Der leise Abschied eines Gotteshauses

Die Entscheidung für das Ende fiel schon 2017. Doch es sollte drei Jahre dauern, bis die letzte Messe in der katholischen Kapelle in Rochlitz gefeiert werden sollte. Andreas Scheiner erinnert sich anlässlich dessen an die mühevolle Aufbauarbeit in den 1960er-Jahren.

Rochlitz.

Sie müssen damals dicht an dicht gesessen, einige sogar gestanden haben - und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Denn die Kapelle in der Burgstraße, in der sich die Katholiken aus Rochlitz zu Gottesdiensten versammelten, war klein. Nur knapp zehn Menschen hatten darin Platz. Eine Herausforderung, schließlich war wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt eine andere und viele Menschen fest im Glauben verankert. "Es war alles randvoll durch die Umsiedler und Vertriebenen", erzählt Andreas Scheiner, der zu der Zeit in Geringswalde lebte und als Junge diese "Mini-Kapelle", wie er sie nennt, "einmal zu Gesicht bekommen" hatte.

Eine Lösung musste also her für die Katholiken, die zu großen Teilen aus Ungarn und Schlesien stammten. Zwar durften die Gläubigen bei größeren Festen wie etwa zu Ostern und zu Weihnachten die Petrikirche der evangelischen Kirchgemeinde nutzen. Auf Dauer ging das jedoch nicht. Und so suchte Kaplan Bernhardt Sahler, der aus Köln stammte und von 1958 bis 1970 die hiesige Seelsorgestelle leitete, nach einem neuen Domizil. Sein Auge fiel auf ein Haus an der Leipziger Straße. "Im dortigen Erdgeschoss war eine alte Schmiede und Werkstatt", erklärt Andreas Scheiner.

Die Kirche pachtete das Gebäude ab Mitte der 1960er-Jahre und baute an. Ein Kraftakt - daran lassen die Schilderungen des 70-Jährigen keinerlei Zweifel aufkommen. Nur ein Beispiel: Den Beton und den Mörtel mischten die Helfer per Hand in einer großen Wanne. "Es war eine Katastrophe, Material zu beschaffen", erinnert sich der Rochlitzer. "Das war richtig gruselig", fährt er fort. Zum Glück arbeitete eine Frau aus der Kirchgemeinde bei der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) in Tautenhain. "Die hat uns gut unterstützt", betont Scheiner. Dann sagt er: "Das wurde von staatlicher Seite zwar mit Argwohn beobachtet, aber man hat es nicht verhindert." Sogar zwei Doppel-T-Träger aus Stahl konnten in der Kapelle verbaut werden. Das war aus statischen Gründen auch notwendig.

Darüber, warum das DDR-Regime, das mit Religion gar nichts am Hut hatte, die Katholiken gewähren ließ, hat Scheiner seine eigene These. Kaplan Sahler wohnte zwei Häuser weiter in einer Wohnung. Deswegen war dort zugleich der Sitz der Seelsorgestelle untergebracht. Mit im Haus saß die Nationale Front, der Zusammenschluss aller Parteien und Massenorganisationen in der DDR. Beides am Klingelschild zu finden, dürfte, wie es Scheiner erklärt, "nicht jedem gefallen" haben.

1967 wurde die Kapelle geweiht. Rund 50 Gläubige hatten nun Platz. In den oberen Stockwerken wohnte fortan der Seelsorger; auch Gemeinderäume waren untergebracht. "Das war schön, weil die Jugendgruppen jetzt eine Terrasse hatten."

1992 feierten die Gemeindemitglieder das 25-jährige Bestehen. Zu der Zeit war der Mittweidaer Pfarrer für die Rochlitzer mitverantwortlich. "Damit waren wir nicht glücklich", sagt Scheiner. Seit August 1993 lebten wieder Mönche im Kloster Wechselburg, die ab Ende 1993 die Rochlitzer betreuten. 1995 kaufte die Kirchgemeinde die Kapelle, in die in den 1990er-Jahren eine Zwischenwand für die Sakristei eingezogen und somit auf 30 Sitzplätze verkleinert wurde. 2017 verkaufte die Kirche das Haus an einen Investor, konnte es aber noch drei Jahre lang nutzen. Laut Pater Ansgar kamen im Schnitt zehn Gläubige, zuletzt aufgrund der Pandemie weniger. In der Altpfarrei, zu der neben Rochlitz Burgstädt, Penig und Wechselburg auch die umliegenden Orte gehören, leben gut 800 Katholiken.

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