"Leser helfen": Der Schicksalstag, an dem sich alles änderte

Ein Krampf, dann Taubheit in Armen und Beinen, Zusammenbruch und völlige Unbeweglichkeit: Angela Graichen erlitt vor fünf Jahren einen Rückenmarksinfarkt und ist seitdem gelähmt. Mit Spenden können Leser helfen, ein spezielles Auto anzuschaffen.

Claußnitz/Rochlitz.

Das braune Haar fällt der 14-jährigen Elea in Wellen auf die Schultern. Sie ist ein zartes Kind mit weichen Gesichtszügen und sanften blauen Augen. Wie zäh und stark sie ist, sein musste und weiter muss, das sieht man ihr nicht an. Und doch hat sie in ihrem jungen Leben schon viel Schlimmes bewältigt. Der Blick des Mädchens ruht auf seiner Mutter. "Ich möchte, dass sie wieder laufen kann. Das wünsche ich mir sehr", spricht sie über ihren Traum.

Ihre Mutter Angela Graichen ist seit fünf Jahren durch einen Rückenmarksinfarkt von den Schultern abwärts gelähmt. An den Tag, der ihr Leben und das ihrer Familie radikal veränderte, erinnert sich die 53-Jährige vierfache Mutter genau. "Es war gegen 17.30 Uhr, als ich Schmerzen in der Schulter bekam. Ich dachte, es ist ein Krampf und habe versucht, den durch Strecken und Massieren loszuwerden", erzählt sie von jenem 13. Dezember 2014.

Doch auch zehn Minuten später sei der Krampf nicht gewichen. "Im Gegenteil, es kam noch dazu, dass ich erst meine Hände nicht bewegen konnte, dann die Arme nicht mehr." Schließlich versagten auch die Beine ihren Dienst, und Angela Graichen brach zusammen. Ein paar Meter habe sie noch kriechen können. "Dann ging nichts mehr, und ich rief meine Tochter."

Elea Graichen alarmierte sofort ihre Großeltern, die in der anderen Hälfte des kleinen Doppelhauses wohnen. "Ich hatte schreckliche Angst um Mama", sagt sie, die damals neun Jahre alt war. Auch die sofort herbeigeeilten Eltern waren zutiefst erschrocken über den Zustand ihrer Tochter. "Aber so richtig fassen kann man das nicht. Wir haben den Rettungsdienst geholt, und Angela ist ins Krankenhaus gebracht worden. Heute Abend wird es schon wieder gehen, oder dann morgen, haben wir gedacht", sagt der Vater.

Angela Graichen war, so sagt sie, sofort ziemlich klar, dass es sich um einen Schlaganfall oder etwas ähnliches handeln muss. Klarheit ergaben wenige Tage später die Untersuchungen: Beschädigte Blutgefäße hatten einen Rückenmarksinfarkt ausgelöst. Die Folge war die Lähmung. "Ich konnte zuerst nicht einmal den Kopf bewegen. Aber von Anfang an war mir klar, dass ich kämpfen werde. Es wird besser, habe ich mir immer wieder gesagt."

Vieles hat sie seither erreicht. Sie kann im Rollstuhl sitzen, ihre Arme bewegen, ein klein wenig auch ihre Hände. Doch mit den verkrampften Händen an den Rädern des Rollstuhls zu drehen, das fällt ihr sehr schwer. "Ich komme nur ein paar Meter weit." Wichtig sei es ihr, dass sie wieder selbst essen kann und nicht mehr gefüttert werden muss. "Zwar kann ich nichts schneiden und mir auch nicht ein Brot selbst schmieren. Aber man eignet sich mit der Zeit Tricks und Techniken an, eine Schnitte zu essen oder aus einer Tasse zu trinken", erklärt sie.

Das Essen bereitet ihre Mutter zu. "Das ist doch selbstverständlich", sagt die 73-Jährige, die auch die Wohnung sauber macht, wäscht und viele andere Dinge im Alltag erledigt. Um Schriftverkehr oder das Ordnen und Abheften von Dokumenten kümmert sich der 22-jährige Elias, Angela Graichens Sohn. Elea, die ihrer Mutter nur ungern von der Seite weicht, übernimmt zahlreiche Aufgaben im Haushalt.

Um das Leben von Angela Graichen zu erleichtern, sind im Haus Umbauten vorgenommen worden. Der Vater hat Regale tiefer angebracht. Es gab einen Durchbruch zum Nachbarhaus, sodass Angela Graichen nur durch eine Tür von der Wohnung ihrer Eltern getrennt ist. Das ehemalige Esszimmer wurde wohnlich eingerichtet. "Dort ist ihr Lieblingsplatz am Fenster, sie kann auf Gasthof, Kirche und Schule schauen", sagt ihre Mutter, und Angela Graichen nickt zustimmend. "So sehe ich, was draußen los ist und kann ein Stück weit dabei sein."

Aus dem Haus kommt sie nicht oft, regelmäßig zum Einkaufen, aber zu Ausflügen selten, dafür häufig zu Arztbesuchen. Die Kosten für diesen Transport trägt die Krankenkasse. Doch private Fahrten muss sie selbst bezahlen. So kostet sie ein Einkauf im knapp 14 Kilometer entfernten Chemnitz-Center knapp 90 Euro. "Und man muss diesen Fahrdienst bestellen, Termine einhalten, spontan geht da nichts", sagt die 53-Jährige. Dabei würde sie gerade jetzt in der Adventszeit einfach mal einen Weihnachtsmarkt besuchen wollen, auch sonst gern mal in ein Museum oder ein Café gehen, einen Ausflug machen, "gerade dann im Frühjahr, wenn wieder alles grün wird".

Da Angela Graichen in ihrem Rollstuhl sitzend transportiert werden muss, ist dafür ein Van mit Rampe und weiteren Umbauten notwendig. Ein solches Fahrzeug wünscht sie sich und hat sich bereits über geeignete gebrauchte Wagen informiert. Etwa 25.000 Euro Kosten kämen auf sie zu, eine Summe, die sie nicht stemmen kann. Bei der Finanzierung können Spenden der Aktion "Leser helfen" der "Freien Presse" unterstützen. "Wer nicht behindert ist, kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr man sich in den eigenen vier Wänden gefangen fühlt", sagt Angela Graichen - und schaut sehnsuchtsvoll aus dem Fester.

Spenden für Angela Graichen können Sie überweisen an: Verein "Leser helfen", IBAN: DE47 8709 6214 0224 4224 40, Stichwort: Frau Graichen oder unter: www.freiepresse.de/leserhelfen

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...