Warum dieser Oberlehrer einen Preis bekommt

Mit Nachttopf, Rohrstock oder Laterne - Michael Kreskowsky schlüpft in viele Rollen, doch er bleibt sich treu: Der Mann aus Kriebstein gibt Unterricht. Seit 25 Jahren. Dafür wurde er jetzt ausgezeichnet.

"Guten Morgen, Kinder!" "Guten Morgen, Herr Oberlehrer!" Na bitte, geht doch, wenn es auch erst ein paarmal geübt werden musste: zackig aufstehen, aus der Bank treten, Hände an die Hosennaht, Kopf geradeaus. Der Herr Oberlehrer schreitet zu seinem Katheder, lässt von dort oben seinen gestrengen Blick über die Klasse schweifen - und muss sich ein Lächeln verkneifen. In den alten Schulbänken sitzen, getrennt nach Knaben (links vom Gang) und Mädchen (rechts) knapp 30 "Schüler" im Alter zwischen 7 und schätzungsweise 70 Jahren. Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit Enkelkindern. Die Mädchen züchtig bekleidet mit weißer Schürze und weißer Schleife im Haar, die Knaben in Matrosenhemden und -kragen.

Wir schreiben einen der letzten Oktobertage des Jahres 2019. Aber hier scheinen alle in eine Zeitmaschine geraten zu sein: in eine Schulstunde um 1910. Ort des Geschehens ist ein fast originalgetreu eingerichtetes Klassenzimmer in der ehemaligen 2. Bezirksschule von Mittweida. Ein Klassenzimmer wie aus einem alten Bilderbuch. 60 Kinder wurden vor etwa 100 Jahren in diesem Raum unterrichtet. Unbequem ist das Sitzen auf den engen Holzbänken, gewöhnungsbedürftig das Schreiben auf den Schiefertafeln. Heute gehört dieser Teil der Pestalozzi-Schule zum Museum "Alte Pfarrhäuser" Mittweida, das diese historische Schulstunde als Museumsbesuch der besonderen Art im Programm hat.

Was die Älteren schmunzeln lässt, nötigt den Jüngeren zumeist gehörigen Respekt ab. Da heißt es Taschentücher vorzeigen, die Sauberkeit der Hände wird kontrolliert, es folgen Lesen und Schreiben, Vaterlandskunde und Singen, vom Herrn Oberlehrer am Harmonium begleitet. Und immer dieser Befehlston, dieses Drohen mit dem Rohrstock. Aber man glaubt gar nicht, wie schnell Kinder unserer Zeit sich an das Stillsitzen mit gefalteten Händen, das Aufspringen beim Antworten, an das Sprechen im ganzen Satz, an dessen Ende stets das "Herr Oberlehrer" zu folgen hat, gewöhnen. Dieser Lehrer ist aber auch eine Respektsperson. Den Augen hinter der kreisrunden Nickelbrille scheint nichts zu entgehen. Nur die Mundwinkel, die zucken manchmal fast verräterisch.

Es ist nicht zu übersehen: Michael Kreskowsky ist in seinem Element, hat wohl den meisten Spaß von allen. Er spielt seine Rolle als strenger Lehrer zur Kaiserzeit mit Bravour. Dabei kennt ihn so mancher auch in anderen Verkleidungen: im langen weißen Nachtgewand mit Nachttopf in der Hand, in braunem Hut und Umhang mit Laterne und Hellebarde, im Mönchskostüm oder als Kerkermeister. Dann referiert der 40-Jährige über die Toilettenkultur im Mittelalter, ein rechter "Scheißvortrag" sei das, wie er ohne mit der Wimper zu zucken betont, macht abendliche Stadtrundgänge mit Interessierten durch Mittweida, erzählt über das Ritterleben auf Burg Gnandstein, lädt zum Gruseln ein in die Folterkeller der Burg Rochlitz oder zur Besichtigung der Kapelle von Burg Mildenstein. Stets passt er seine "Arbeitskleidung" den jeweiligen Gegebenheiten und Themen an, schlüpft in verschiedene Rollen. Aber im Grunde bleibt er immer nur das eine: Lehrer.

Michael Kreskowsky ist ein Geschichtsbesessener. Von dieser Begeisterung will er abgeben. Aber mit Geschichte meint der Mann nicht das Herbeten von Jahreszahlen oder das Aufzählen von Völkerschlachten und Herrscherdynastien. Er nimmt seine "Schüler" mit in frühe Zeiten, lässt sie eintauchen in die Vergangenheit, in das Leben ihrer Vorfahren. Heimatgeschichte, Regionalgeschichte ist sein Thema schlechthin. "Wie soll ich mich sonst irgendwo zu Hause fühlen, wenn ich nur das Heute und nicht das Gestern kenne? Wie soll ich etwas anfangen mit dem Begriff Heimat, wenn ich nichts über sie weiß?", antwortet er mit Gegenfragen auf das Warum. "Locker und leicht, das ist meine Art Geschichte zu vermitteln. Es führen eben verschiedene Wege nach Rom."

Ein studierter Historiker also, der neue Wege geht. Denkt man zumindest. Aber falsch gedacht. Kreskowsky ist eigentlich gelernter Reproduktionstechniker, hat aber nie in der Druckvorbereitung gearbeitet. Es hat ihn von jeher in Museen gezogen. Er war unter anderem auf Burg Mildenstein und Burg Rochlitz im museumspädagogischen Bereich fest angestellt, ehe er sich als Gästeführer - übrigens als erster im Regierungsbezirk Chemnitz - 2010 selbstständig machte.

"Im Grunde fühlte ich mich ja schon als Kind zum Museumsdirektor berufen", behauptet Kreskowsky schmunzelnd. Aber das ist eigentlich kein Witz, denn mit 13, 14 Jahren ging der Junge als "jüngster Museumsdirektor Deutschlands" durch die Medien. Anfang der 1990er-Jahre hatte ergemeinsam mit gleichgesinnten Freunden in seinem Heimatdorf Grünlichtenberg, heute ein Ortsteil von Kriebstein, Altes vor der Müllhalde bewahrt. Ausgedienter Hausrat aus Großmutters Zeiten, bäuerliches Werkzeug, ob Dreschflegel oder Butterfässer, alte Bücher, Fotos und Dokumente wurden damals in vielen Familien entsorgt, um Platz für Neues zu schaffen. Die Jungs horteten das Zeug und hatten bald die Idee, daraus eine Ausstellung zu machen. Bei Kreskowskys im Garten wurde ein großes Zelt aufgestellt und mit dem Plunder bestückt. Die Leute kamen in Scharen. Unter den Neugierigen war auch der Bürgermeister der Gemeinde, der bot den Kindern Platz in der alten Dorfschule an für eine Art Dauerausstellung. So wurde der 14-Jährige Museumsdirektor. Allein zur Eröffnung am Pfingstwochenende 1994 kamen an die 1000 Besucher. "Das waren schon wilde Zeiten damals, das wäre heute nicht mehr möglich. Aber diese Aktion hat mein Leben geprägt", meint Kreskowsky rückblickend.

Sammeln, bewahren, forschen - das tut er bis heute. All seine Vorträge, die meisten werden mit einer Vielzahl passender Dokumente und Fotos angereichert, sind aufgrund seiner Recherchen, seiner unstillbaren Geschichtsneugier entstanden. Mit seiner Neugier anzustecken, das ist sein größter Wunsch.

Schon seit vielen Jahren gehört er fast zum Inventar des Museums "Alte Pfarrhäuser" Mittweida, ist heute der ehrenamtliche Vorsitzende des Fördervereins. Ein Glücksfall für dieses Haus, spürt man doch an vielen Sonderausstellungen und Veranstaltungen die unkonventionellen Ideen und die leichte Hand Kreskowskys. Dass Geschichte, vor allem eben auch Regionalgeschichte, alles andere als langweilig und verstaubt ist, das beweist er auf vielfältige Weise. Und zaubert seinen Zuhörern zumeist ein Lächeln ins Gesicht.

Wenn Beruf und Hobby so eng verschmelzen, bleibt wenig Zeit für anderes, zumal die meisten Veranstaltungen, Rundgänge und Vorträge an Feiertagen, Wochenenden und in den Abendstunden stattfinden - von seiner Arbeit in der Kirchgemeinde und als Denkmalpfleger einmal abgesehen. Aber das ist kein Problem für Michael Kreskowsky, solange er den gebührenden "Lohn" bekommt. Und das soll heißen: wenn viele Besucher sich mit ihm auf seine skurrilen Geschichtsreisen begeben.

Dieses Engagement hat jetzt aber doch noch einen besonderen Lohn bekommen:Die Stiftung für Kunst und Kultur der Sparkasse Mittelsachsen zeichnete Kreskowsky für seine Vermittlung und Präsentation der Regionalgeschichte aus - mit einer Sonderehrung bei der diesjährigen Vergabe des Andreas-Möller-Geschichtspreises. Kreskowsky verstehe es, seit nunmehr 25 Jahren alle Altersgruppen mit seiner Begeisterung für die Schönheit und die Geschichte der Region anzustecken, hieß es in der Laudatio.

Danke, Herr Oberlehrer!

www.museum-mittweida.de

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