"Sehe ich aus wie ein Monster?"

Am Freiberger Theater zeigt die Komödie "Sein oder Nichtsein", wie Nazis überlistet werden können. Mit dem sehr gegenwärtig anmutenden Stoff punktete das Ensemble beim Publikum.

Freiberg.

Bühnenhohe Hakenkreuzfahnen, Totenköpfe, der Hitlergruß in zigfacher Ausführung - die Zuschauer im Freiberger Theater werden mit einer Flut von Nazisymbolen konfrontiert. Schließlich geht es in der Komödie "Sein oder Nichtsein" von Nick Whitby, die am Samstagabend Premiere hatte, um den verzweifelten Überlebenskampf einer gewieften Warschauer Theatertruppe nach dem Überfall der Wehrmacht 1939 auf Polen.

Doch das Mittelsächsische Theater zeigt kein verkopftes Be-Lehrstück. Es ist vielmehr eine Komödie im besten Sinne. Bei allem Humor driftet das Stück, das nach Ernst Lubitschs gleichnamigem Film von 1942 entstand, nie ins Banale ab. Der historische Hintergrund, das Wissen um die Verbrechen der Nazis spielt immer eine Rolle und liefert dem Stück das Grundrauschen, das angesichts seines Repertoires an NS-Parolen und -Gesten oft unangenehm heutig klingt. Zudem zitiert das Programmheft Niklas Frank, den Sohn von Hitlers Generalgouverneur in Polen, Hans Frank: "Jetzt aber tauchen wieder Väter von meines Vaters Art auf, die mein Hirn vergiften wollen." Er erinnert an AfD-Chef Alexander Gauland, der die NS-Zeit einen "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte nannte. Dazu Frank: "Triumphierend nickt mir mein Vater zu."

Doch zurück zum Theater: In "Sein oder Nichtsein" bleibt dem Zuschauer oft das Lachen im Hals stecken, und mitunter fragt er sich: Darf ich darüber eigentlich lachen? Er darf. Das zeigen Thomas Roth, der als Regisseur für die erkrankte Schauspieldirektorin Annett Wöhlert eingesprungen ist und einen super Job gemacht hat, Dramaturg Matthias Wolf und die allesamt brillanten Schauspieler mit ausgefeilten Dialogen, ausgeklügelten Ideen und witzigen Pointen. Wenn etwa die Mitarbeiterin der polnischen Zensurbehörde (Almut Buchwald) die Premiere der Farce "Gestapo" im vorauseilenden Gehorsam verbietet: "Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Feinde nicht beleidigen." Oder wenn "Heil Hitler!" skandiert wird, sobald die Argumente ausgehen. Oder wenn der so selbstverliebte wie masochistische Gestapo-Gruppenführer Erhardt (grandios: Peter Peniaska) die kokette und mutige Schauspielerin Maria Tura (wie gewohnt klasse: Franka Anne Kahl) für sich einnehmen will: "Wir sind doch keine Monster, Frau Tura. Sehen Sie mich an: Sehe ich aus wie ein Monster?" Zuvor hatte Gestapo-Mann Fleischer (Michael Berger) genüsslich seine blutverschmierten Folterinstrumente ausgebreitet.

Ausstatter Eckhard Reschat zieht alle Register. Das fängt beim Klopapier, an, das mit Hakenkreuzen bedruckt ist, und endet bei den schnell wechselnden, stimmungsvollen Bühnenbildern. Letztlich können fast alle Theaterleute ihr Leben retten. Und nicht nur das. Indem sie sich mit Uniformen aus ihrem verbotenen "Gestapo"-Stück verkleiden, die echten Nazis damit überlisten und den polnischen Widerstand retten, verändern sie den Verlauf der Geschichte. Einem aber gelingt die Flucht nicht. Der jüdische Schauspieler Grünberg (Martin Ennulat) wird von den Nazis verschleppt. Sein Schicksal bleibt offen. Gegen Ende weist die Komödie Züge eines nervenaufreibenden Thrillers auf. Soviel sei verraten: Im Unterschied zum Lubitsch-Film spielt ein Hitler-Double hier mal keine Rolle.

Am Ende muss der selbstverliebte Schauspieler Josef Tura (herrlich komisch: Ralph Sählbrandt) seinen Hamlet-Monolog "To be or not to be" auf Englisch lernen - im Exil. Langer Beifall nach der Vorstellung.

Weitere Vorstellungen von "Sein oder Nichtsein" am Donnerstag,19.30 Uhr in Freiberg, am 27. Oktober, 17 Uhr in Döbeln.

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