Altenheime vor schweren Entscheidungen

Bewohner isolieren oder Treffen mit Angehörigen ermöglichen? Die Pflegeeinrichtungen stehen angesichts ständig wechselnder Corona-Regelungen vor dem schwierigen Spagat zwischen Verbot und Menschlichkeit.

Rochlitz.

Knut Bräunlich hofft, dass dies nie eintreten möge. "Aber wenn wir einen Coronafall in unserer Einrichtung haben, dann müssen wir dichtmachen", sagt der Geschäftsführer der Sozialservice Rochlitz gGmbH (SSG). Da das Pflegeheim in der Rochlitzer Mathesiusstraße bislang glimpflich durch die Pandemie kam, versuche das Personal all das auszuloten, was möglich sei, damit die Kontakte zwischen den Bewohnern und ihren Angehörigen weiterhin aufrecht erhalten werden können - wenn auch mit Einschränkungen.

"Wir haben montags bis freitags, jeweils von 14 bis 16.30 Uhr, eine Besuchszeit eingerichtet", erklärt Bräunlich. Jeden Tag sei eine andere Etage dran. Angehörige könnten einen Termin vereinbaren und dann für jeweils eine halbe Stunde den Bewohner treffen. "Das hat logistische Gründe, denn alle auf einmal - das geht nicht." Um die Treffen zu organisieren und die Angehörigen zusammenzubringen, sei extra eine Kollegin freigestellt worden. Für die Treffen stehe die Cafeteria zur Verfügung. Es gebe vier Tische mit Plexiglasscheiben, sodass die Abstandsregelungen eingehalten werden können. Die Angehörigen tragen Mundschutz, Desinfektionsmittel stehe bereit. Für alle Heimbewohner, die im Bett liegen, seien Ausnahmeregelungen getroffen worden, so Bräunlich. Ein Angehöriger, der vom Heim eine FFP2-Maske bekomme, dürfe mit aufs Zimmer. Zudem gebe es Ausnahmeregelungen bei Geburtstagen der Bewohner und kurzfristigen Krankenhauseinweisungen.

Ähnliche Regelungen gelten auch bei der Unternehmensgruppe Zwinscher & Ludwig, die mehrere Alten- und Pflegeeinrichtungen in der Region betreibt, so auch das Seniorenpflegeheim "Die Koch'sche" in Wiederau. Wie Frank Zwinscher von der Geschäftsleitung erklärt, werde während der Coronapandemie ein Besuchskonzept umgesetzt und immer wieder den aktuellen Bedingungen angepasst. "Es sieht vor, dass jeder Bewohner einmal pro Woche für circa eine halbe Stunde Besuch empfangen darf", sagt Zwinscher. Bei schönem Wetter sei das draußen möglich. Aber auch im Innenbereich könne das unter Einhaltung der Hygieneauflagen gewährleistet werden, sodass sich die Angehörigen ungestört mit den Heimbewohnern unterhalten könnten. Wie das Weihnachtsfest verlaufe, für derartige Aussagen sei es noch viel zu früh, da sich bis dahin die Lage noch ändern könne.

Und auch andere Pflegeeinrichtungen in der Region stellt die Coronapandemie täglich vor neue Herausforderungen, die den Mitarbeitern und auch den Bewohnern viel abverlangen. So mancher Chef reagiert da schon mal frustriert. Birgit Völkel-Egerland ist Geschäftsführerin der Lunzenauer BSVS Pflege- und Betreuungsgesellschaft, die das Seniorenheim Schlossblick in Rochsburg und das Haus Abendsonne in Göhren betreibt. Sie wolle sich zu diesem Thema nicht weiter äußern, sagte die Diplom-Pflegewirtin auf Anfrage der "Freien Presse". Es kämen ständig neue Schreiben von den Behörden, aber Testkapazitäten seien nicht verfügbar. Mehr wolle sie dazu nicht sagen. Wie der "Freien Presse" bekannt wurde, sei Angehörigen der Kontakt zu Bewohnern des Hauses Abendsonne wochenlang verwehrt worden. Dabei gebe es eine Verpflichtung, Besuche zu ermöglichen, erklärt eine Leserin, die anonym bleiben möchte. Sie verweist auf die sächsische Corona-Schutz-Verordnung. Darin steht, dass Alten- und Pflegeheime "zur Aufrechterhaltung der Besuchsmöglichkeiten verpflichtet" sind. Im Rahmen eines Hygieneplans oder eines eigenständigen Konzepts sei "durch Regelungen zum Besuch und nach Bedarf zum Verlassen und Betreten der Einrichtungen durch die Bewohnerinnen und Bewohner sicherzustellen, dass die Regelungen nicht zu einer vollständigen sozialen Isolation der Betroffenen führen", heißt es im Paragraph 7. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, die über ihre rund 120 Mitgliedsorganisationen Millionen ältere Menschen in Deutschland vertritt, mahnt zur Verhältnismäßigkeit. Ein Rechtsgutachten habe festgestellt, dass die Besuchs- und Ausgangsbeschränkungen in Pflegeheimen im Rahmen der Coronapandemie in weiten Teilen gegen das Grundgesetz verstoßen würden.

Auch SSG-Geschäftsführer Knut Bräunlich weiß um den Gesetzesdschungel, ist mit immer neuen Regelungen konfrontiert. "Jeder Tag ist für uns ein Spagat zwischen Infektionsgeschehen und dem sozialen Aspekt." Und es gebe immer wieder Angehörige, die diese Einschränkungen nicht verstehen, meint er. Zudem würde manch Kleingedrucktes in Gesetzen und Bestimmungen vieles zuvor Gesagte wieder relativieren. Dem Pflegepersonal gehe es darum, "den Worst Case zu verhindern", damit Einrichtungen nicht geschlossen werden müssen.

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