Rettungsschwimmer soll zurück in den Libanon

Im Sommer 2016 half Kasim Atris ehrenamtlich im Freibad in Hainichen. Danach bekam er eine Anstellung in Plauen. Jetzt wurde seine Abschiebung angekündigt - obwohl er als integriert gilt.

Hainichen/Plauen.

Im Freibad Hainichen hat eine Nachricht aus Plauen für große Aufregung gesorgt. Rettungsschwimmer Kasim Atris, der im Vogtland im Haselbrunner Bad schon im dritten Sommer beschäftigt ist, soll abgeschoben werden. Der 25-jährige Libanese war zuvor in Hainichen tätig, und ist hier den Badegästen noch in guter Erinnerung, ebenso den Mitarbeitern im Bad und in der Verwaltung.

Atris arbeitet heute 40 Stunden pro Woche, bezieht keine Sozialleistungen und hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Ein Glücksfall, sagt sein Plauener Chef. Denn der junge Mann spricht Arabisch und Deutsch, kann zwischen ausländischen und einheimischen Badegästen vermitteln. Er sei ein Bindeglied zu den Asylbewerbern, sagt Ronny Adler, Geschäftsführer der städtischen Bädergesellschaft. Kasim Atris hat Schwimmkurse für Asylbewerber gegeben. Jetzt steht ihm selbst das Wasser bis zum Hals. Kasim soll heimfliegen. Sein Asylantrag ist abgelehnt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Abschiebe-Androhung erlassen, die jederzeit vollzogen werden kann. Er ist zur Ausreise verpflichtet und darf, solange er hier ist, den Vogtlandkreis nicht verlassen.

Seit knapp vier Jahren lebt Kasim in Deutschland. Er kam im Oktober 2015 über die Türkei, besuchte eine Cousine und blieb, zunächst in Hainichen. In seiner Heimat Libanon habe er eine Ausbildung zum Wasserretter gemacht, im Möwenpick-Resort in Beirut die Pools beaufsichtigt und Fitness-Kurse gegeben. Kasim sagt, er kommt schon lange ohne Geld vom Staat aus.

Hainichens Bürgermeister Dieter Greysinger (SPD) kann dies bestätigen. Er hatte sich schon 2012 dafür stark gemacht, dass der Libanese eine Anstellung findet. "Die Nachricht, das er Deutschland verlassen soll, hat mich geschockt", sagte Greysinger. "Es werden die falschen Leute abgeschoben. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln." Greysinger weiß dabei, wie sehr Rettungsschwimmer gefragt sind: "Jahr für Jahr versuchen andere Kommunen, unsere Leute abzuwerben."

In Hainichen wohnte der Libanese in der Flüchtlingsunterkunft am Ottendorfer Hang. Nach seinen früheren Angaben war er mit Vater und Mutter geflüchtet, als Angehörige bei Explosionen ums Leben kamen. Im Freibad absolvierte er ein Praktikum, unterstützte die beiden Schwimmmeister bei ihrer Arbeit - unentgeltlich. "Wir sind gute Freunde geworden", sagt Schwimmmeister Ronny Müller. "Er hat schon damals übersetzt." Sein Kollege Rick Seifert stimmt zu: "Er war definitiv in Deutschland angekommen, ein Paradebeispiel für gute Integration."

Dass nun dem jungen Mann, der als integriert gilt, die Abschiebung droht, ist für Greysinger unverständlich. Zumal er auch die Problemfälle kennt, die es in der Unterkunft am Ottendorfer Hang gibt. So hat sich der Bürgermeister im Vorjahr sogar an den sächsischen Innenminister gewandt und ihn um die Abschiebung eines Migranten aus Nordafrika gebeten. "Er hat nur Ärger in der Stadt gemacht, und die Behörden haben lange nur zugeschaut", so der Bürgermeister. Ende vorigen Jahres soll der Mann in der Flüchtlingsunterkunft Hainichen einen Brand gelegt haben, ermittelt wurde laut Polizei gegen ihn wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung.

Den Fall Kasim Atris bearbeitet nun eine Rechtsanwältin für Asylrecht. Kasim Atris hat wie viele Asylbewerber keinen Pass. Er hätte sich einen ausstellen lassen können in der libanesischen Botschaft, aber das hat er nicht. Als Grund gibt er Angst an: "Dann schiebt man mich noch schneller ab." Aber Atris kann auch ohne Pass abgeschoben werden, sagt Jeannette Haase-Pfeuffer, die als Projektleiterin Betrieben hilft, Ausländer einzustellen. Der libanesische Rettungsschwimmer will sich nun in der Botschaft seine Identität nachweisen lassen und Dokumente besorgen.

"Wer bleiben möchte, braucht einen Pass", sagt Haase-Pfeuffer. Sie will Atris helfen, benutzt Worte wie "Beschäftigungsduldung" und "Antrag auf Ermessen". Hintergrund sei ein neuer Beschluss, der ab Januar greift und mit dem die Behörden über Menschen wie Kasim Atris entscheiden dürfen, sofern sie keine Sozialleistungen beziehen oder straffällig waren.

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7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Distelblüte
    07.09.2019

    @Hinterfragt: Ich nehme es als Freudschen Versprecher. ;)

  • 0
    0
    Hinterfragt
    07.09.2019

    Blöde mobile Autokorrektur:
    verkennen sollte es lauten.

  • 3
    0
    Hinterfragt
    07.09.2019

    @Distelüte;Sie bekennen mal wieder die wahren Gegebenheiten!
    Er hatte Jahre Zeit seine Identität zu belegen in dem er einen Pass beibringt.
    Hat er nicht!

  • 0
    2
    Nixnuzz
    07.09.2019

    Wenn ich das richtig sehe, ist das ein Single ohne weiteren Familienanhang hier. Juristisch dürfte die Rücksendung kein Problem sein - "nur ein moralisches". Leider funktioniert das jedoch oft quer durch hier bereits lebende Familien mit differetialdiagnostischer Rechtslage, in der der Ernährer mit unsittlicher Erwerbslage für Frau und Kinder arbeitet und diese bereits es bis in die Abiturklassen gebracht haben. In irgendeinem Artikel war mal nachgelegt worden, das vermehrt hier bereits "sich im Integrationsprozess-befindliche ordentlich gemeldete Ausländer" bei Nacht und Nebel polizeilich entfernt wurden. Zur Freude von Kleinunternehmern und anderen Engagierten. Als Totschlagsargumente sind derart spezifische Einzel- oder Mehrfachfälle immer gut verwendtbar.

  • 4
    2
    Lesemuffel
    06.09.2019

    Wieder mal einen Einzelfall hochspielen. So löst man keine Probleme der Integration bzw. der Anerkennung des Asylantrages.

  • 2
    7
    Distelblüte
    06.09.2019

    Wieder einmal ist die Herkunft alles, was in Sachsen zur Beurteilung eines Menschen benötigt wird.

  • 5
    1
    FromtheWastelands
    06.09.2019

    Was lernen wir daraus? Man kann integriert sein wie man will, Arbeit haben, Steuern zahlen, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein, ist alles egal, wenn es irgendeinem Paragraphenreiter nicht passt hat man Pech gehabt.



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