Banker mit Leib und Seele

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Er hatte es immer schon mit Zahlen und gerne gerechnet, wie er sagt. Gute Voraussetzungen also, wenn man an der Spitze einer Volksbank steht. Inzwischen ist Leonhard Zintl 25 Jahre Vorstand, und das, obwohl er erst 52 Jahre alt ist.

Rochlitz/Mittweida.

Ein Vierteljahrhundert lang führt Prof. Leonhard Zintl nun schon die Mittweidaer Volksbank. 1997 zieht der gebürtige Oberpfälzer nach sechs Jahren Tätigkeit für das Bankhaus und mit erst 27 Jahren in den Vorstand ein. Dass er einmal so lange in der heute rund 14.000 Einwohner zählenden Kleinstadt arbeiten würde, hätte sich Zintl damals vermutlich nie zu träumen gewagt. Er will nur zwei, drei Jahre bleiben, wie er gegenüber der "Freien Presse" sagt. Bekanntlich kommt es anders.

Doch der Reihe nach: Anfang der 1990er-Jahre. Er ist bei der Volksbank im nordbayrischen Mitterteich beschäftigt. Obwohl Leonhard Zintl erst wenige Jahre dort arbeitet, kennt er das gesamte Aufgabenfeld "vom Archiv bis Kundengeschäft" in- und auswendig. Für einen jungen Bankkaufmann verspricht die Zukunft in jenem Kreditinstitut mit kaum 20 Mitarbeitern also wenig. Und so ist er auf der Suche nach etwas Neuem, einer Herausforderung, die ihn reizt. Er wird auf eine Annonce des bayrischen Genossenschaftsverbands aufmerksam. Es werden Leute gesucht, die nach der Wiedervereinigung Bankhäuser in Sachsen mit Rat und Tat begleiten.

Der Banker hört erstmals den Namen Mittweida und fährt 1991 in die Zschopaustadt - "zwei-, dreimal", wie er betont. "Danach war für mich klar, ich gehe hierher." Denn Leonhard Zintl, Optimist wie er ist, sieht die unglaublichen Chancen, die im Neubeginn für das Kreditinstitut und somit für ihn liegen. "Wir konnten sagen, wir bauen jetzt nicht eine klassische Bank wie im Westen, sondern wir schauen, was braucht es für die Zukunft."

Augenscheinlich hat die Genossenschaftsbank seither vieles richtig gemacht. Das Haus steht gut da und ist seit Jahren auf Wachstumskurs. Allein von 2020 auf 2021 erhöhten sich die Kundeneinlagen von rund 1,5 Milliarden Euro auf gut 1,7 Milliarden Euro - ein Plus von knapp zwölf Prozent. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren lagen die Kundeneinlagen erst bei gut 845 Millionen Euro. Eigenen Angaben zufolge zählt die Volksbank in Sachsen und Thüringen von der Bilanzsumme her sogar zu den größten Genossenschaftsbanken. Immerhin wurden hier im Vorjahr 2,5 Milliarden Euro bewegt. "Wir leben in einer schrumpfenden Region mit einer relativ alten Bevölkerungsstruktur. Die Kaufkraft ist unterdurchschnittlich. Aber wir machen das Beste daraus", erklärt Zintl, der anlässlich des Vorstandsjubiläums weniger von seiner Person als vielmehr von den Aufgaben und Projekten der Volksbank spricht.

Von innovativen Lösungen ist da die Rede, von papierlosen Akten, von Online-Banking und dazu passenden Apps. Es geht auch um Dinge, die auf den ersten Blick wenig bis nichts mit dem klassischen Bankgeschäft zu tun haben. In der Tat gehen die gut 200 Mitarbeiter, die ungefähr 39.000 Menschen und Firmen sowie neun Filialen zwischen Frankenberg und Penig betreuen, ungewohnte Wege. Die Volksbank unterhält mit der "Werkbank 32" ein Gründerzentrum, das Talentschmiede für Unternehmer, Gründer - neudeutsch Start-ups - und Freiberufler ist. "Die Werkbank ist ein Unikat. Es gibt rund 800 Genossenschaftsbanken in Deutschland, keine hat so ein Projekt wie wir", sagt Zintl, der bei derlei Vorhaben auf sein Team und Co-Vorstand Michael Schlagenhaufer zählen kann. "Unser größtes Kapital sind die Mitarbeiter", sagt er einmal.

Ein weiteres Beispiel: Die Teleskop-Effekt GmbH, die die "Werkbank 32" betreibt. Das Tochterunternehmen widmet sich der fortschreitenden Digitalisierung der Welt. Worte wie Blockchain und künstliche Intelligenz fallen. "Wir versuchen immer einen Schritt vorauszudenken und vorauszugehen", sagt der 53-Jährige, der sich Anregungen unter anderem bei Aufenthalten im Silicon Valley, in Estland und Schweden geholt hat. Beispiele, was die Bank und deren Tochter alles so tun, sprudeln aus Zintl nur so heraus. So soll etwa im Garten der "Werkbank 32" eine Tiny-House-Siedlung entstehen, um zu zeigen, "was die Arbeit der Zukunft" mit Cybersicherheit und Smart-Work ausmachen könnte.

Doch warum macht Zintl, der im November 2021 von der hiesigen Hochschule zum Honorarprofessor für digitale Transformation und regionale Innovation ernannt wurde, all das? "Geht es der Region gut, geht es der Volksbank gut", bringt er es auf den Punkt. Große Hoffnungen setzt der verheiratete Vater zweier Söhne und einer Tochter augenscheinlich auf die Jugend. "Wenn es gelingt, bei den rund 7000 Studenten Lust auf Unternehmertum zu wecken, dann kriegen wir letztlich neue Unternehmer und Arbeitsplätze." Auch das eigene Haus hat er dabei im Blick: Mehrfach macht er deutlich, dass das klassische Bankgeschäft "immer weniger Ertrag" abwirft.

Zum Schluss gewährt der Vorstand doch noch etliche Einblicke in sein Privatleben. Allerdings geht es zunächst wieder um sein berufliches Metier, zumindest im weitesten Sinne. Mütterlicherseits sei der Urgroßvater Gründungsvorstand der Genossenschaftsbank in Liebenstein, väterlicherseits der Urgroßvater Gründungsaufsichtsrat der Genossenschaftsbank in Leonberg gewesen. "Ich war also vorbelastet", sagt er, der seit der Kindheit gerne mit Zahlen rechnet, und lacht dabei. Dass er nach wie vor zwischen Mittweida und dem knapp zwei Autostunden entfernten Waldeck pendelt, liegt an der Familie. "Meine Frau stammt aus einem Familienbetrieb, ein Hotel mit Gastronomie", hebt Zintl an. Als ihr Bruder den "mehrere Jahrhunderte alten Betrieb" nicht übernehmen wollte, rang sich seine Frau dazu durch. "Sonst würde der vermutlich nicht mehr existieren." Nicht nur an seinem Arbeitsort gibt Zintl sein Bestes, sondern auch am Wohnort. So setzte er sich etwa als Vizechef des Heimat- und Kulturvereins dafür ein, dass die Glocken der Kapelle der einstigen Waldecker Burg wieder läuten. Bei einem großen Fest wurden die Glocken 2015 gegossen.

Der 52-Jährige, der vier- bis fünfmal pro Woche joggen geht, weil das "den Kopf frisch" hält, und regelmäßig Ski fährt, hält außerdem Vorträge und Seminare. 2020 hat Zintl überdies ein Buch mit dem Titel "Zukunft, einfach machen" veröffentlicht. Es ist ein "Plädoyer für ein Land der 100.000 Wirtschaftswunder" und gibt seine Lebensphilosophie wieder. Ein Kernpunkt: Genossenschaften sind nicht altbacken. Im Gegenteil: Die Idee ist überaus innovativ.

Ein Mann mit derlei Fähigkeiten, warum bleibt so einer in Mittweida und wechselt nicht an größeres Institut? Er winkt ab, kein Interesse. 1996 hätte er die Chance gehabt. Damals ist die Volksbank Leipzig in schwierigem Fahrwasser. Die Messestädter holen ihn an Bord. Vier Monate, in denen er weiterhin für das Mittweidaer Haus arbeitet, reichen, um das angeschlagene Institut auf Kurs zu bringen. 50 Leute muss er kündigen. "Mit jedem habe ich gesprochen." Und die Beweggründe geschildert. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Gespräche keinen Freude bereiteten. Was schließlich den Ausschlag für die Region gibt. "Das wertschätzende Miteinander in Mittweida hat stärker gewogen, als in einem anderen Haus Vorstand zu werden."

Auch nach 25 Jahren als Vorstand denkt Zintl nicht ans Aufhören. "Ich geh noch nicht in Rente. Ich darf noch ein wenig was machen", sagt er und strahlt dabei.

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