"Den Menschen wurde nicht erklärt, was Demokratie ist"

CDU-Kreischef Marco Wanderwitz über sein Verhältnis zur DDR und das größte Versäumnis nach 1990

Limbach-Oberfrohna/Rochlitz.

Marco Wanderwitz ist im Landkreis Zwickau Kreisvorsitzender der CDU. In einer Umfrage zum Thema Mauerfall hatte er geäußert, dass ihm zuerst die Stasi einfällt, wenn er den Begriff DDR hört. Das haben Leser kritisiert: Erik Kiwitter sprach mit ihm.

Freie Presse: Wie hat es Ihnen in der DDR gefallen?

Marco Wanderwitz: Bei meinen vielen bekannten kritischen Äußerungen werden Sie jetzt vielleicht überrascht sein. Ich habe viele schöne Kindheitserinnerungen. An meine Einschulung denke ich zum Beispiel gern zurück, meine Schulzeit in der Lessingschule in Hohenstein-Ernstthal war schön. Als Kind kommt man mit dem Staat ja auch eher nicht in Konflikt und hat nur kleine Wünsche.

Was ist Ihnen als Kind in Ihrer Heimatstadt oder in der Gegend eher negativ aufgefallen?

Na ja, wenn es Südfrüchte gab, da standen sich die Leute vor den Lebensmittelläden die Beine in den Bauch. Viele Dinge gab es nur unter dem Ladentisch. Es war alles grau. Die DDR hatte keine Farbe. Und die Umwelt war mächtig belastet. Ich kann mich gut daran erinnern, dass meine Eltern viel über Ausreise gesprochen haben.

Warum?

Mir war schon klar, dass manches faul war in der DDR. Es ist ja unbestritten, dass Menschen, die ein anderes Land sehen wollten, das nicht im Ostblock lag, sich eingesperrt fühlten. Und natürlich war klar, dass man seine Meinung nicht sagen konnte. Wir wussten als Jugendliche, wo die Stasi saß und was für eine Aufgabe sie hatte. Mit 14 war man so weit, so etwas zu verstehen.

Aber die Stasi hat offenbar nicht Ihr Leben geprägt.

Nein. Gott sei Dank nicht. Gnade der späten Geburt. Aber trotzdem fällt mir zuerst diese Geheimdienstkrake ein, wenn ich den Begriff DDR höre.

Was ist der Grund dafür?

Ich habe als Rechtspolitiker mit unzähligen Zeitzeugen gesprochen, die im Gefängnis, so in Hoheneck, gelandet sind, weil sie in den Westen wollten oder weil sie ihre Meinung offen artikuliert haben. Die sich für eine bessere Umwelt eingesetzt haben und deshalb schikaniert und von Informellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit bespitzelt wurden. Das war zwar rein rechnerisch nur eine Minderheit, aber trotzdem waren es hunderttausende Lebensschicksale. Und deshalb sage ich auch, die DDR war ein Unrechtsstaat.

Was glauben Sie, wie sollte mit der DDR umgegangen werden?

Man muss die Lebensleistungen der meisten Menschen, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben, anerkennen. Ein Arbeiter bei Sachsenring in Zwickau hat genauso hart gearbeitet wie einer bei VW in Wolfsburg. Nur: Die DDR-Wirtschaft war am Ende marode. Ich glaube, man sollte die guten Seiten der DDR - das Schulsystem, wenn man das Rotlicht mal beiseite lässt, oder das Gesundheitswesen - ansprechen. Aber: Sie war eben auch eine Diktatur.

Manche wünschen sich die DDR zurück.

Das kann man nicht im Ernst wollen. Die Leute sollten ab und an einmal alte Bilder anschauen und sich zurückrufen, wie die Lebensbedingungen waren. Das größte Versäumnis nach 1990 ist gewesen, dass man den Menschen nicht ausreichend erklärt hat, was Demokratie ist, wie sie funktioniert.

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