"Gedenken war schon immer Chefsache"

Landrat Matthias Damm (CDU) schlägt im Interview nachdenkliche Töne an und fordert: Wir brauchen eine ordentliche Erinnerungskultur

Freiberg/Rochlitz.

Eine "ordentliche Erinnerungskultur" mahnt Mittelsachsens Landrat Matthias Damm (CDU) an. Dem 65-jährigen Mittweidaer ist es im Jubiläumsjahr der Befreiung von KZ Flossenbürg besonders wichtig, dass gerade Jugendliche mit Zeitzeugen und Überlebenden von Konzentrationslagern sprechen - solange das noch möglich ist. Im Interview mit Heike Hubricht und Grit Baldauf ging es aber auch um ganz andere Themen.

Freie Presse: Herr Landrat, das neue Jahr ist erst wenige Tage alt. Was sind Ihre Schwerpunkte für 2020?

Matthias Damm: Lassen Sie mich ein paar Stichpunkte aufzählen: Fachkräfte in den ländlichen Raum holen, den Breitbandausbau forcieren und das Investitionsprogramm "Brücken in die Zukunft" umsetzen, zu dem beispielsweise der Neubau des Lehrschwimm- und Therapiebeckens für die Dr.-Lothar-Kreyssing-Schule in Flöha gehören. Ein weiteres Ziel ist, dass wir eine arbeitsfähige Geschäftsstelle der Welterbe-Montanregion Erzgebirge/Krušnohori aufbauen.

Wann wird die neue Geschäftsstelle arbeitsfähig sein?

Das Bewerbungsverfahren ist abgeschlossen. Die 3,5 Vollzeitstellen sollen noch in diesem Jahr besetzt werden.

Welche Aufgaben stehen außerdem für die Welterberegion?

Die Welterberegion muss als Ganzes gesehen werden. Die einzelnen Orte haben den Investitionsbedarf mit insgesamt 70 Millionen Euro beziffert. Jetzt müssen wir noch verhandeln, wie der Freistaat uns bei diesen Ausgaben unterstützen kann. Es sind also noch dicke Bretter, die zu bohren sind. Und wir werden in diesem Jahr auch Kontakt zu anderen Welterbestätten intensivieren.

Sie haben das Thema von Ihrem Vorgänger Volker Uhlig "geerbt". Abgesehen vom Besucherbergwerk "Alte Hoffnung Erbstolln" in Schönborn-Dreiwerden, gibt es im Mittweidaer Raum keine Bergbautradition. Wie haben Sie Zugang zur Montanregion gefunden?

(schmunzelt). Wirkliche Erfahrungen mit dem Bergbau hatte ich nur wenig. Aber ich habe mich eingearbeitet. Und ich habe einen Riesenrespekt davor, was unsere Vorfahren geleistet haben. Als Besucher unter Tage sieht man, unter welchen erschreckenden Bedingungen die Bergleute gearbeitet haben. Nicht umsonst heißt es: Alles kommt vom Berge her. Der Bergbau war bedeutend für die Entwicklung von ganz Sachsen. Gleichwohl weiß ich natürlich, dass der Bergbau nicht in allen Regionen Mittelsachsens verwurzelt ist. Ein Beispiel: Wenn ich in Freiberg nicht mit "Glück auf!" grüße, stoße ich auf Verwunderung. Aber wenn ich in Döbeln "Glück auf!" sage, schaut man mich ebenso verwundert an. Wir sollten daher nicht vergessen, für das Welterbe auch die Bewohner in anderen Teilen des Landkreises zu gewinnen.

2020 jähren sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz und Flossenbürg mit Außenstellen in Freiberg, Rochlitz, Hainichen, Mittweida, Flöha und Oederan zum 75. Mal. Der Landkreis will das Ereignis würdig begehen ...

... und es ist mir persönlich wichtig, immer wieder zu betonen: Wir haben eine Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass sich so etwas nicht wiederholt. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade hier, im heutigen Landratsamtsgebäude, einst eine Außenstelle des KZ Flossenbürg war und hier viele jüdische Frauen gequält wurden. Deshalb will ich mit weiteren Vertretern Mittelsachsens auch zu der zentralen Gedenkfeier des KZ Flossenbürg reisen, dessen Überlebende am 23. April 1945 von der US-Armee befreit wurden. Noch gibt es Zeitzeugen, noch können Überlebende von ihren Erlebnissen berichten. Und wir haben die Pflicht, zuzuhören. Denn wer aus der Vergangenheit nichts lernt, hat kann die Zukunft nicht gestalten. Deshalb war das Gedenken an das KZ Flossenbürg für mich schon immer Chefsache. Auch als ich noch Oberbürgermeister von Mittweida war, habe ich an den Veranstaltungen in der Gedenkstätte teilgenommen.

Werden Sie auch junge Leute aus Mittelsachsen auf die Reise in die Vergangenheit mitnehmen?

Ja, denn es ist wichtig, den Jugendlichen die Geschichte zu vermitteln. Sonst ist die Zeit von 1933 bis 1945 einmal soweit weg wie der Dreißigjährige Krieg oder der Fenstersturz zu Prag.

Oder nur noch ein "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte, wie AfD-Chef Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus bezeichnete?

Die Gefahr besteht. Auch deshalb brauchen wir eine ordentliche Erinnerungskultur.

Braucht es auch eine andere Kultur des Umgangs miteinander? Betrifft auch Sie die Debatte zum Umgang mit Politikern, aber auch mit Vertretern des Staates, mit Rettungskräften beispielsweise?

Aggressivität in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens hat zugenommen, natürlich auch mir und meiner Behörde gegenüber: Die Auseinandersetzung ist verbal schärfer geworden, in der Anonymität ist mancher bereit, auch zu drohen, um bestimmtes Verhalten zu erzielen. Und natürlich erhalten auch wir solche Schreiben.

Sind Sie juristisch dagegen vorgegangen?

Nein, bislang nicht. Aber von meinen Grundsätzen rücke ich nicht ab. Und dazu zählt, dass man mit Name und Adresse zu dem steht, was man schreibt. Und dass man anderen nur das sagt oder schreibt, was man seinen Gegenüber auch ins Gesicht sagen würde.

In der Debatte um das Freiberger Theater und die Kunstfreiheit haben Sie zu einem Ende der Auseinandersetzung aufgerufen. Nach der Verlegung eines Politiktalks in den Städtischen Festsaal wurde bundesweit debattiert, auf Stadtebene läuft die Diskussion noch immer, wenn auch deutlich abgeschwächt. Ändern Sie Ihre Meinung dazu?

Nein, die einstimmige Entscheidung der Gesellschafterversammlung, eine solche politische Veranstaltung zur Wahlzeit aus dem Theater zu verlegen, war richtig. Und die Veranstaltung selbst hat ja auch stattgefunden. Inzwischen sind alle Argumente ausgetauscht. Jetzt ist mal gut. Wir werden nicht zulassen, dass unser Theater von den verschiedensten Gruppierungen einseitig für politische Auseinandersetzungen instrumentalisiert wird. grit/hh

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