Russisches Restaurant Rodina in Mittweida: Seit dem Angriff auf die Ukraine werden wir angefeindet

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Seit 20 Jahren lebt Alena Dirksen in Mittweida und betreibt das Restaurant Rodina. Auf der Speisekarte steht auch Borschtsch Ukrainskij - ein ukrainisches Gericht. Einfach waren die letzten Wochen für sie und ihre Familie nicht. Mittlerweile hat sie Überwachungskameras am Lokal installiert.

Mittweida.

Wenn Gäste durch die Tür des Rodina treten, lassen sie Mittweida und die Baustelle auf der Rochlitzer Straße hinter sich und sind in einer anderen Welt. Dunkle, holzvertäfelte Wände, eine große russische Flagge über einer Bar, in der neben Saft-, Bier und Wodkagläsern auch mehrere Matroschkas stehen.

Rodina ist russisch und heißt Heimat, erklärt die Inhaberin Alena Dirksen. Vor sechs Jahren hat sie die russische Stube im Herzen von Mittweida eröffnet. In dem Familienbetrieb kellnert die 30-Jährige, ihre Mutter Nina Dirksen steht in der Küche und bereitet Pelmeni, Borschtsch und eine eigene Kreation von gefülltem Hühnchen zu. Doch das Stück russische Heimat, das sich die wolgadeutsche Familie in Mittweida aufgebaut hat, ist seit diesem Jahr bedroht.

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges hat Alena Dirksen mehrere Drohanrufe erhalten: "Verpiss dich, du Russenschlampe" oder "Du sollst verrecken", hätten verschiedene Stimmen gesagt, berichtet sie im Gespräch mit der "Freien Presse". Der Briefkasten neben der Eingangstür sei beschädigt worden, putinfeindliche Aufkleber angebracht. Alena Dirksen erstattete bei der Polizei Anzeige. Die Behörde bestätigt, dass Anzeigen eingegangen seien. Zwei Tatverdächtige seien befragt worden. Die Hintergründe zum Geschehen müssten noch ermittelt werden. Laut einem Sprecher der Polizei laufen die Ermittlungen dabei in alle Richtungen.

Auch von Bekannten habe die Wahl-Mittweidaerin mitbekommen, wie die Stimmung gegen Menschen aus Russland in Deutschland hochkochte. "So etwas habe ich hier noch nie erlebt," sagt Alena Dirksen. Dabei lebe sie seit 20 Jahren in Sachsen, sei vorher nie bedroht oder angefeindet worden. Sie selbst sagt, Deutschland sei genauso ihre Heimat wie Russland. Mittlerweile hat sie Überwachungskameras am Restaurant installiert. Und sich an die angespannte Situation gewöhnt, wie sie sagt. Denn die Sorge um Verwandte begleitet sie schon seit Jahren.

Sie hat Verwandte im Donbas - einer Region an der ostukrainischen Grenze mit Gebieten auf ukrainischer und russischer Seite. Ihre Familie wohnt beiderseits der Grenze, so kenne sie beide Seiten des Krieges, sagt sie. Der Krieg im Donbas begann 2014.

Aber sie will nicht, dass die Entwicklungen zwischen Russland und der Ukraine sich auf ihr Restaurant auswirken. Die Borschtsch Ukrainskij, die ukrainische Variante des bekannten Eintopfes mit Roter Beete und Kraut, wird auch weiterhin auf der Speisekarte bleiben. Wegen Lieferengpässen konnte sie im Sommer allerdings zeitweise kein russisches Bier und keinen moldawischen Weißwein vom Großhändler beziehen. Die Gäste kämen auch weiterhin. 38 Plätze gibt es insgesamt auf zwei Etagen und der Außenterrasse. Hauptsaison herrsche von August bis April.

In Mittweida ist Alena Dirksen die Einzige, die russische Gerichte anbietet. Zu anderen Restaurants muss man weiter weg fahren - nach Zwickau, Meerane oder Chemnitz. Das Rodina in Mittweida hat im Bewertungsportal von Google Maps mehr als 250 Rezensionen. Von den Nutzern ist es mit 4,6 von 5 möglichen Sternen bewertet worden.

Zu den Stammgästen, die auch im Sommer dem Rodina die Treue halten, gehören Elke Ruch aus Mittweida und Inge Rother. Wenn sie sich in Mittweida treffen, dann gehen sie ins Rodina, erklärt Inge Rother. Nicht nur, weil ihr das Essen so gut schmecke. Sie wolle damit auch ein Zeichen setzen, betont die Chemnitzerin. Ihr tue es leid, dass Menschen aus Russland in Deutschland nun angefeindet werden. Ihre Freundin Elke Ruch sagt, dass es so schön heimelig sei im holzvertäfelten Restaurant.

An den Wänden des Rodina hängen Fotos von treuen Kunden. Von Gästen stammen auch die Matroschkas, die von den Regalen mit gut gefülltem Bauch auf die Besucher blicken.

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