Trotz Anschlag: Wirt schließt Umzug aus

Weil sein Restaurant in Chemnitz bei einem wohl fremdenfeindlich motivierten Anschlag zerstört wurde, erlangte ein Frankenberger traurige Berühmtheit. Wie geht es mit seinem Lokal weiter?

Frankenberg/Chemnitz.

Bis Ali Tulasoglu sein Lokal wieder eröffnen kann, werden wohl noch Monate vergehen. Der 46-jährige Frankenberger ist Inhaber des "Mangal", jener Gaststätte in Chemnitz, die seit Mitte Oktober nicht nur deutschlandweit traurige Berühmtheit erlangte, als sie einem Anschlag zum Opfer fiel. In der Nacht waren Unbekannte in die Räumlichkeiten an der Straße der Nationen eingedrungen, hatten an die einhundert Liter Brandbeschleuniger vergossen und angezündet. Die Tat war Teil einer Serie von Anschlägen in der Stadt, die sich gegen ausländische Restaurants richteten.

Nach wie vor ist Ali Tulasoglu erleichtert, dass in jener Nacht niemand verletzt wurde. Seine Gaststätte allerdings wurde vollständig zerstört. "Sie muss komplett entkernt und saniert werden, nicht einmal die Elektrik funktioniert noch", berichtet er. Während die Versicherung noch die genaue Schadenssumme prüft, wird der Gastronom langsam ungeduldig: "Ich bin es nicht gewohnt, länger als drei Tage am Stück nichts zu tun." Doch aktuell sei es schwer, Handwerker zu finden, die sein Lokal wieder in Schuss bringen. Und auch wenn er das "Mangal" eigentlich gern wiedereröffnen möchte - ein Funken Sorge bleibt. "Die Täter sind noch nicht festgenommen worden", sagt der zweifache Vater. "Wie kann ich damit leben? Was, wenn Mitarbeiter oder meine Familie hier gewesen wären, als es passiert ist? Mir gehen viele Fragen durch den Kopf."

Dass der Anschlag ihm persönlich gegolten haben könnte, glaubt Tulasoglu nicht. "Es war eben das einzige türkische Restaurant in der Gegend", sagt er. Dennoch habe er in den Tagen danach unter Schock gestanden. Zugleich war das Interesse an seiner Person groß. "Tagelang hat das Telefon geklingelt, Politiker haben angerufen, aus Deutschland und aus der Türkei", erzählt er. Der sächsische Ministerpräsident und die Chemnitzer Oberbürgermeisterin besuchten das ausgebrannte Lokal, auch ein Treffen mit der Kanzlerin gab es. "Manche sagen zwar: 'Davon kannst Du Dir nichts kaufen.' Aber zu wissen, dass man in dieser Situation nicht allein ist, ist gut für die Seele."

Auch in Frankenberg habe er eine Welle der Solidarität erlebt: "Die meisten hier waren betroffen. Viele haben mir ihr Beileid ausgesprochen und gefragt, ob sie helfen können. Ich hatte hunderte Anrufe." Ein Jugendclub habe sogar eine Spendenaktion für ihn organisieren wollen. "Aber das habe ich abgelehnt. Andere Menschen brauchen das Geld dringender", sagt er. Nur einen Anruf des Frankenberger Bürgermeisters habe er vermisst: "Immerhin kenne ich ihn seit Jahren."

Als Jugendlicher kam der Kurde aus der Türkei nach Deutschland, seit rund 20 Jahren lebt er in Frankenberg. Bevor er 2017 das "Mangal" eröffnete, betrieb er jahrelang einen Imbiss im Ortsteil Dittersbach. In der Kleinstadt kenne man einander, der 46-Jährige vergleicht sie mit einer Familie: "In jeder Familie gibt es doch solche und solche. Ich kenne auch die rechte Szene hier persönlich." Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit habe er in all dieser Zeit nie gemacht. Aus Sachsen fortzuziehen kommt für den Wirt daher nicht in Frage: "Ich habe hier ein Haus gebaut, meine Söhne haben hier ihre Schulfreunde." Und außerdem, sagt er lachend, "sagen sie im Westen doch schon 'Ossi' zu mir."

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2Kommentare
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  • 2
    3
    kartracer
    11.12.2018

    Kann es sein, daß die Person in der Bildmitte eine "Oberbürgermeisterin" ist, na dann Hut ab, sie hatte sicherlich sehr kalte Hände.

  • 1
    3
    1252548
    10.12.2018

    Es wundert mich nicht, dass sich der Bürgermeister von Frankenberg nicht gemeldet hat, der muss schließlich viele Millionen Steuergelder ausgeben. Da hat man keine Zeit für Opfer von Straftaten ????



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