Stadt - Land - Flucht

Immer mehr Orte schlagen sich mit Abwanderung und den Folgen herum: Während Freiberg und Mittweida wachsen, verlieren Dörfer. Doch wie entscheiden Familien, wo sie leben wollen? "Freie Presse" hat Stadt-Eltern und Land- Eltern gefragt.

Stadtleben kommt für Volkmar Baumgart und seine sechsköpfige Familie nicht infrage. "Als wir unser Haus in Voigtsdorf gekauft und umgebaut haben, gab's noch die Grundschule. Jetzt müssen die Töchter mit dem Bus zum Unterricht", sagt der 37-Jährige, der die Landschaft des Erzgebirges liebt und dafür Nachteile in Kauf nimmt.

Der Impuls, woanders hinzugehen, sei im Leben selten so ausgeprägt wie zum Zeitpunkt der Familiengründung, erläutert Angela Kunz vom Landesamt für Landwirtschaft. "Das Durchschnittsalter der Menschen, die sich in den Ortsteilen niederlassen, liegt unter 30 Jahren."

Die Expertin hat Stadt-Land-Bevölkerungsbewegungen in Oederan, Mügeln, Stolpen und Kirchberg untersucht. Fazit: "Mehr als 90 Prozent aller Personen, die sich in diesen Orten niederlassen, kommen aus Sachsen, mehr als 50 Prozent davon aus Nachbargemeinden oder Gemeinden des eigenen Kreises." Zudem ist Kunz aufgefallen, dass erst nach dem 75. Lebensjahr die Häufigkeit von Umzügen in Ortszentren nochmals deutlich zunimmt. Insofern "altern" Kleinstädte "doppelt": durch die Abwanderung junger Leute und durch die Zuzüge hochbetagter Menschen.

Das bestätigt Alexander Müller vom Sächsischen Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (VDW). Er führt das auf geringe Wohnkosten in Städten und fehlende "gehobene Senioren-Infrastruktur" in den Dörfern zurück. Das geht aus der Verbands-Studie zur Zukunft der sächsischen Kommunen hervor.

Antonia Milbert, Expertin vom Bundesinstitut für Stadt- und Raumforschung, beobachtet seit längerem, dass zwar Eltern überwiegend außerhalb der Großstadt nach dem Ideal suchen. Aber: Es werden weniger. Schon heute würden "zwei Drittel der Kinder in einem urbanen Umfeld aufwachsen". Familien würden zwar einen Teil ihres Wohlfühl-Pakets außerhalb der wohnraumumkämpften Zentren finden. "Gewinner dieser Familienbewegung ist aber nicht das Land, es sind Klein- und Mittelstädte", so Milbert.

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Land-Eltern: "Wir lieben das dörfliche Miteinander"

Voigtsdorf: Markus und Simone Baumgart leben mit den Kindern Jasmin, Marlen, Annika und Leonie (Foto: J. Walther) seit 2000 in dem Dorfchemnitzer Ortsteil. Dort hat die Familie ein Bauernhaus ausgebaut. "Wir lieben Ruhe, das dörfliche Miteinander, haben eine Top-Nachbarschaft", sagt Markus Baumgart, der aus Olbernhau stammt und sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Der 37-Jährige ist Kettensägenschnitzer und eng mit der Natur verbunden. "Hier hab ich meinen Sägeplatz. In der Stadt würde das nicht gehen", so der Erzgebirger, der auch Nachteile sieht: "Als wir hierher gezogen sind, gab es noch eine Grundschule im Dorf." (jwa)


Stadt-Eltern: "Die Lebenshaltungskosten sind okay"

Hainichen: Pierre Kruppik und Gerit Singer (Foto: Bernhardt) sind 2014 von Hamburg nach Hainichen zurückgekehrt, wo sich beide während der Schulzeit über den Weg liefen. "Hier haben wir Familie und Freunde, die Autobahn, Turbo-Internet, und auch die Lebenshaltungskosten sind okay", so Gerit Singer, Mutter eines fünfjährigen Jungen und eines einjährigen Mädchens. Zwar habe das Dorf den Vorteil der Ruhe, "aber auch wir sind in zehn Minuten im Wald". Dass die Kleinstadt über Schulen und Sportstätten verfügt, beschreibt sie als großen Vorteil. "Und wenn wir doch noch mehr Trubel brauchen, fahren wir ganz einfach nach Dresden." (jwa)


Stadt-Eltern: "Nach der Arbeit brauchen wir unsere Ruhe"

Lunzenau: Heiko und Ulrike Voigt (Foto: J. Walther) hatten schon immer mit einem Haus geliebäugelt. Per Internet fanden sie das passende Grundstück in Lunzenau - mit Blick auf die Mulde. Ihr Traumhaus hatten sie vorher ausgesucht. Obwohl beide ihre Kindheit in der Stadt verbrachten und zuvor acht Jahre in Rochsburg gelebt haben, bevorzugen sie die Kleinstadt mit ländlichem Charme. "In der Großstadt sind zu viele Leute", sagt der 45-Jährige, der wie seine Frau einen Fulltimejob hat. "Nach der Arbeit brauchen wir Ruhe." Anstelle von Theater und Kino bevorzugen sie Wald-Spaziergänge und Spritztouren mit dem Quad. Und da darf Sohnemann Ben (5) nicht fehlen. (jwa)


Land-Eltern: "Hier wird mehr als in der Stadt getratscht"

Hennersdorf: Markus und Tabea Haußmann (Foto: C. Dohle) haben 2014 ein Haus in dem Augustusburger Ortsteil gekauft, zum Eigenheim umgebaut. "Wir suchten ein Grundstück, damals stand das Haus zum Verkauf", so der 26-Jährige, der in dem Dorf aufgewachsen ist. "Wir lieben die Idylle, Kinder können herumtoben, im Garten pflanzen wir Gemüse an", sagt der Familienvater, der bei der Berufsfeuerwehr Chemnitz beschäftigt ist. Zudem passen die Großeltern auf Sohn Alexander auf, da beide in Schichten arbeiten. "Hier wird mehr getratscht als in der Stadt", verrät Tabea Haußmann schmunzelnd. Nachteile: "Ohne Auto geht nichts, es gibt hier keinen Markt." (cdo)

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