Wenn das Kindeswohl gefährdet ist

Ausgaben der Jugendhilfe in Mittelsachsen steigen weiter - Im Vorjahr deutlich weniger minderjährige Asylbewerber aufgenommen

Mittweida.

Ob Kinderheim, Jugendwohngruppe oder ambulante Begleitung durch Sozialpädagogen: In mehr als 700 Fällen musste das Jugendamt des Landkreises im vorigen Jahr eingreifen, weil Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert waren. Die "Freie Presse" gibt Antworten auf drängende Fragen.

In welchem Bereich sind die Ausgaben in der Jugendhilfe in Mittelsachsen am höchsten?

Für Hilfen zur Erziehung sind wie in den Vorjahren die meisten Mittel aufgewendet worden: 2017 waren es rund 13 Millionen Euro. Generell steigen die Ausgaben im Bereich der Jugendhilfe seit Jahren. So betrugen sie 2010 erst 19,5 Millionen. Im Vorjahr schlugen bereits 36,8 Millionen zu Buche.

Die Ausgaben für Erziehungshilfen sind um etwa sieben Prozent gestiegen. Warum?

Zum einen wuchs die Anzahl der Fälle. Waren es 2016 erst 715 Fälle waren es im Vorjahr 735 - ein Anstieg um drei Prozent. Um die Betroffenen kümmern sich im Landkreis 27 Träger der freien Jugendhilfe. Davon halten 15 insgesamt 18 ambulante beziehungsweise teilstationäre Angebote vor und 18 Träger betreiben 34 stationäre Einrichtungen, wie beispielsweise Jugendwohngruppen. Zum anderen kletterten die Ausgaben, wie das Jugendamt erklärt, weil Mitarbeiter höhere Löhne aufgrund von Tarifsteigerungen erhalten. Auch höhere Sachkosten spielen eine Rolle.

Erzieherische Hilfen ist ein abstrakter Begriff. Was verbirgt sich konkret dahinter?

Neben stationären Hilfen, bei denen Kinder in Einrichtungen aufgenommen werden, spielen die Erziehungsberatung und ambulante Hilfen eine Rolle. Bei Letztgenanntem sind Familienhelfer, angestellt bei freien Trägern, gefragt. Zu ihnen zählt Renate Morgner vom Diakonischen Werk Rochlitz. Sie begleitet im Schnitt bis zu neun Familien. Zu ihren Klienten zählen minderjährige Mütter genauso wie etwa Eltern, die wegen einer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit Hilfe bei der Erziehung benötigen. Die Entscheidung, ob eine solche Hilfe nötig ist, trifft in aller Regel das Jugendamt des Landkreises - meist nach einer Anzeige von Kinderärzten oder von Kindereinrichtungen. Zum Teil wird ihr Einsatz gerichtlich angeordnet. "In der Regel begleiten wir die Betroffenen ein bis zwei Jahre lang", sagt Renate Morgner. Oft seien es für andere Eltern selbstverständliche Dinge, bei denen ihre Klienten Hilfe benötigen: Früh aufstehen, Kinder regelmäßig in Kita oder Schule bringen, Anträge bei Behörden stellen, hauswirtschaftliche Arbeiten erledigen. "Oft müssen wir die Mütter und Väter immer wieder motivieren, etwas zu tun oder geben Anleitung", sagt die Sozialpädagogin, die mit einer weiteren Familienhelferin vorwiegend im Altkreis Rochlitz tätig ist. Es gehe immer darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Oberstes Ziel ihrer Arbeit sei das Kindeswohl. In Einzelfällen gehe das soweit, dass Kinder in ein Heim aufgenommen werden.

Gibt es darüber hinaus Hilfsangebote für Familien?

Es gibt beispielsweise Familienhebammen. Diese sind in erster Linie Hebammen, die aber weitere Aufgaben übernehmen. Unterstützt werden Familien in "schwierigen Lebenslagen", hervorgerufen durch Überlastung im Alltag, psychische Belastungen, soziale Isolation, Krankheit oder Behinderung und Minderjährigkeit, so die zuständige Referatsleiterin des Landratsamts, Carmen Randhahn-Renner. Begleitet werden Familien mit Kleinkindern bis zu deren erstem Geburtstag. Im Juni gab es bereits 42 Fälle. Im vorigen Jahr waren es 61. In fast einem Drittel der betreuten Fälle, brauchten die Eltern Hilfe, weil sie selbst sehr jung waren. Nachdem in der Anfangszeit - das Angebot existiert seit 2013 - drei Familienhebammen tätig waren, sind es inzwischen elf. Das Budget ist fast ausgereizt, weshalb die Familienbegleitung des Familientreffs Mittweida ab diesem Jahr vom Landkreis finanziert wird.

Im Jahr 2016 schlugen sich die Ausgaben zur Betreuung von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen im Budget der Jugendhilfe stark nieder. Wie hat sich das 2017 entwickelt?

Im Jahr 2017 nahm die Abteilung Jugend und Familie 79 unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) in Obhut. Im Jahr zuvor waren es noch 120. Dennoch sind in dem Bereich im vergangenen Jahr die zweithöchsten Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe zu verzeichnen gewesen: rund 8,1 Millionen Euro. Auch ein Anstieg war zu verzeichnen: 2016 schlugen Ausgaben von knapp 6,9 Millionen Euro zu Buche. Das Jugendamt begründet dies damit, dass im Vorjahr 1,4 Millionen Euro in die Einrichtungen investiert wurden. Zudem erhielten 73 junge Menschen, also frühere UMA, die volljährig geworden sind, Hilfen des Jugendamtes. Diese stammten hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern.

Warum gibt es auch beim Unterhaltsvorschuss eine so deutliche Kostensteigerung?

Rund 6,4 Millionen Euro sind an Unterhaltsvorschuss im Jahr 2017 gezahlt worden, 2016 waren es knapp 4,2 Millionen. Die erhebliche Kostensteigerung ist auf die gesetzliche Änderung zurückzuführen. Seit Juli 2017 gilt die Altersgrenze von zwölf Jahren und die Höchstbezugsdauer von 72 Monaten nicht mehr. So erhöhte sich die Anzahl der Kinder, für die Unterhaltsleistungen gezahlt wurden, von 2016 zu 2017 von 2700 auf 4644, also um 72 Prozent. Damit erhielten 2017 durchschnittlich 101 von 1000 im Landkreis wohnenden Minderjährigen Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz.

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