Von einer ganz normalen Familie

Sie geben zwei Kindern das, was die eigene Familie im Moment nicht geben kann - Liebe, Geborgenheit, ein Zuhause eben. Warum sich ein Paar für Pflegekinder entschied.

Mittweida/Rochlitz.

Da steht er nun vor ihnen, der kleine Junge. Er heißt Marvin. Der Dreijährige ist schmal, etwas blass, hat dunkelblonde Haare und braune Augen. Aus denen schaut er normalerweise verschmitzt. Doch im Moment sehen sie traurig aus. Er schaut in die hoffnungsvollen Augen von Heike und Peter Wunderlich*, seinen Pflegeeltern. Sie möchten ihm das bieten, was ihm seine eigene Familie im Moment nicht geben kann - Liebe, Geborgenheit, ein Zuhause eben. Diese Situation ist für die Wunderlichs neu: Marvin wird ihr erstes Pflegekind sein. Er möchte jetzt malen. Ein Traktor soll es werden. Peter Wunderlich zögert nicht lange, auf dem weißen Papier entsteht mit wenigen bunten Strichen ein Traktor. Marvin freut sich. Zum ersten Mal an diesem Tag. Das Eis ist gebrochen. Das war vor etwa vier Jahren.

Heike und Peter Wunderlich wohnen in Mittelsachsen. Seit fast zehn Jahren sind sie ein Paar. "Wir haben uns ganz klassisch im Internet kennengelernt", erzählt die junge Frau mit dem netten Lächeln. Vor zwei Jahren folgte die Hochzeit. Warum sie jetzt Pflegeeltern sind? Mit dem Kinderwunsch habe es auf natürlichem Weg leider nicht geklappt. Beide litten sehr darunter. "Schließlich, es war kurz vor Weihnachten, habe ich mir ein Herz gefasst und Peter gefragt, was er davon halte, wenn wir Pflegeeltern werden. Er sagte, genau das wolle er mich auch fragen."

Zunächst informierten sich die beiden im Internet zum Thema. Danach folgte ein Gespräch bei Esther Neubert vom Caritasverband Chemnitz. "Über vier Stunden haben wir mit ihr gesprochen. Es fühlte sich richtig an. Es gibt so viele Kinder, die auf Pflegeeltern warten", erzählt Heike Wunderlich. Der Antrag für das Jugendamt füllte sich fast von allein aus. Was folgte, waren mehrere Seminare zur Vorbereitung auf ihr Leben als Pflegeeltern. Es war wieder kurz vor Weihnachten, da klingelte das Telefon. Das Jugendamt informierte, es gebe da einen kleinen Jungen, der eine Pflegefamilie brauche. Die Wunderlichs bekamen etwas Bedenkzeit. Schließlich entschieden sie sich dafür, und so trafen sie Marvin zum ersten Mal. Nach mehreren Treffen in Begleitung der Jugendamtsmitarbeiterin und auch mit den leiblichen Eltern durften sie den Jungen schließlich mit nach Hause nehmen. Marvin fühlte sich sofort wohl - in dem großen Familienhaus, in dem auch die Eltern von Heike Wunderlich wohnen. Die sich genauso über das Kind freuten. Marvin blühte auf. Mit Begeisterung nahm er sein Zimmer mit den vielen Spielsachen für sich ein oder drehte mit dem Bobby-Car Runden durch den großen Garten. Wie andere Kinder eben auch. In Mittelsachsen gibt es derzeit 192 Pflegefamilien, die 230 Kindern ein Zuhause auf Zeit geben. "Der Bedarf ist jedoch viel höher", sagt Antje Bergelt vom Pflegekinderdienst des Landratsamtes. Sie begleitet Familie Wunderlich. Hält telefonisch oder per E-Mail Kontakt, kommt ab und an zu Besuch.

Kinder müssen immer dann aus ihrer Familie genommen werden, wenn eine Gefährdung vorliegt. "Das ist die missbräuchliche Ausübung der elterlichen Fürsorge, die Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder das Verhalten eines Dritten", erklärt Antje Bergelt. Ziel ist eigentlich, die Situation in der Familie des Kindes wieder so herzustellen, dass das Kind bei den Eltern aufwachsen kann. Ist das nicht möglich, gibt es für solche Fälle sogenannte Dauerpflegestellen.

Heike, Peter und Marvin - schnell fühlt es sich wie eine richtige Familie an. "Eigentlich unterscheidet uns nicht viel von anderen - bis auf die Kontakte zur Familie des Kindes. Der Alltag aber ist gleich", meint Heike Wunderlich. Die Besuche bei seinen Eltern waren für Marvin manchmal nicht leicht. Er verstand nicht, warum er Heike und Peter, die er mittlerweile Mama und Papa nannte, verlassen sollte, wenn auch nur für einen Tag oder ein Wochenende. "Wir haben mit viel Liebe und Geduld versucht, ihm das zu erklären. Warum die Besuche wichtig sind, warum woanders andere Regeln gelten", erklärt der Mittvierziger, der wie seine Frau in der Dienstleistungsbranche tätig ist.

Vor einem Jahr dann kam der Tag, vor dem sich die Wunderlichs gefürchtet hatten. Sie mussten sich von Marvin verabschieden - für immer und nicht nur für ein Wochenende. Von vornherein stand fest, dass er in seine Familie zurückgehen soll, sobald diese für ihn wieder angemessen sorgen könne. Marvin wollte Mama und Papa nicht verlassen, und sie hätten ihn am liebsten behalten. Marvin liebte Peter und Heike nun genauso wie seine leiblichen Eltern.

Da ihnen der Abschied vom ersten Pflegekind emotional sehr zu schaffen machte, entschieden sie sich beim zweiten Kind für eine Dauerpflegestelle. Die kleine Marie lebt nun seit mehr als zwei Jahren bei der Familie. "Sie kam als Säugling zu uns. Das war etwas ganz Besonderes, von Anfang an an ihrer Entwicklung teilhaben zu dürfen", sagt Heike Wunderlich immer noch sichtlich gerührt. Damals nahm sie auch Elternzeit, fast anderthalb Jahre blieb sie mit ihr zu Hause, verfolgte gespannt jeden Entwicklungsschritt des Babys.

Glück hatten die Wunderlichs auch mit ihrem Arbeitgeber, bei dem sie mit dem Thema Pflegeeltern offene Türen einrannten. Sie konnten Überstunden ansammeln, die sie bei der Eingewöhnung der Kinder wieder absetzten, sowie ihren Urlaub flexibel in diese Zeit legen. "Dafür sind wir sehr dankbar, dass uns da keine Steine in den Weg gelegt wurden", sagt Peter Wunderlich, der gerade mit dem neuesten Familienzuwachs auf dem Arm kuschelt. Leon ist erst vor kurzem in die Familie gekommen, erst wenige Monate alt. Er macht die Familie nun komplett. Marie ist große Schwester und ganz angetan vom Baby. Und Heike Wunderlich ist wieder in Elternzeit.

Freunde und Familie unterstützen die beiden in ihrem Vorhaben sehr. Sie waren von Anfang an von der Idee begeistert. Fremde Leute, denen sie davon erzählen, hätten zwar großen Respekt davor, könnten sich selbst aber meist nicht vorstellen, Kinder aufzunehmen. "Nur Mut, das ist so eine gute Sache", fordert Peter Wunderlich zum Nachdenken auf. Ihr Kontakt zu Marvin ist derweil nicht abgerissen. "Wir erkundigen uns oft nach seinem Befinden und wissen, dass es ihm gut geht. Ein Treffen allerdings würde ihn nur verunsichern."

*Namen von der Redaktion geändert.


Was Pflegeeltern beachten sollten

Ist ein Kind in der Herkunftsfamilie gefährdet (etwa durch Missbrauch oder Vernachlässigung), braucht es über kürzere (Bereitschaftspflege) und längere Zeit (Vollzeitpflege) eine Pflegefamilie.

Voraussetzung für Pflegeeltern sind Freude und Verständnis für das Kind, Belastbarkeit und Zeit, Einfühlungsvermögen, Geduld und Kraft, Toleranz und Offenheit, Verständnis für die Eltern des Kindes und Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Der Altersabstand zum Kind sollte 50 Jahre nicht überschreiten. Ein eigenes Zimmer sollte zumindest für größere Kinder vorhanden sein.

Es besteht Anspruch auf Elternzeit, jedoch nicht auf Elterngeld. Das monatliche Pflegegeld enthält die Unterhaltskosten (je nach Alter zwischen 500 und 700 Euro) und eine altersunabhängige Aufwandsentschädigung von etwa 240 Euro.

Die Vermittlung der Kinder erfolgt über das Amt für Jugend und Familie. Eine zuständige Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes steht bei Fragen jederzeit telefonisch und per E-Mail zur Verfügung. Es finden regelmäßige Besuche statt.

Weitere Infos und Erfahrungsberichte unter Landratsamt Mittelsachsen,

Abteilung Jugend und Familie, Referat Kinderpflegedienst, Telefon 03731 799 6265 oder 03731 799 6210. (fbä)

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