Die Schlecker-Frauen von Geringswalde

Ehemalige Mitarbeiterinnen haben sich nach dem Aus des Handelsriesen eine neue Existenz aufgebaut. Das Urteil gegen den Firmen-Gründer in dieser Woche ruft Erinnerungen wach.

Geringswalde.

Jana Zielke ist fassungslos. "Dass der Firmenchef mit Bewährung davonkommt, ist für mich ein Schock." Die einstige Schlecker-Mitarbeiterin hatte rund neun Jahre für den Drogerie-Discounter gearbeitet. Noch im März 2012 fühlte sich die heute 47-Jährige zur Loyalität verpflichtet, wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es weitergeht, zumal Geringswalde nur über diesen einen Drogeriemarkt verfügte.

Es kam anders. Für die Geringswalderin brachen unruhige Zeiten an, mit Wechseln von einem zum nächsten Markt. Immer wieder befristete Teilzeitbeschäftigungen. Schlecker sorgte nicht nur in diesem einen Fall für harte Brüche in der Biografie. "Wäre es nach mir gegangen, wäre Anton Schlecker ins Gefängnis gewandert", verdeutlicht sie. Erstaunt hätten sie die harten Urteile, die in dieser Woche gegen die Kinder ausgesprochen wurden. Jana Zielke vermutet, die Kinder seien lediglich Erfüllungsgehilfen.


Kristina Möbius sieht die Verhandlung vom Dienstag eher gelassen. "Ich habe davon gehört, aber im Grunde ist das Thema für mich längst Geschichte", resümiert die ehemalige Filialleiterin der Geringswalder Schlecker-Filiale. "Allerdings hatte ich nicht mit so hohen Strafen für Schleckers Kinder gerechnet. Und dass der einstige Chef, dem ich nie persönlich begegnet bin, mit Bewährung davonkommt, scheint aus meiner Sicht nur auf den ersten Blick milde. Möglicherweise ist das für ihn die Höchststrafe. Wer hält das schon aus, dass die Kinder in Haft genommen werden?"

Kristina Möbius hatte sich im Dezember 2013 entschlossen, ihre eigene Drogerie an der Leipziger Straße zu eröffnen. Der Schritt fiel ihr nicht leicht. Schien doch eine Anstellung beim schwäbischen Drogerie-Riesen eine Zukunft quasi bis zur Rente. "Ich habe damals sehr lange überlegt, ob ich den Sprung in die Selbstständigkeit wagen soll", sagt die heute 49-Jährige.

"Ohne den Rückhalt durch meine Familie hätte ich die Finger von der Idee gelassen." Vor allem die Töchter Aline (28) und Luisa (19) hätten ihr den Sprung ins kalte Wasser erleichtert. Nicht zuletzt habe sie sich bei Ämtern und Behörden gut aufgehoben gefühlt. "Unterm Strich verdanke ich der Agentur für Arbeit wie der Industrie- und Handelskammer viel. Ich bin super unterstützt worden."

Auch, dass ihr Geschäft, das sich unter anderem auf Artikel, die im Osten Deutschlands hergestellt werden, so gut entwickelte, habe ihr geholfen, Abstand von Schlecker zu gewinnen.


Schlecker: Aufstieg und Fall

1975: Anton Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Baden-Württemberg) seine erste Drogerie.

2007: Nach eigenen Angaben ist Schlecker mit mehr als 14.000 Märkten in 13 Ländern europäischer Marktführer.

2011: Nach Jahren in den roten Zahlen beginnt ein radikaler Umbau des Filialnetzes.

2012: Im Januar meldet Schlecker Insolvenz an. Im Sommer werden die letzten Filialen geschlossen, 25.000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.

2016: Die Staatsanwaltschaft erhebt im April Anklage wegen vorsätzlichen Bankrotts. Im März 2017 beginnt der Prozess. (dpa)

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