Was Mittelsachsen von Gemeinschaftsschulen halten

Die Kreisverbände der Linken, SPD und Grünen haben in Mittweida für längeres gemeinsames Lernen geworben.

Mittweida.

Gymnasium oder Oberschule? Am Freitag erfahren Sachsens Viertklässler anhand ihrer Bildungsempfehlung, welche Schulform für sie die geeignetere sein soll. Kritiker finden das zu früh. Sie wünschen sich Gemeinschaftsschulen, in denen stärkere und schwächere Schüler länger gemeinsam lernen können. Ein Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und anderen Verbänden hat daher einen Volksantrag auf den Weg gebracht. Bei 40.000 Unterschriften muss sich der Landtag mit dem Thema befassen; 30.000 sind bereits gesammelt.

Bei einer gemeinsamen Aktion warben am Mittwoch die mittelsächsischen Kreisverbände der Linken, SPD und Grünen um weitere Unterstützung. Mit der Resonanz zeigten sich die Politiker zufrieden, über 100 Unterschriften seien am Morgen in Döbeln und am Mittag auf dem Mittweidaer Markt zusammengekommen. Gerade Ältere seien mit dem Konzept vertraut sagte der sächsische SPD-Generalsekretär Henning Homann: "Viele kennen sich aus, weil sie zu DDR-Zeiten selber auf Schulen gegangen sind, wo längeres gemeinsames Lernen an der Tagesordnung war."

Nach Ansicht von Antje Feiks, Landesvorsitzende der Linken, würden Gemeinschaftsschulen den ländlichen Raum stärken. Schüler könnten demnach bis zur achten Klasse gemeinsam lernen und erst dann entscheiden, welchen Abschluss sie machen wollen. "Das ist auf dem Land ein Vorteil, weil weitere Schulwege dann erst später in Kauf genommen werden müssten."

Für Wolfram Günther, den Vorsitzenden der Grünen-Landtagsfraktion, sind auch Schulen denkbar, an denen alle Abschlüsse angeboten werden. Der Wunsch nach längerem gemeinsamem Lernen sei bei vielen Eltern und Kindern gegeben. "Aber das Angebot ist nicht da." Bei einer Emnid-Umfrage im Jahr 2017 sprachen sich nach Angaben des Bündnisses 66 Prozent der Sachsen für die Gemeinschaftsschule aus.

An dem Bündnis beteiligt ist auch die sächsische Bildungsgewerkschaft GEW. Axel Stumpf vom Mittelsächsischen Kreisverband ist überzeugt, dass Gemeinschaftsschulen sozialer Ausgrenzung entgegenwirken können. Gerade ältere Lehrer hätten jedoch auch Angst vor einer solchen Veränderung, so der Gymnasiallehrer aus Brand-Erbisdorf: "Einige fahren lieber auf gut geölten Schienen." Auch der Kreisschülerrat sieht in der Gemeinschaftsschule eine große Chance. Sie könne "individuell auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eingehen", meint Kreisschülersprecher Ken Mertens, der das Gymnasium in Mittweida besucht.

Steve Mende aus Hainichen würde sein Kind gern auf eine solche Schule schicken. "Am liebsten bis zur achten Klasse", so der Familienvater. Er selbst habe ab der neunten Klasse ein Gymnasium besucht. "Da ist man in einem Alter, in dem man das selbst schon gut einschätzen kann. Ich fände es gut, wenn man den Kindern Zeit ließe, bis sie sich eine eigene Meinung bilden können."

Kritik an der Gemeinschaftsschule kommt aus der CDU. "Um Kinder individuell fördern zu können, sollte die Heterogenität in den Klassen nicht zu groß sein", meint die Frankenberger CDU-Landtagsabgeordnete Iris Firmenich. Das gute Abschneiden sächsischer Schüler bei bundesweiten Bildungsvergleichen belege die Qualität des bestehenden Systems. Zudem sei es in Sachsen möglich, von einer Schulform auf die andere zu wechseln. Auch um Schulstandorte im ländlichen Raum sorgt sich Firmenich, sollten neue Gemeinschaftsschulen hinzukommen. (mit fa)


Wie die Gemeinschaftsschule in Sachsen aussehen soll

Das Bündnis "Gemeinschaftsschule in Sachsen" will, dass die Gemeinschaftsschule neben den bestehenden als gleichberechtigte weitere Schulart eingeführt wird. Schüler lernen dort auch über die vierte Klasse hinaus gemeinsam. Neben der Gründung neuer Schulen sei es auch denkbar, bestehende Schulen zu Gemeinschaftsschulen weiterzuentwickeln, wenn Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern, Schüler und der Träger dies gemeinsam beschließen, so das Bündnis.

Gemeinschaftsschulen können entweder alle Klassenstufen von der ersten bis zur zwölften umfassen. Ab Klasse 9 können Schüler auf einen angestrebten Abschluss hin lernen. Sie können den Haupt- und Realschulabschluss sowie das Abitur erwerben. Eine Gemeinschaftsschule kann aber auch nur die Klassen 1 bis 10, 5 bis 10 oder 5 bis 12 umfassen. Dann muss sie mit anderen Schulen kooperieren, um den kompletten Bildungsweg anbieten zu können.

Lehrer unterrichten an Gemeinschaftsschulen in den Stufen, für die sie ausgebildet sind. Bundesweite Bildungsstandards sowie die sächsischen Lehrpläne und Stundentafeln sind verbindlich. Unterricht wird getrennt nach Klassenstufen oder stufenübergreifend erteilt. Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf werden auch an Gemeinschaftsschulen individuell gefördert und inklusiv unterrichtet. (lkb)

gemeinschaftsschule-in-sachsen.de

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...