Altgeringswalder ackert sich durch Medizinstudium

Christian Damm will Arzt werden. Der Numerus clausus in Deutschland hätte seinen Wunsch fast vereitelt. Ein Programm der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsens macht es dennoch möglich.

Altgeringswalde.

Nach dem vierten Semester sollte alles einfacher werden. Über diese Aussage kann Christian Damm nur schmunzeln. Denn die vergangenen Wochen haben dem 22-jährigen Altgeringswalder, der im siebten Semester Humanmedizin studiert, einiges abverlangt. Während einen Tag vor Heiligabend in der sächsischen Heimat manche die Geschäfte nach Geschenken abklapperten oder es sich vor dem Kamin gemütlich machten, schwitzten Christian Damm und sein Geringswalder Studienkollege Tim Sternberg über der Prüfung in Biochemie - nur einer von unzähligen Leistungskontrollen, die den angehenden Medizinern bis zum Sommer noch abverlangt werden.

Da es in Deutschland viel zu wenige Studienplätze gibt, nehmen beide an einem Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsens im rund 900 Kilometer entfernten ungarischen Pécs teil (siehe nebenstehenden Artikel).

Neben Biochemie schwirrten Christian noch Namen und Wirkungsweisen von bis zu 400 Medikamenten im Kopf herum. "Pharmakologie gehört mit zu den umfangreichsten Fächern und erstreckt sich über drei Semester. Allein dafür haben Tim und ich etwa zwölf Wochen gelernt", sagt er. Um sich den Stoff anzueignen, habe er eine spezielle Strategie entwickelt, die unter "Eselsbrücke" bekannt sei. Er hofft, dass die Brücken, die er sich in der Pharmazie baut, auch halten werden. Denn die Abschlussprüfung - "schlicht der Hammer", urteilt Damm - stehe noch aus.

Der Altgeringswalder ist aber zuversichtlich. Umschiffte er doch inzwischen eine Reihe von Klippen. Damm verweist auf die Pathologie und die Pathophysiologie. "Das waren Riesenfächer mit zahlreichen Unwägbarkeiten durch die Komplexität des Stoffgebietes." In der Vorbereitungszeit hätten sie jede Woche eine neue Leiche auf dem Tisch gehabt, die seziert und deren Organsysteme bis ins Detail hätten bestimmt werden müssen. Vor der Prüfung hätten ihm die Nerven geflattert. "Eine falsche Antwort, und ich hätte auf Nimmerwiedersehen nach Hause fahren können", beschreibt er die Anspannung. "Denn in der Praxis hätte diese eine Fehleinschätzung unweigerlich den Tod des Patienten nach sich ziehen können."

Nach der vorklinischen Phase des fünften und sechsten Semesters wird der klinische Teil künftig weitaus mehr Raum in der Ausbildung einnehmen. "Wir haben Kontakt zu Patienten der Pécser Universitätsklinik, fragen sie nach ihrem Befinden, nehmen die Anamnese auf und schlagen Behandlungsmethoden vor. Das ist interessant, und was wir dort lernen, prägt sich besser ein."

Von den 240 Kommilitonen, die 2013 mit ihm und Tim Sternberg in den Studienbetrieb in Pécs eingestiegen waren, ist inzwischen nur noch der "harte Kern" von 60 angehenden Medizinern übrig geblieben.

Derzeit praktizieren in Geringswalde fünf Allgemeinmediziner. Mit Tim Sternberg und Christian Damm werden vermutlich nur zwei Ärzte "nachwachsen". "Das wird nicht reichen", prognostiziert der Student. Solange die Zulassungsbedingungen für Medizinstudenten in Deutschland nicht vereinfacht würden, steuere das Gesundheitswesen früher oder später dem Kollaps entgegen. Christian hat nicht viel Zeit, über derlei nachzudenken. Am Dienstag stieg er mit Tim Sternberg wieder ins Auto. Zielrichtung Pécs.


Projekt läuft seit 2013

Das sächsische Modellprojekt

"Studieren in Europa - Zukunft in Sachsen" wurde 2013 von der

Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen und den Sächsischen

Krankenkassen ins Leben gerufen.

Für jeden Teilnehmer werden die

Studiengebühren für die Dauer der Regelstudienzeit (zwölf Semester) übernommen. Genauer gesagt erhält jeder pro Semester 6600 Euro.

Im September vergangenen Jahres begann der nunmehr vierte Jahrgang das Studium der Humanmedizin im ungarischen Pécs. Dafür bewarben sich 75 Interessenten. 20 Bewerber kamen letztlich zum Zug. Bereits jetzt können sich Interessenten des Modellprojekts für den Jahrgang 2017/18 bewerben. Weitere Informationen

dazu sind auf der Homepage www.kvsachsen.de unter dem Link "Ärztlicher Nachwuchs"zu finden.

Zurzeit versorgen 2633 Hausärzte die Bevölkerung Sachsens. Bis die

Zulassungssperre erreicht ist, könnten weitere 243 Hausärzte tätig werden. Die Schwelle liegt laut Ingo Mohn von der KV bei einem Versorgungsgrad von 110 Prozent in ganz Sachsen. 27 Prozent der in Sachsen tätigen Hausärzte sind 60 Jahre und älter. Daher ist absehbar, dass ein Gutteil der Mediziner in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen wird. Insbesondere in den ländlichen

Regionen wird es, wie Mohn betont, zunehmend schwieriger, Praxisnachfolger zu finden. (grün)

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