Wie das Dorf in die Stadt kommt

Anika Dittmar beschäftigt sich mit nachhaltigem Städtebau. Um den großen Fragen unserer Zeit zu begegnen, sei Verzicht nötig, sagt sie. Als Vorbilder könnten dabei Projekte im ländlichen Raum dienen.

Mittweida.

"Suffity" hat Anika Dittmar ihr Forschungsprojekt genannt. Das Kofferwort steht für Sufficient City - suffiziente Stadt - und ist laut der 34-Jährigen ein völlig neues Thema. An der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule Mittweida hat Dittmar seit rund einem Jahr die Professur für Nachhaltiges Bauen und Betreiben inne. In der Nachhaltigkeit gibt es, erklärt sie, drei Strategien: Effizienz, Substitution und Suffizienz. Effizienz, also Wirtschaftlichkeit, betrachtet den optimalen Umgang mit Ressourcen. "Wenn ich zum Beispiel von zuhause aus arbeite, könnte jemand anderes mein Büro nutzen. So könnte man die Flächenauslastung hochschrauben", erläutert sie. Bei der Substitution geht es darum, Dinge zu ersetzen - etwa statt fossiler Brennstoffe erneuerbare Energien zu verwenden.

Und Suffizienz? Anika Dittmar zeigt auf eine leere Stelle in ihrem Büro. "Suffizienz bedeutet: Wenn es auf der Etage einen zentralen Drucker gibt, warum brauche ich dann noch einen weiteren in meinem Büro? Ich verzichte also zugunsten der Nachhaltigkeit auf Equipment und damit ein stückweit auch auf Komfort." Suffizienz, das bedeute im Kern, zu überlegen, was verzichtbar ist.

Suffizienzstrategien seien bisher eher stiefmütterlich behandelt worden, erklärt die promovierte Wirtschaftsingenieurin. Denn Verzicht sei nicht sexy. "Aber Effizienz und Substitution reichen eben nicht aus, um den großen Herausforderungen unserer Zeit - Klimawandel, Ressourcenverknappung, demografischer Wandel - zu begegnen. Deswegen brauchen wir auch diese dritte Strategie." Der Grundgedanke bei Suffity sei es, Suffizienzstrategien in alle Bereiche des Alltags zu integrieren. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen von der Universität Innsbruck und der Fachhochschule Stuttgart entwickelt Dittmar seit dem Frühjahr Ideen, wie das vor allem in Städten gelingen könnte. Dittmar selbst lebt in Chemnitz. "Dort haben wir viel Leerstand, so viele teils sehr große Gebäude, die für Investoren eher uninteressant sind. Wären die nicht ideal, um dort einen kleinen Mikrokosmos unterzubringen?"

Jeder Bewohner eines solchen Gebäudes hätte, so stellt es sich die 34-Jährige vor, seinen persönlichen Wohnraum und Rückzugsort. Küche, Sanitäranlagen, Büro oder Gästezimmer jedoch würden mit den Nachbarn geteilt. "Jeder Quadratmeter, der nicht gebaut wird, bindet keine Ressourcen, verbraucht keine Energie", erklärt die Hochschulprofessorin. Ähnliche Ideen gibt es bereits: Tiny Houses etwa, winzige freistehende Hütten, in denen Küche, Bad, Schlaf- und Wohnzimmer auf wenigen Quadratmetern untergebracht sind. "Wenn man aber eine Familie gründet, wird so etwas sicher nicht ausreichen", wendet Dittmar ein. Auch Wohnheime seien nicht der Weisheit letzter Schluss: "Niemand, der aus einem Wohnheim auszieht, will danach wieder in eins." Als Vorbilder taugten daher vielmehr alternative Wohnprojekte, die sich meist im ländlichen Raum befinden. "Die Idee ist, das was ein Dorf attraktiv macht, in eine Stadt zu packen", erklärt sie.

Was genau das ist, wollen Dittmar und ihre Mitstreiterinnen nun herausfinden. "Es gilt, den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Projekte auszumachen." Mit Befragungen soll zunächst ermittelt werden, mit wie wenig Fläche der Mensch tatsächlich auskommt, und wie viele unterschiedliche Aufenthaltsbereiche, etwa Cafés oder Gemeinschaftsräume, er zum Wohlfühlen braucht.

"Es geht zum einen darum, in solchen Wohnprojekten diejenigen zu befragen, die das schon ausprobiert haben", erklärt Dittmar. Zum anderen wolle sie mit Leuten sprechen, die solche Wohnformen zwar interessant finden, für sich selbst aber ablehnen. "Wir wollen herausfinden, wo die Hemmnisse liegen." Klar sei, dass nicht jeder Mensch auf diese Weise wohnen möchte. "Aber für alle anderen möchte ich etwas schaffen", sagt sie.

Ob es soweit tatsächlich kommt, wird sich im Herbst entscheiden, wenn über Fördergelder für das Suffity-Projekt entschieden wird. Kommt die Zusage, hätten Dittmar und ihre Kolleginnen zwei Jahre Zeit, um herauszufinden, wie sich das Dorf in die Stadt bringen lässt.

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