Geschichten längst vergangener Tage

Die Taufe eines unehelichen Kindes oder Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg - Marion Hauff befasst sich gern mit Geschichte. Im Seelitzer Gemeinde- archiv räumt sie nun auf.

Seelitz.

Vor ihr liegen dicke, in Leder gebundene Bücher. Die Seiten sind bereits vergilbt, die Ränder zum Teil braun. Marion Hauff zieht sich dünne Stoffhandschuhe über die Hände. "Die waren mal weiß", lacht sie. Sie sitzt über alten Büchern aus dem Archiv des Pfarramtes, in denen Daten zu Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen der Seelitzer festgehalten wurden. Das, was sie an besonderen Geschichten auftut, ist regelmäßig im Amtsblatt, dem "Rochlitzer Anzeiger", zu lesen. Gemeinsam mit dem Historischen Zirkel Seelitz, dessen Mitglied sie ist, bereitet sie die Geschichten auf.

Der Historische Zirkel wurde im Oktober 2012 von Mitgliedern des Vereins Historischer Bergbau Seelitz und geschichtsinteressierten Bürgern gegründet. 16 Mitglieder waren es zwischenzeitlich, inzwischen sind es nur noch fünf, die sich mit den historischen Unterlagen der Gemeinde befassen.


Marion Hauff kam über Umwege zum Zirkel. "Die Gemeinde hatte eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst geschaffen, darauf habe ich mich beworben. Aber ich wollte mich schon vor Antritt der Stelle mit Dorfgeschichte auseinandersetzen. So kam ich zum Historischen Zirkel", erklärt die 56-Jährige.

Das Archiv ist umfangreich, sagt sie. So habe der ehemalige und bereits verstorbene Kantor der Seelitzer Kirchgemeinde, Gerhard Reichel, viele Unterlagen zusammengetragen. Später habe auch Horst Bemmann, inzwischen Bürgermeister im Ruhestand, Unterlagen hinzugefügt. "Aus den 90er-Jahren existieren viele Kopien von Akten, unbeschriftete Bilder, das muss alles mal katalogisiert werden", so Hauff.

Seit Februar dieses Jahres hat sie dafür sogar eine Stelle in der Gemeindeverwaltung Seelitz inne. Neben den üblichen Bürotätigkeiten in der Verwaltung bringt sie Ordnung in das Gemeindearchiv, hat freien Zugang zum Archiv der Kirchgemeinde. Bürgermeister Thomas Oertel unterstützt die Aufarbeitung. "Bei der Fusion der vielen Ortschaften vor mehr als 25 Jahren wurden viele historische Belege gemeinsam verstaut. Marion Hauffs Aufgabe ist es auch, die geschichtliche Entwicklung der Gemeinde nachzuvollziehen", so der Gemeindechef.

Ihre Begeisterung für Geschichte entdeckte die gelernte Wirtschaftskauffrau sehr früh. "Mein Urgroßvater hatte viele Feldpostkarten, die ihm Freunde im Ersten Weltkrieg schrieben. Die haben mich als kleines Kind schon fasziniert. Und als ich lesen konnte, interessierte ich mich für die Lebensgeschichten dahinter", so Hauff.

Lesen können allein reiche bei den Handschriften der alten Pfarrbücher, manche aus dem 14. Jahrhundert, allerdings nicht immer aus. Viele alte Schreibstile habe Hauff sich im Selbststudium angeeignet. Oft stößt Marion Hauff beim Sichten auch auf Kurioses. "Im Jahr 1685 wird eine Kindstaufe erwähnt. Die Mutter des Kindes, eine Magd namens Anna, sagte aus, ihr sei auf dem Heimweg 'ein fremder Kerl im wiederauischen Holze begegnet und habe sie mit Gewalt genotzüchtigt'. Das sind schon befremdliche Ausdrücke."

Wer alte Postkarten, Briefe oder Fotos hat, die zur Aufarbeitung der Seelitzer Geschichte beitragen, kann diese leihweise bei der Seelitzer Gemeindeverwaltung, Mittweidaer Straße 5, abgeben.

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