Raus aus der Opferrolle

Ein Ferienkurs soll Mobbing-Opfer stärker machen. Auch Behörden und Schülervertreter haben das Problem im Visier.

Mittweida/Hainichen.

Du bist nichts wert. Geh dich begraben. Niemand würde dich vermissen. Sätze wie diese - ausgesprochen von ihren Mitschülern - machen der 13-jährigen Leonie* schwer zu schaffen. Schon seit ihrer Kindergartenzeit fühlt sich die Siebtklässlerin von anderen Kindern ausgegrenzt und gemobbt. Die Vorfälle seien nicht nur auf die Schule begrenzt. Auch im Internet werde sie mit teils heftigen Ausdrücken beleidigt. "Das ist kein schönes Leben", sagt Leonie.

Die Oberschülerin ist eines von neun Kindern aus Schulen in Mittweida, Hainichen, Rochlitz, Waldheim und Lichtenau, die in den Ferien am Mega-Training des Diakonischen Werks Rochlitz teilgenommen haben. Mega steht für "Miteinander echt gut auskommen", der Workshop im Eltern-Kind-Zentrum der Diakonie in Mittweida soll Mobbing-Opfern zwischen 10 und 14Jahren helfen, in schwierigen Situationen besser zu reagieren und der Ausgrenzung ein Ende zu setzen.

Initiiert hat das Training Esther Schlimper von der Erziehungs- und Familienberatung des Diakonischen Werks. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art, die die Rochlitzer Diakonie durchführt. Im viertägigen Kurs sei es zunächst um die Kinder selbst gegangen - ihre Gefühle, Bedürfnisse und Stärken. "Für viele war es bereits eine große Hürde, etwas positives über sich selbst zu sagen", so Esther Schlimper.

Janett Neumeister, seit August als Schulsozialarbeiterin an der Oberschule in Hainichen tätig, beobachtet Mobbing dort in nahezu jeder Klasse. Dahinter stecke oft ein schlecht ausgeprägtes Selbstwertgefühl. "Das ist meist ein Schrei nach Aufmerksamkeit", erklärt sie. Tätern wie Opfern fehle es nach ihrer Beobachtung häufig an Zuwendung im Elternhaus. Neumeister sieht daher auch die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder gegen Mobbing zu wappnen: "Sie müssen sich Zeit für ihre Kinder nehmen, ihre Bedürfnisse erkennen und sie bestärken." Kindern, die gut gestärkt durch den Alltag gehen und stabile Bindungen haben, falle es leichter, über dumme Sprüche hinwegzusehen. Andere lebten hingegen in einer regelrechten Opferrolle. "Die beschäftigen sich den ganzen Tag mit negativen Dingen, auch mit Komplimenten können sie nicht umgehen. Wir haben versucht, das ein bisschen umzukrempeln, soweit das innerhalb von vier Tagen möglich ist", sagt Neumeister, die das Mega-Training mit Esther Schlimper und einer weiteren Kollegin geleitet hat. Im Kurs sei etwa mit Rollenspielen gearbeitet worden, um den Kindern zu vermitteln, dass sie selbst in der Hand haben, wie sie anderen entgegentreten.

Mobbingvorfälle gebe es an jeder Schule, meint der mittelsächsische Kreisschülersprecher Ken Mertens. An vielen Schulen werde jedoch nicht genügend dagegen unternommen, schätzt er. "Nur die wenigsten Schulen bieten Präventionsprojekte an oder lassen Workshops und Seminare zum Thema durchführen. Dazu kommt, dass immer noch nicht jede Schule einen Schulsozialarbeiter hat." Der Kreisschülerrat wünsche sich daher, dass den Themen Mobbing und Cybermobbing im Unterricht viel Platz eingeräumt wird und Lehrer stärker sensibilisiert werden, Mobbing frühzeitig zu erkennen und besser damit umzugehen.

"Wir nehmen das Thema Mobbing sehr ernst", sagt Roman Schulz vom Landesamt für Schule und Bildung (Lasub). Wie viele Mobbing-Fälle es in Sachsen gibt, wird von der Behörde nicht statistisch erfasst. "Wir erfahren immer wieder von Einzelfällen", sagt Schulz. "Aber wir wissen auch, dass die Dunkelziffer weit höher ist." Weil sich Mobbing zunehmend auch im Internet abspiele, solle das Thema auch in der Medienbildung eine größere Rolle spielen. Zudem würden Lehrerfortbildungen zum Thema angeboten, thematische Elternabende und Veranstaltungen für Schüler organisiert. "Wir holen uns dafür Partner ins Boot", erklärt Schulz. Dazu zählten beispielsweise die Polizei sowie der Lions Club, die Präventionsveranstaltungen organisieren. Das Thema Mobbing sei allerdings kein reines Schul-Problem, betont er. "Es betrifft die gesamte Gesellschaft, und Schule ist eben ein Teil davon."

Die Erfahrung im Kurs, mit ihrem Schicksal als Mobbing-Opfer nicht allein zu sein, habe ihr geholfen, sagt Leonie. Sie hat sich vorgenommen, nach den Ferien stolz in ihre Klasse zurückzukehren und ihre Mitschüler zu konfrontieren. Im Training habe sie gelernt, "dass ich etwas wert bin und nicht immer in der Opferrolle stecken muss".

*Name von der Redaktion geändert

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