshalb habe sich die Einrichtung auch für die jetzige zweite Phase beworben.

Die Erfahrungen, das Schulungsmaterial und das erworbene Wissen wolle die Kita auch in Zukunft nutzen, um am Inklusionsgedanken festzuhalten und daran zu arbeiten. "Wir werden Fehler aufspüren und positives Verhalten der Erzieher stärken und in den Fokus rücken", erklärt Hielscher. Auch die Mitarbeiterin, eine Sozialpädagogin mit Heilpädagogischer Zusatzqualifikation, soll die Erzieher künftig weiter unterstützen.

"Leider gibt es in Sachsen nur wenige Inklusions-Kitas", sagt Anika Richter. Darauf hatte das Institut 3 L auch schon im Abschlussbericht 2016 hingewiesen. "In dem aktuell bestehenden System sind Kinder, die aufgrund einer Behinderung oder Beeinträchtigung einen erhöhten Unterstützungsbedarf brauchen, auf eine Etikettierung angewiesen, damit die Eingliederungshilfe und der damit einhergehende finanzielle und personelle Mehraufwand gedeckt wird. Dem Inklusionsgedanken steht das entgegen", hieß es darin. Und auch für Hielscher steht fest: "Nur die Inklusion betrifft alle Kinder."

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