Warum die Kultur aus dem Rathaussaal verbannt wird

Veranstaltungen, die nicht von der Stadt organisiert werden, sind künftig im Saal tabu. Das hat der Stadtrat beschlossen. Nun versuchen die Abgeordneten, zurückzurudern.

Hainichen.

Bisher hat Johanna Martin immer gern "Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder" gesungen. Derzeit nimmt die 94-Jährige davon Abstand, aber nicht aus gesundheitlichen Gründen. Die Musiklehrerin ist sauer, denn Konzerte ihrer Mandolinengruppe wird es im Rathaussaal Hainichen nicht mehr geben. Auch die Hausmusik der Kirchgemeinde sowie Konzerte, Lesungen und sämtliche anderen nicht von der Stadt organisierten Veranstaltungen haben im Rathaus keinen Platz mehr.

Das hat der Hainichener Stadtrat einstimmig beschlossen, und zwar schon im November 2018. Damals stand eine Satzung zur Abstimmung, die die Nutzung des Ratssaales regelt. Vorausgegangen war eine über Monate währende Diskussion im Ausschuss, ausgelöst durch die Beschwerde einer Stadträtin bei der Rechtsaufsicht. "Wir hatten bislang keine Satzung, und das auch aus gutem Grund", so Bürgermeister Dieter Greysinger (SPD). "Ich konnte bisher eigenverantwortlich entscheiden, wer den Rathaussaal nutzen kann." Und dies seien vor allem Chöre und Musikgruppen aus der Stadt, die Kirchgemeinde und kleinere Veranstalter gewesen.


"Mir wurde aber immer unterstellt, ich würde jemanden bevorzugen", erklärt Greysinger. "Wohl auch deshalb gab es die Beschwerde. Und die hatte zur Folge, dass die Rechtsaufsicht des Landkreises auf einer Satzung bestand." Darin wird nun geregelt, dass es nur noch städtische Veranstaltungen im Rathaussaal gibt. Sonst hätte man den Raum allen Interessenten zur Verfügung stellen müssen, also auch Parteien, Organisatoren und jedweden Veranstaltern - wenn auch gegen eine Nutzungsgebühr. Das habe der Stadtrat aber auch nicht gewollt.

"Dafür hätten wir schließlich zusätzliches Personal gebraucht", erläutert Greysinger. Bisher habe die Praxis immer so ausgesehen, dass zwei Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung freiwillig den Einlassdienst übernommen hätten. Somit habe die Stadt durch die bislang durchgeführten Konzerte oder Lesungen kaum Kosten gehabt. Was künftig im Rathaussaal noch möglich ist, sind städtische Veranstaltungen, wie zum Beispiel Konzerte innerhalb des Weihnachtsmarktes, der Neujahrsempfang, Bürgerforen und natürlich Sitzungen des Stadtrats.

Zur jüngsten Beratung war die neue Satzung nochmals ein Thema, was von CDU-Fraktionschef Donald Bösenberg angesprochen wurde. "Vom Bürgermeister wurden uns mehrere Briefe, in denen sich Leute über die Nutzungsbeschränkungen beschweren, weitergeleitet", sagt Bösenberg. "Im November ist dies aber nun mal so beschlossen worden, und das einstimmig. Man sollte also jetzt nicht die CDU dafür allein verantwortlich machen."

Kämmerer Thomas Scheumann betonte, dass erst die Eingabe bei der Rechtsaufsichtsbehörde die neue Satzung erforderlich gemacht habe. Bislang sei man mit der Regel "wo kein Kläger, da kein Richter" gut gefahren. Jetzt müsse man Gebühren von allen in gleicher Höhe verlangen. Greysinger erklärte, er habe vor diesem Schritt mehrfach gewarnt. Mehrere Stadträte forderten, dass man doch eine Lösung für private Veranstalter und Vereine finden solle. "Wenn wir zum alten Status zurückkehren, müsste aber das Landratsamt mitspielen", so Greysinger.

Johanna Martin will die Hoffnung noch nicht aufgeben: "Wenn wir Konzerte geben, ist der Saal doch immer voll. Eintritt haben wir nie genommen, den Leuten aber stets eine Freude gemacht." In diesem Jahr sei mit Mandolinen eine musikalische Reise durch Europa schon geplant gewesen. Die liege vorerst auf Eis. "Aber es ist doch unser Rathaus, unsere Stadt, mit der wir verbunden sind", unterstreicht Johanna Martin ihre Forderung. "Wir Hainichener fühlen uns jetzt echt betrogen."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...