Agentur und Jobcenter verlassen Rochlitz

Betroffene müssen künftig längere Wege in Kauf nehmen. Denn die Stadt verliert weitere Behörden. Laut OB Dehne gibt es erste Ideen, wie das ab April leerstehende Gebäude an der Bismarckstraße genutzt werden könnte.

Rochlitz.

Enrico Turm weiß nicht, was auf ihn zukommt. "Bis jetzt hat noch keiner was zugeschickt bekommen. Ich habe nur gehört, dass wir im nächsten Jahr nach Mittweida, Döbeln oder Hainichen fahren müssen", sagt der Rochlitzer. Er bezieht zurzeit sein Geld vom Jobcenter. Doch das hat am 27. März letztmalig in Rochlitz geöffnet. Die Agentur für Arbeit, die ebenfalls in der Bismarckstraße untergebracht ist, wird bereits zum 1. März die Stadt verlassen. Für die betroffenen Leistungsempfänger ist eine ungewisse Zeit angebrochen.

"Bis jetzt konnte man laufen oder mit dem Fahrrad fahren. Ob ich in Zukunft das Fahrgeld für den Bus erstattet bekomme, weiß ich nicht", sagt Enrico Turm. "Immerhin kostet eine Hin- und Rückfahrt nach Mittweida 7,40 Euro. Wenn ich nach Döbeln muss, wird es noch teurer." Wie er der "Freien Presse" erzählt, muss er sich im Schnitt alle zwei bis drei Monate "auf dem Amt" melden, um verschiedene Dinge zu klären. Offiziell seien er und auch andere Leistungsempfänger, die er kenne, bisher nicht über den Wegzug der beiden Behörden informiert worden.

Wie Antje Schubert, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Freiberg, bestätigt, würde zurzeit an neuen Strukturen gearbeitet, um künftig Aufgaben zusammenzulegen. Denn die Region Rochlitz habe die geringste Arbeitslosenquote in ganz Mittelsachsen. Im September seien es gerade mal 408 Arbeitslose gewesen, die nach Sozialgesetzbuch 3 (SGB 3) in Sachen Arbeitslosengeld betreut werden mussten. "Dies ist so eine geringe Anzahl, dass man überlegen muss, ob man weiterhin eine komplette Geschäftsstelle betreiben kann", sagt sie. Hinzu komme, dass die Kunden der Arbeitsagentur durch die Online-Angebote viel von zu Hause aus erledigen können. Das betreffe die Arbeitslosmeldung und die Anträge für das Arbeitslosengeld. "Dies alles wird schon sehr rege in Anspruch genommen. Bei der Online-Nutzung sind wir Spitzenreiter in ganz Sachsen", erklärt Antje Schubert. Und das habe Auswirkungen.

Die komplette Eingangszone des Gebäudes an der Bismarckstraße sei deshalb bereits zum 1. August 2018 leergezogen worden. Seitdem werde dort keine "Laufkundschaft" mehr beraten, sondern nur Kunden, die einen Termin haben und vom Arbeitsvermittler zum Gespräch eingeladen wurden. Zurzeit seien nur noch fünf Mitarbeiter der Arbeitsagentur am Standort Rochlitz tätig. Nach dem Leerzug bis zum 1. März sollen sie dann auf andere Standorte wie Mittweida, Döbeln, Hainichen oder Freiberg aufgeteilt werden. Momentan sei alles noch in der Planungsphase.

Die Arbeitsagentur betrachtet es deshalb als ausreichend, wenn die Kunden ein Vierteljahr vor dem Auszug über alle weiteren Schritte informiert werden. "Und wenn wir feststellen sollten, dass etwas nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, dann könnte auch über ein Bürgerbüro diskutiert werden. Das könnten wir gegebenenfalls einen Tag in der Woche für unsere Kunden in Rochlitz öffnen", so die Pressesprecherin. Das Jobcenter ziehe sich aus den gleichen Gründen wie die Arbeitsagentur aus Rochlitz zurück, teilt die Behörde mit. Die Kunden würden in den Geschäftsstellen Mittweida, Döbeln oder Hainichen weiter betreut. Das Jobcenter sei auch online zu erreichen. Die Betroffenen würden darüber umfassend informiert, so ein Sprecher. Zur Erstattung der Fahrtkosten erklärt er: "Wer vom Jobcenter eingeladen wird, bekommt diese zurückerstattet. Das ist gesetzlich geregelt."

Was mit der Immobilie nach dem Leerzug wird, darüber möchte OB Frank Dehne noch nicht öffentlich sprechen. Nur so viel: "Es gibt ein Interesse daran, dass die Stadt oder jemand anderes das Gebäude nachnutzen will." Die Verwaltung habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, um den Kaufpreis für die Immobilie zu ermitteln, die in Bundesbesitz ist. Alles in allem aber bedauert er sehr, dass sich Behörden aus Rochlitz zurückziehen. "Für die Kunden und auch für die Mitarbeiter, die hier aus der Umgebung kommen, wird die Situation nicht besser. Und es ist für mich unverständlich, dass hier nur nach Fallzahlen entschieden wurde", so der OB. Die Stadt habe dem Landratsamt "Kapazitäten angeboten", doch der Landkreis habe sich leider anders entschieden.


Arbeitsagenturen und Jobcenter im Landkreis Mittelsachsen

Arbeitsagenturen: In Mittelsachsen gibt es fünf Standorte der Agentur für Arbeit. Der Hauptsitz befindet sich an der Annaberger Straße 22A in Freiberg. Weitere Standorte sind in Rochlitz, Flöha, Döbeln und Hainichen. Die Arbeitsagenturen sehen sich als Partner bei der Besetzung von Stellen. Sie unterstützen Firmen bei der Auswahl passender Bewerber, beraten bei Eingliederungsleistungen und sind Partner bei beruflicher Qualifizierung.

Jobcenter: Das Jobcenter Mittelsachsen hat seine Hauptstelle Am Landratsamt 3 in Mittweida und unterhält im Landkreis weitere vier Standorte in Döbeln, Freiberg, Hainichen und Rochlitz. Die Jobcenter sind zuständig für Leistungen zur Grundsicherung für Arbeitssuchende nach dem Sozialgesetzbuch 2. Neben der Grundsicherung des Lebensunterhalts geht es auch um Leistungen zur Eingliederung in Arbeit sowie um Beratung, Vermittlung und Qualifizierung. (ule)


Kommentar: Abgangauf Raten

Die Stadt Rochlitz hat seit dem Verlust ihres Status als Kreissitz einiges verkraften müssen.

Nach der Wende wanderten Kreisbehörden wie die Kfz-Zulassungsstelle ab. 1994 wurde das Amtsgericht aufgelöst. Das Krankenhaus wurde abgespeckt. Große Betriebe wie Hydraulik, Elgero und Stern-Radio gibt es nicht mehr. Reduziert wurden die Kapazitäten am Beruflichen Schulzentrum. Und auch vom Bahnanschluss wurde Rochlitz abgehängt. Doch hier gibt es Bemühungen, diesen wieder in Betrieb zu nehmen. Jüngste Beispiele für den Fortgang auf Raten: Die Landesingenieurgesellschaft List wanderte nach Hainichen ab. Und nun ziehen sich auch Arbeitsagentur und Jobcenter aus Rochlitz zurück. Natürlich spielt die demografische Entwicklung bei vielen Entscheidungen eine Rolle. Doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass von den Absichtserklärungen einiger Bundes- und Landespolitiker, den ländlichen Raum stärken zu wollen, am Ende nur Worthülsen übrig bleiben. Trotzdem hat die Stadt Rochlitz einiges zu bieten: alle Schulformen sind vertreten, es gibt ein Polizeirevier, ein Freibad und vieles mehr. Doch die Entwicklung zeigt, dass die Stadt ständig darum kämpfen muss, dass sie attraktiv bleibt und sich vor allem Jüngere für die Region entscheiden.

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