Wiederbelebung mit Paukenschlag

Kaum entsteht der Freiberger Knabenchor neu, widmet er sich einer riesigen Aufgabe. Er wirkt an einer Oper über das Schicksal der Freiberger KZ-Babys mit. Hinter der Weltpremiere steckt ein Tausendsassa.

Theater-Mann Markus Gille arbeitet an einer Weltpremiere. Auch den Freiberger Knabenchor hat er dafür eingeladen.

Für Sie berichtet: Frank Hommel

Vor einem Jahr schien er am Ende, der Freiberger Knabenchor. Chorleiter Andreas Reuter hatte wegen fehlender Entwicklungsmöglichkeiten das Handtuch geworfen, die Musikschule erklärte das Ensemble wegen Nachwuchssorgen für tot und gründete stattdessen einen gemischten Kinderchor. Mochte auch der Gründer und Eppendorfer Kantor Wolfgang Eger dagegen Sturm laufen.

Ein Jahr später überschlagen sich die Ereignisse. Der Chor erhebt sich wie Phönix aus der Asche. Ein neuer Chorleiter ist gefunden. Und dazu eine erste Aufgabe, die es in sich hat. Der neue alte Chor soll in Leipzig an einer Weltpremiere einer Oper über das Schicksal der Freiberger KZ-Babys mitwirken, neben internationalen Künstlern. Auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist mit Workshops beteiligt.

Der Mann, der das möglich macht, ist Chorsänger. Markus Gille singt im Ensemble des Mittelsächsischen Theaters, hat aber schon jede Menge Projekte als Regisseur und Autor auf die Beine gestellt: So die "Freiberger Reformationskantate" über Martin Luther in der Petrikirche, das Theaterstück "Fremd bin ich eingezogen... Die Winterreise" sowie "Werther - in unserer Zeit", in Döbeln das Musical "Dracula".

Nun also Oper - eine von vier jährlichen Produktionen der Opernklasse der Musikhochschule. Der Name: "Freiberg." Den Stoff fand der aus Leipzig stammende Gille an seiner neuen Wirkungsstätte: Die Geschichte jener drei Frauen, die schwanger ins KZ kamen und in den letzten Kriegstagen Kinder zur Welt brachten. Eines in Freiberg, eines auf dem Transport nach Mauthausen, eines im dortigen KZ. Wie durch ein Wunder überlebten die drei Babys.

Gille studierte und arbeitete in Israel. Er hat viele Freunde dort. Er sagt, er ist mit dem Thema sehr vertraut. "Ich kenne die Schicksale aus erster Hand." Als er den Leipziger Gesangsprofessor Roland Schubert traf, war das Projekt schnell besiegelt. Die Texte schrieb Gille, mit der Musik wurden drei junge Komponisten aus Russland, Israel und Nordrhein-Westfalen betraut. Eine Sängerin der Musikhochschule Tel Aviv wirkt mit. Nach Polen sind Fäden gesponnen, ein Teil der Aufführung, "Die letzten Tage von Lodz", beleuchtet das dortige Ghetto. In Leipzig ist Premiere am 10. November, drei Aufführungen folgen.

Der Freiberger Knabenchor soll als Zwischenspiel jüdische Gebete intonieren. Erst vor wenigen Tagen war klar geworden, dass es mit dem Chor weiter geht. Ein Kollege Gilles im Theaterchor, der Südafrikaner Dimitro John Walter Moses, nimmt die Jungen unter seine Fittiche. Gille ist sich sicher, dass die jungen Sänger das meistern. Er kennt sie, da sie bei "La Bohéme" am Theater sangen. "Da sind so spiel- und singfreudige Kinder dabei, die kann man kaum bremsen." Die Gebete seien ideal für die Jungs: "Egal, wie sie die lösen - sie machen das richtig."

Der zwölfjährige Maarten ist einer der Sänger, denen diese Worte gelten. Er sagt, er freue sich sehr auf das Projekt. Auch seine Mutter nennt die Oper "eine tolle Chance". Vor allem freuen sich beide, dass der Chor auch dank dem Engagement der Eltern weiter macht. "Es geht in erster Linie um den Spaß am Singen", äußert sich die Mutter. Der Chor sei eine besondere Gemeinschaft. Am 16. August trifft sich das Ensemble ab 16 Uhr erstmals in der Nordkapelle der Petrikirche. Die Chorknaben freuen sich über Neuzugänge. Auch wer nur erst einmal schnuppern möchte, ist zu den ersten Proben herzlich willkommen.

Einer, der sich besonders freut, ist der Eppendorfer Kantor Wolfgang Eger, der den Chor einst aus der Taufe gehoben hatte. Und der die Knaben nach dem Aus des Chors bei der Musikschule übergangsweise betreut hatte. Nun weiß er sein Erbe in besten Händen: "Ich bin sehr optimistisch, dass der Chor weiterlebt."

0Kommentare Kommentar schreiben