Wie ein Wohngebiet Generationen verbindet

Um die Hainichener Thomas-Müntzer-Siedlung für junge Mieter attraktiver zu machen, hat die Wohnungsgenossenschaft in den vergangenen Jahren viel investiert. Hat die Verjüngungskur gewirkt?

Der King lebt: Am Samstag wurde in der Thomas-Müntzer-Siedlung ein "Fest der Generationen" gefeiert. In dem Wohngebiet im Osten von Hainichen sorgte unter anderem ein Elvis-Imitator für Stimmung.
Stephanie Flade zog im Vorjahr in das Wohngebiet.
Erika Hohmann lebt seit 1958 in der Müntzer-Siedlung.

Für Sie berichtet: Lea Becker

Die Wohnung in der Thomas-Müntzer-Siedlung war für Erika Hohmann von Anfang an ein Glücksgriff. Vor 60 Jahren zog sie gemeinsam mit ihrem Mann in den Ziegelbau am östlichen Rand von Hainichen. Erstbezug, Parterre, Bad und Kinderzimmer: "Eine schöne Wohnung", sagt Erika Hohmann.

Damals war die Siedlung noch im Entstehen begriffen. Mit jedem neuen Haus, das fertig wurde, kamen junge Mieter hinzu. Bald wuchsen sie zu einer Gemeinschaft zusammen. Bei gemeinsamen Arbeitseinsätzen habe man einander schnell kennengelernt, erinnert sich die heute 82-Jährige. Streit habe es in der Nachbarschaft nie gegeben. "Wir Älteren hier in der Siedlung sind wie eine Familie", sagt Hohmann.

Doch über die Jahre sind viele der Mieter in Pflegeheime umgezogen oder verstorben, berichtet Michael Hofer, geschäftsführender Vorstand der Wohnungsgenossenschaft (WG) Hainichen, zu deren Bestand die Müntzer-Siedlung gehört. In der jüngeren Vergangenheit hat die Genossenschaft daher einiges unternommen, um Nachwuchs ins Wohngebiet zu holen. Das Herzstück: der sogenannte "Platz der Generationen", der als Treffpunkt für Jung und Alt dienen soll. Er wartet unter anderem mit Freiluftschach und Sportgeräten, Tischtennisplatte und Spielplatz auf, auch der Bolzplatz daneben wurde modernisiert. Ein barrierefreier Weg führt einmal durch die Siedlung bis vor den nahegelegenen Supermarkt. Die Genossenschaft erneuert zudem Stück für Stück die Hausfassaden und erweitert die Wohnungen um Balkone.

Den wachsenden Leerstand stoppen konnte all das zwar nicht. Doch es hilft, ihm entgegenzuwirken: In diesem Jahr sind bereits elf neue Mieter in die Müntzer-Siedlung gezogen, in den beiden vergangenen Jahren waren es jeweils 13. Im Schnitt sind die Neuankömmlinge zwischen 40 und 45 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt in der Siedlung liegt heute wie im Jahr 2016 bei knapp über 68 Jahren. "Immerhin ist er nicht höher geworden", sagt Michael Hofer. Dennoch liegt die Siedlung damit deutlich über dem Altersdurchschnitt von Hainichen, der laut Stadtverwaltung 48 Jahre beträgt.

Was zieht junge Leute in diese Nachbarschaft? Die 28-jährige Stephanie Flade schätzt an der Müntzer-Siedlung vor allem die Ruhe. Auch die Mieten seien bezahlbar. Eine Wohnung in der Siedlung ist nach Angaben der Wohnungsgenossenschaft ab etwa fünf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter zu haben. Stephanie Flade lebt seit Oktober vergangenen Jahres in dem Wohngebiet. "Davor habe ich in Limbach-Oberfrohna gewohnt, weil das näher an meiner Arbeitsstelle liegt", erzählt die junge Frau, die in Chemnitz als Tierpflegerin arbeitet. "Aber dann hat es mich wieder zurück in die Heimat gezogen." Da ihre Mutter bereits einige Jahre zuvor in die Müntzer-Siedlung umgezogen war, kannte sie das Umfeld bereits von Besuchen. "Sie ist hier ebenfalls sehr zufrieden", sagt Flade. Der Kontakt zu den älteren Nachbarn sei gut: "Jeder kennt sich hier, man passt aufeinander auf." Den "Platz der Generationen" nutze sie dennoch eher selten. "Meine Arbeit ist ziemlich anstrengend. Ich bin froh, wenn ich nach Feierabend auch mal meine Ruhe habe." Dennoch sei auch ihr aufgefallen, dass immer mehr jüngere Mieter in die Gegend ziehen.

Erika Hohmann freut sich über den Nachwuchs in der Siedlung. Der Kontakt sei gut, man spreche viel miteinander. Für die Älteren sei es schön, junge Leute und Kinder in der Nachbarschaft zu haben. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum den langjährigen Mietern der Zuzug am Herzen liegt. "Wir wünschen uns hier alle, dass es mit der Siedlung noch lange weitergeht."

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