Stiller Protest gegen die Bonpflicht

Der Regelung begegnet die Rochlitzer Bäckerei Börner mit Humor. Händler in Mittelsachsen haben dafür indes kein Lächeln übrig.

Rochlitz/Mittweida.

Fast dekorativ hängen die weißen Bahnen über dem Tresen in der Filiale der Bäckerei Börner. Man muss näher hinschauen, bis man erkennt - hier hängen Kassenbelege in Schlangen von der Thekenbeleuchtung. "Das ist das Ergebnis von etwa drei Wochen", sagt Sabine Koester, Verkäuferin im Geschäft an der Rathausstraße. Seit dem 1. Januar 2020 sind alle Händler verpflichtet, einen Kassenbon auszudrucken, egal ob der Kunde diesen verlangt oder nicht.

Verkäuferin Sabine Koester hat trotz der neuen Regelung den Humor nicht verloren. Auf die Frage: "Haben Sie noch einen Wunsch?", antwortet ein Kunde auf die ungewöhnliche Dekoration deutend: "Ja, bitte keinen Bon!" Sie lacht. Von hundert Kunden wolle einer seinen Beleg, sagt Sabine Koester. "Aber ich muss alle Bons ausdrucken, und die bleiben auf der Theke liegen." Vor drei Wochen habe sie die Geduld verloren und die Schlangen einfach über die Beleuchtung gehangen. "Die meisten Kunden stutzen erst und schmunzeln dann", so Koester.

René Buschmann, Inhaber der Bäckerei Schramm in Dorfchemnitz und Innungsobermeister in Freiberg, sammelt die Kassenbons in Säcken. "Mehrere habe ich davon jetzt schon hier rumstehen. Es ist immens, was da anfällt." Was er damit anfange, wisse er noch nicht. "Es wird aufs Altpapier hinauslaufen", sagt der Innungsobermeister.

Ronny Schmieder, Geschäftsführer der Bäckerei Schmieder mit Filialen in Frauenstein, Freiberg, Mulda, Hermsdorf und Hartmannsdorf ärgert sich zudem über die steigenden Kosten. "Was wir an Kassenrollen in einem halben Jahr vertan haben, brauchen wir jetzt manchmal in einem Monat", sagt Schmieder.

Den zunehmenden Müll sieht auch der Obermeister der Bäckerinnung Mittweida, Uwe Paulig, als Belastung. "Auf den Parkplätzen vor den Supermärkten wird das Problem sichtbar", so der Bäckermeister aus Altmittweida. "Der Kunde ist ja berechtigt, den Bon wegzuschmeißen, sobald er ihn in der Hand hat." Der liege dann überall herum. Paulig sieht in der Belegpflicht blinden Aktionismus des Gesetzgebers. Der Bon sei ja im System digital ablegt, nur eben nicht ausdruckt.

Warum der gedruckte Bon dennoch den Unterschied macht, erklärt Manuela Lohse, Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes Saxonia des Bäckerhandwerks in Sachsen. "Bei einer Prüfung durch das Finanzamt muss ein ausgedruckter Kassenbon im digitalen Kassensystem auffindbar sein. So kann ausgeschlossen werden, dass Produkte unter der Hand verkauft werden", erläutert Lohse. "Aber die Mittel sind völlig unangemessen und stellen den Bäcker per se als Betrüger hin. Das ist doch Quatsch", so Lohse. Eine Möglichkeit, gegen die Bon-Flut anzugehen, sei der digitale Kassenbeleg. Der lässt sich per QR-Code mit Smartphone auslesen.

Wie lange Sabine Koester von der Bäckerei Börner die Belege über dem Tresen dekoriert, weiß sie nicht. "Im Sommer wird ja noch der Eisverkauf hinzu kommen. Die Kinder, die dann bei uns einkaufen, werden den Bon ja auch nicht mitnehmen."

Manuela Lohse hofft, dass sich auf der Bundesebene in Sachen Bonpflicht zukünftig etwas mehr bewegt. "Aktuell können wir das aber nicht abschätzen", erklärt Lohse. "Aber vielleicht beschleunigen die aktuellen Entwicklungen rund um das Coronavirus ja auch verschiedene Prozesse und die Bonpflicht wird noch zur Bon-Kür", scherzt sie. (cbo)


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.